Durchdringend schaut „Le Témoin“ alle Besucher und Besucherinnen an, die an ihr vorbeilaufen. Eine Iris ist hellgrün, die andere blau, und beide sind so groß wie Untertassen. Tiefschwarze Wimpern recken sich wie Spinnenbeine in die Höhe und berühren fast das feuerrote Haar der Skulptur aus Polyester. Geschaffen hat den Kopf die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle als Symbol für unabhängiges Denken. Außerdem steht er für den Kampf der Künstlerin um Anerkennung der Frau als selbstbestimmtes Subjekt.
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Es ist ein Kampf um Selbstbehauptung, den Niki de Saint Phalle ihr Leben lang geführt hat und der tief in all ihren Arbeiten verwurzelt ist. Gerade also „Le Témoin“ an den Eingang der neuen Sonderausstellung „Dream Machine“ (10.9.2026 bis 7.2.2027) zu stellen, ist ein gelungener Schachzug vom Kunstpalast und Kuratorin Heike van den Valentyn. In zwölf Themenräumen mit rund 100 Werken begleiten Besucherinnen und Besucher Niki de Saint Phalle auf ihrem Weg zur weiblichen Freiheit.
Niki de Saint Phalle: Missbrauch und Wut
„Niki de Saint Phalle ist eine feministische Künstlerin mit großen Träumen“, findet Kuratorin Heike van den Valentyn. Um sich als Künstlerin und Frau im männlichen Klima der 60er-Jahre durchzusetzen, wählte sie zu Beginn einen radikal-anmutenden Weg. Frühe Assemblagen sprechen eine deutliche Sprache: In ihnen sind Messer, Revolver und andere düstere Dinge eingearbeitet. Auch die sogenannten „Tirs“, die Schießbilder, rechnen mit dem Patriarchat ab. „Sie entstanden in einer großen Wut über die festen Rollenbilder“, so van den Valentyn.
Mit „Ahriman et Lucifer attaquent“ hängt ein dreiflügeliges Schießbild im Kunstpalast, auf dem zwei monströse Gestalten mit riesigen Zähnen und Klauen eine hilflose Puppe in der Bildmitte angreifen. Hier verarbeitet Saint Phalle nicht nur Geschlechterrollen, sondern auch traumatische Erlebnisse aus der Kindheit wie den Missbrauch durch ihren eigenen Vater. Besonders bedrohlich wirkt das Bild auch durch die schwarzen Farbspritzer, die sich über die weiße Gipsschicht verteilen.
Wie diese Effekte entstanden sind? Genau hier kommen die Schusswaffen ins Spiel. Mit denen malträtierte Niki de Saint Phalle die Bilder und ließ die Farbeinschlüsse unter der Gipsschicht explodieren. Sekunden später ergoss sich die Farbe dann von selbst über den Gips. Allein schoss die Künstlerin selten. Manchmal griffen Kollegen und Kolleginnen zur Waffe, ein anderes Mal war es das Publikum. „Sie hat Kunst immer auch als etwas Interaktives gesehen, um mit den Menschen in einen Dialog zu kommen“, erklärt die Kuratorin.

„Le Témoin“ begrüßt die Besucherinnen und Besucher direkt zu Beginn der neuen Ausstellung „Dream Machine“.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich
Yayoi Kusama als Leidensgenossin im Kunstpalast
Viele Arbeiten der 2002 verstorbenen Künstlerin sind auch in Kollaboration mit Kolleginnen und Kollegen entstanden. „Wir wollten sie als Teil eines Netzwerkes zeigen. Ob nun mit den Kollaborationen oder indem wir Arbeiten anderer Künstlerinnen in Dialog mit den Werken von Niki de Saint Phalle stellen“, erklärt Felix Krämer, Generaldirektor und künstlerischer Leiter der Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf.
Und dieses Zusammenspiel funktioniert hervorragend. Manchmal, wie im Fall von Yayoi Kusama, ist es Trauma, das verbindet. Die kürzlich verstorbene japanische Künstlerin ist mit phallus-ähnlichen Skulpturen in Düsseldorf vertreten. Sie litt, ebenso wie Niki de Saint Phalle, unter einer schwierigen Beziehung zur eigenen Mutter. In „Devouring Mothers“ (Verschlingende Mütter) verarbeitet Saint Phalle die strenge Erziehung in der eigenen Kindheit. Vor den biederen Damen mit grauen Haaren liegt bei der Kaffeetafel nämlich kein Stück Kuchen auf dem Teller, sondern eine babyähnliche Puppe.

Im Fall von Luise Kimme ist es die Kunst und die Vorliebe für Polyester als Werkstoff, die die beiden verbindet. Das Werk „Baum“ von Luise Kimme scheint förmlich mit farbenfrohen Werken von Niki de Saint Phalle im Raum zu verschmelzen. Die Skulptur aus glänzendem Polyester hat eine ähnliche raumgreifende Präsenz, wie die so berühmten Nanas der Französin. Es waren ihre ersten autonomen Skulpturen. Mit den kurvigen, knallbunten Polyester-Damen huldigte sie der Weiblichkeit in einer Form, die in den 60er-Jahren noch als radikal galt.
In Düsseldorf stehen gebärende Nanas, schlittschuhlaufende Nanas, Nanas in aufreizender Lingerie und tanzende Nanas. Andere hängen wie kleine kurvige Quellwollen von der Decke und eine wurde sogar gekreuzigt. Sie alle zeigen verschiedene Facetten von Weiblichkeit und sie alle brauchen Platz. Manch eine Nana in Düsseldorf ist gut zwei Meter groß. Mit den so freundlich wirkenden Nanas hat sich Niki de Saint Phalle auch ihren größten Traum erfüllt: „Die Nanas sind freie Frauen“, sagte sie Ende der 70er in einer Filmdokumentation.
Niki de Saint Phalle – Dream Machine, 10.9.26 bis 7.2.27, Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, Düsseldorf. Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 16 Euro (Kinder unter 18 Jahren frei).