Waldbrände haben in diesem Sommer nicht mehr nur den Mittelmeerraum getroffen, auch in vielen anderen Teilen Europas kam es zu schweren Bränden. Um solche Feuer künftig besser einzugrenzen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, könnte eine alte Form der Landbewirtschaftung helfen: gezielte Beweidung. Doch können Schafe, Ziegen und Rinder wirklich zur Brandprävention eingesetzt werden?

Es sind Bilder, die lange vor allem mit Südeuropa verbunden waren: brennende Wälder, dichte Rauchwolken, evakuierte Dörfer. Im Sommer 2026 erreichten die Feuer aber auch verstärkt Regionen weiter nördlich. Mitte August brannte es im Hohen Venn im Osten Belgiens tagelang. Rund 3.000 Hektar standen in Flammen. Mehrere Dörfer mussten evakuiert werden. Laut Angaben der Europäischen Union war es der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes.

Etwa zur selben Zeit registrierte Nordrhein-Westfalen in Hürtgenwald den größten Waldbrand in seiner Geschichte. Absolut betrachtet verbrannten in diesem Jahr in der EU die größten Flächen in Spanien, Italien und Frankreich. Doch insbesondere in der Slowakei, Belgien, Estland und den Niederlanden lagen die verbrannten Flächen deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Damit wächst Europas Waldbrandproblem – und mit ihm die Suche nach Präventionsmethoden. Eine ist keineswegs neu: Tiere, die systematisch Brennmaterial aus der Landschaft fressen. Die gezielte Beweidung könnte eine wichtige Rolle spielen, wie Untersuchungen zeigen.

Weidetiere können Waldbränden entgegenwirken

„Kleine Wiederkäuer können durch Grasen, Äsen und Zertreten die Biomasse reduzieren“, sagt Professorin Elsa Varela Redondo vom spanischen Nationalen Forschungsrat CSIC. Beweidung könne das Wachstum der Strauchschicht unter dem Kronendach kontrollieren und damit sogenannte Brandschutzleitern – Vegetationsschichten, über die sich ein Bodenfeuer bis in die Baumkronen ausbreiten kann – reduzieren.

Feuerschutz

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Auf aufgegebenen Weideflächen könne sie zudem dazu beitragen, dichte und leicht entzündliche Strauchbestände wieder in weniger brennbares Weideland umzuwandeln und so als natürliche Brandschneisen zu wirken. „Dabei handelt es sich um breite, vegetationsfreie Streifen, die Feuerwehrleuten als sichere Ein- und Ausgänge dienen“, erklärt Varela, die sich mit nachhaltigem ländlichem Management und der Forstwirtschaft beschäftigt.

Entscheidend sei allerdings, wie die Tiere eingesetzt werden. „Fachkundiges Management mit hoher Tierdichte pro Hektar über kurze Zeiträume ist der Schlüssel zum gewünschten Ergebnis.“ Schafe oder Ziegen müssen also gezielt dorthin gebracht werden, wo ihre Wirkung gebraucht wird. Varela betont: „Kleine Wiederkäuer sind nicht per se gut oder schlecht. Es kommt allein auf das Management an.“

Der Waldbrandforscher Gavriil Xanthopoulos sieht in der Aufgabe der Landwirtschaft einen wesentlichen Risikofaktor. „Ein Großteil der Verschlimmerung der Waldbrände ist heute auf die Umstellung auf Stallhaltung in der Viehzucht zurückzuführen, die mit der Landflucht einhergeht“, sagt der ehemalige Forschungsdirektor für Waldbrände der griechischen Landwirtschaftsorganisation Dimitra. Schließlich wächst die Vegetation dort dichter und Büsche sowie Gräser bilden zusätzliches Brennmaterial.

Wo früher mediterrane Buschlandschaften von bis zu 1,5 Metern Höhe mit Lücken zwischen den Sträuchern existierten, gebe es heute vielerorts dichte Bestände von mehr als zwei Metern Höhe. Sein Fazit: „Die Weidewirtschaft kann und muss eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Brandgefahr spielen.“

EU erkennt Beweidung als Prävention an

Die EU-Kommission führt extensive Beweidung seit dem Frühjahr ausdrücklich als Instrument des landbasierten Waldbrandschutzes an: „Durch aktives und nachhaltiges Land- und Waldmanagement reduzieren [Landwirte und Waldbesitzer] die Ansammlung von Brennmaterial, erhalten offene und mosaikartige Landschaften und tragen dazu bei, die Ausbreitung und Intensität von Bränden einzudämmen.“

Auch über die sogenannte Gemeinsame Agrarpolitik können Maßnahmen zur Verringerung von Brennmaterial in besonders gefährdeten Landschaften unterstützt werden. Damit ist gezielte Beweidung nicht nur Gegenstand einzelner Forschungsprojekte, sondern offiziell als Bestandteil der europäischen Waldbrandprävention anerkannt.

Spanien hat Weidetiere als Brandschutz etabliert

Besonders populär ist der Ansatz in Spanien. In Andalusien setzt das Programm Rapca seit 2005 Schafe und Ziegen gezielt auf öffentlichen Waldflächen ein. Die Tiere sollen dort die Vegetation reduzieren und natürliche Brandschneisen schaffen. Bevorzugt werden Flächen mit vorhandener Brandschutzinfrastruktur und traditioneller Viehhaltung beweidet – vor allem im Frühjahr und Frühsommer. Die Hirten erhalten dafür eine finanzielle Entschädigung.

Das Beispiel zeigt zugleich, dass die Tiere nicht einfach auf einer beliebigen Waldfläche ausgesetzt werden. Die Beweidung wird räumlich und zeitlich geplant und mit bestehender Brandschutzinfrastruktur verbunden. Ihre Wirkung entsteht dort, wo ausreichend Vegetation entfernt werden soll, bevor die eigentliche Waldbrandsaison beginnt.

Der Ansatz kommt auch in anderen Regionen Spaniens zum Einsatz. In Madrid werden neben Schafen und Ziegen auch Rinder und Pferde eingesetzt; für dieses Jahr wurde die Fläche auf 3.750 Hektar ausgeweitet. In Katalonien soll die digitale Plattform „SilPas“ berechnen, wo Beweidung besonders sinnvoll sein könnte. Das Pilotgebiet im Prades-Gebirge umfasst rund 40.000 Hektar und ist einem hohen Brandrisiko ausgesetzt. Auf Gran Canaria beteiligen sich in diesem Jahr 40 Viehzüchterfamilien an einem Beweidungsprogramm.

Portugal kombiniert ebenfalls Beweidung mit kontrollierten Bränden. Zwischen 2019 und 2024 wurden in mehreren Regionen große Weideflächen einbezogen. 48 Betriebe in portugiesischen und spanischen Regionen, die überwiegend Ziegen, Rinder und Schafe hielten, waren beteiligt. Nach Angaben der EU-Kommission konnten dadurch tatsächlich Brennstoffansammlungen reduziert werden.

In Deutschland ist die gezielte Waldbeweidung dagegen vielerorts rechtlich stark eingeschränkt. Gleichzeitig wird ihr Nutzen derzeit untersucht. Im brandenburgischen Beelitz werden Weidetiere gezielt auf Waldbrandschutzstreifen in forstlich genutzten Wäldern eingesetzt. Sie fressen Gras und junge Pflanzen. Das Forschungsprojekt „PreGraze“ untersucht, ob sich damit Waldbrandprävention und Biodiversität verbinden lassen. Die Region gilt wegen ihrer Kiefernwälder und trockenen Böden als eine der brandgefährdetsten Regionen der Bundesrepublik.

Wenn Beweidung selbst zum Problem wird

Weidetiere sind allerdings nicht automatisch gut für den Wald. Ist ihre Zahl zu groß, können sie Vegetation und Böden schädigen. Überweidung kann nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen außerdem die natürliche Waldverjüngung behindern, Bäume schwächen und langfristig sogar die Brandgefahr erhöhen.

Auch die Nationalversammlung in Frankreich, wo Ziegen bereits in den 1980er-Jahren zur Pflege von Brandschutzflächen eingesetzt wurden, wies zu Jahresbeginn auf die möglichen negativen Auswirkungen auf Wälder hin. Würden sie unkontrolliert eingesetzt, würden sie auch Baumsetzlinge fressen, die Rinde ausgewachsener Bäume abschälen und die Waldverjüngung beeinträchtigen. Besonders sinnvoll sei ihr Einsatz deshalb nahe Siedlungen, auf Brandschutzflächen und entlang von Wegen, aber nicht im Inneren geschlossener Waldgebiete.

Im Juli legte das französische Landwirtschaftsministerium einen Verordnungsentwurf vor, der unter bestimmten Voraussetzungen landwirtschaftliche Maßnahmen zur Schaffung von Schneisen vom Vorwurf der Entwaldung ausnimmt. In Griechenland erkennt ein im vergangenen Februar verabschiedetes Gesetz kontrollierte extensive und semi-extensive Beweidung ausdrücklich als Instrument der Waldbrandprävention an.

Waldbrandforscher Xanthopoulos hält solche Ansätze grundsätzlich für sinnvoll. Wo noch genügend extensive Viehhalter vorhanden seien, müssten diese etwa durch Weidepläne, Beratung, Infrastruktur und Einkommenshilfen unterstützt werden. Wo es zu wenige Tierhalter gibt, brauche es gezielte Programme, um neue Beweidung aufzubauen. Das hat dem Waldbrandforscher zufolge bedeutende Vorteile: „Viehhalter können auch an Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen beteiligt werden und je nach Alter und Fähigkeiten sogar als saisonale Feuerwehrleute mitwirken.“

Waldbrandsituation in Europa verschärft sich

Dass die Methode künftig wichtiger werden könnte, zeigen die aktuellen Zahlen. Nach Angaben des Europäischen Waldbrandinformationssystems EFFIS waren im laufenden Jahr mit Stand vom 2. September 647.375 Hektar EU-Fläche verbrannt – unter dem Rekordjahr 2025, aber deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.

„Die Waldbrandgefahr beschränkt sich nicht mehr auf Südeuropa, sondern betrifft […] zunehmend größere Teile des Kontinents.“

EU-Kommission in einer Pressemitteilung

Besorgniserregend ist vor allem der steile Anstieg der durchschnittlichen Brandfläche seit Juli, bei dem in den Spitzenwochen im August mehr als das Dreifache der wöchentlichen Brandfläche aus den vergangenen zwei Jahrzehnten vernichtet wurde.

Die EU-Kommission geht wegen steigender Temperaturen und anhaltender Trockenheit von einem zunehmenden Risiko in Europa aus. „Die Waldbrandgefahr beschränkt sich nicht mehr auf Südeuropa, sondern betrifft unter anhaltenden heißen und trockenen Bedingungen zunehmend größere Teile des Kontinents“, konstatierte die EU-Kommission Mitte August in einer Pressemitteilung.

Weidetiere allein können Waldbrände nicht verhindern

Unter allen EU-Ländern trafen die diesjährigen Waldbrände Spanien am stärksten. Nach Angaben von Forstwirtin Varela waren auch Weideflächen betroffen. Letztlich sei es schwierig zu messen, ob kontrollierte Beweidung die Zahl der Waldbrände senke, weil Feuer viele Ursachen habe. „Wir wissen jedoch, dass die Schwere und dadurch die potenziellen Schäden aufgrund der Verringerung der Biomasse reduziert werden.“

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Das zeigte sich auch bei zwei großen Waldbränden in der Region Madrid in diesem Sommer. Nach Angaben der Regionalregierung beobachteten Einsatzkräfte in mehreren zuvor beweideten Flächen eine geringere Brandintensität. „Tatsächlich blieb in vielen Gebieten die Gehölzvegetation, vor allem Bäume, vom Feuer unberührt. In einigen Fällen bildet die beweidete Fläche eine klare Grenze des Brandherdes“, berichtet die örtliche Katastrophenschutzbehörde in einer Mitteilung. Zudem hätten Feuerwehrleute die Flächen als sichere Arbeitsbereiche für ihre Löscharbeiten nutzen können.

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Auch Waldbrandexperte Xanthopoulos misst der Verringerung von Brennmaterial durch Beweidung eine hohe Bedeutung bei. Entscheidend sei zudem, ob die Feuerwehr die geschaffenen Flächen im Ernstfall tatsächlich nutzen könne. „Natürlich ist dies kein Allheilmittel, aber in Verbindung mit anderen Vorteilen, wie der Erleichterung des Zugangs und der Unterstützung der lokalen Bevölkerung, ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis hoch.“

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