Kriminalfall, Pop-Mythos und Projektionsfläche: Obwohl er nur 25 Jahre alt wurde, prägte Tupac Shakur die Rap-Welt wie kaum ein anderer. Kurz vor seinem 30. Todestag fiel nun das erste Urteil zu seiner Ermordung – den Mythos vom Elvis des Hip-Hop wird auch dieses nicht beerdigen.
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Blasphemie. Nicht weniger empfand die Rap-Szene, als der mäßig begabte, aber übermäßig bekannte Rapper Lil Yachty es 2016 wagte, öffentlich sein Desinteresse an 2Pac und The Notorious B.I.G. zu Protokoll zu geben. Dabei war es für Rap-Verhältnisse fast schon niedlich, was der Soundcloud-Rapper von sich gab. Er kenne keine fünf Lieder von den beiden und überhaupt müsse man nicht Picasso studieren, um Malen zu lernen. Die Lästerei ist eine Dekade her, am Blick auf die beiden hat sich nichts verändert: 2Pac und Biggie sind die zwei Säulenheiligen der Szene.
Auch 30 Jahre nach seiner Ermordung am 13. September 1996 bleibt Tupac Amaru Shakur die wohl schillerndste Rapfigur aller Zeiten. Doch wie bei so vielen Heiligen gibt es auch bei Shakur Widersprüche und dunkle Seiten. Auf der einen Seite der politische, progressive und gesellschaftskritische Rapper, der in vielen Punkten seiner Zeit voraus war, auf der anderen Seite die Inszenierung als aggressiver „Thug“ und ein Gefängnisaufenthalt nach einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs. Auch zu seinem frühen Tod gibt es trotz des bisher einzigen Schuldspruchs vor wenigen Tagen noch viele Fragen – und mindestens genauso viele Verschwörungen.
Dieses Spannungsfeld bestimmt heute auch den Blick auf 2Pacs musikalisches Schaffen. Als er 2017 in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, beschrieb diese ihn als „(…) provokativen Künstler und furchtlosen Aktivisten“. Shakur habe mit „seinem umgangssprachlichen, poetischen Flow Polizeibrutalität, systemischen Rassismus und die Realitäten in den Innenstädten“ beschrieben und „Prahlerei und Wut mit unverfälschter Verletzlichkeit“ verbunden und damit dem Hip-Hop neue Möglichkeiten aufgemacht.
Aufgewachsen an der Ostküste, Gesicht der Westküste
Er repräsentierte im „East Coast vs. West Coast“-Konflikt der 1990er-Jahre die West Coast zusammen mit Künstlern wie Dr. Dre oder Snoop Dogg, wurde aber in New York geboren – was sich auch in seinem ersten Rappernamen „MC New York“ widerspiegelt. Seine Mutter Afeni Shakur war wie sein Stiefvater Mutulu Shakur Mitglied der Black Panthers. Dieses Umfeld sorgte für die frühe und politische Sozialisierung, die sich durch die – nicht nur für sein kurzes Leben – riesige Diskographie des Rappers zieht.
Schon zu Lebzeiten veröffentlichte er vier Studioalben, posthum erschienen sieben weitere. Dazu kommen Soundtracks, Compilations und unzählige Features. Durch seine extreme Arbeitsmoral, die Öffnung seines Nachlasses und die Vielzahl an semi-offiziellen Projekten ist es fast unmöglich, sich einen echten Überblick zu verschaffen. Ein Fan-Projekt hat einen Katalog mit über 500 Songs erstellt, es dürften vermutlich noch mehr sein.
Nach einer unsteten Kindheit in New York zog die Familie 1986 nach Baltimore, wo Shakur sich an seiner High School, der Baltimore School for the Arts, mit Literatur, Schauspiel, Tanz und Ballett beschäftigte. Dort entwickelte sich eine Seite, die später hinter seinem Gangsta-Rap-Image oft verschwand: der belesene und theaterbegeisterte Autor und Lyriker. So wählt er für sein letztes zu Lebzeiten fertiggestelltes Album (The Don Killuminati: The 7 Day Theory) angelehnt an den italienischen Philosophen Niccolò Machiavelli den neuen Künstlernamen Makaveli.
Schon 1988 folgte der Umzug nach Kalifornien, wo er im Umfeld der Hip-Hop-Gruppe Digital Underground seine ersten Schritte im Musikgeschäft machte. Sein erstes Soloalbum, „2Pacalypse Now“ aus dem Jahr 1991, bildete den Auftakt für eine kurze und intensive Karriere: Neben der Musik wirkte Shakur auch in sechs Spielfilmen mit, in mehreren als Hauptdarsteller.
Genau in diesen Jahren wurde er auch zum Gesicht des „East Coast vs. West Coast“-Konflikts, der sich schnell von der musikalischen Ebene auf das reale Leben übertrug. So wurde Shakur im November 1994 in den New Yorker Quad Studios fünfmal angeschossen und schwer verletzt, wofür er das Label „Bad Boy“ rund um den sechs Monate nach ihm ermordeten Notorious B.I.G. und Labelmanager Puff Daddy verantwortlich machte.
Spätestens ab Ende 1994 stand er im Mittelpunkt des Konflikts, der am 7. September 1996 nach einem Mike-Tyson-Kampf in Las Vegas seinen traurigen Höhepunkt fand. Nach dem Kampf gerieten Shakur und sein Umfeld in ein Handgemenge mit dem Gang-Mitglied Orlando Anderson. Später wurden an einer roten Ampel aus einem weißen Cadillac mehrere Schüsse auf den BMW abgegeben, in dem Shakur saß. Er wurde mehrfach getroffen. Sechs Tage später, am 13. September 1996, starb er im Krankenhaus.
Mit dem Tod von 2Pac kamen die Verschwörungstheorien. Jahrzehntelang erhob die Justiz keine Anklage, obwohl 2Pac mitten auf dem Strip von Las Vegas attackiert wurde. Der US-Komiker Chris Rock scherzte einmal, mehr Amerikaner hätten die Ermordung von 2Pac gesehen als die letzte Episode der US‑Sitcom „Seinfeld“. So ging es in den wilden Spekulationen zunächst um die Umstände des Todes und die mutmaßlichen oder vermeintlichen Verquickungen der Rapper von der Ostküste.
Die wohl wirkmächtigste Legende entstand aber vor allem, weil nach Shakurs Tod immer noch so viel neue Musik von ihm erschien und diese durch die zeitlosen Themen auch weiter aktuell wirkte. Inspiriert von der „Elvis lebt!“-Bewegung kursierten immer mehr Geschichten, die beweisen sollen, dass 2Pac noch am Leben ist.
Mal fanden sich Hinweise angeblich in den Lyrics des Rappers, mal tauchte ein verschwommenes Foto auf, das ihn auf Kuba oder in Malaysia zeigen soll. Der US-Comedian Dave Chappelle verewigte die Bewegung mit seiner 2Pac-Parodie „I wrote this song in 94“.
Auch das erste Urteil im Mordfall Shakur bringt nur unwesentlich mehr Klarheit: Duane „Keffe D“ Davis – Onkel des Gang-Mitglieds, das sich am Tatabend mit Shakur ein Handgemenge lieferte – wurde am 31. August 2026 wegen Mordes ersten Grades unter Verwendung einer tödlichen Waffe schuldig gesprochen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm nicht vor, selbst geschossen zu haben, sondern die Tat organisiert zu haben (was nach dem Recht des US-Bundesstaates Nevada möglich ist). Als Schütze wird bis heute Davis’ Neffe Orlando Anderson verdächtigt, der allerdings schon 1998 bei einer Schießerei ums Leben kam. Auch der weiße Cadillac und die Tatwaffe wurden nie gefunden.
Und so bleibt neben der Musik von 2Pac ein Leben, das bis heute nachwirkt und Millionen von Menschen inspiriert. Tupac Amaru Shakur mag tot sein, seine Legende lebt.
Thore Barfuss ist Leitender Redakteur Wirtschaft. Zuvor war er unter anderem als Executive Editor beim Magazin FOCUS tätig und Nachrichtenchef bei WELT. Schon seit vielen Jahren schreibt er auch über Hip-Hop, sein Lieblingssong von 2Pac ist Ambitionz Az a Ridah.