Schon wieder? Muss Josef Grünwidl, erst am 24. Jänner von seinem Vorgänger Kardinal Christoph Schönborn im Stephansdom zum Wiener Erzbischof geweiht, abermals zur Übernahme eines wichtigen Amts überredet werden? Zuerst hat er sich ja monatelang gegenüber Nuntius Erzbischof Pedro López Quintana geweigert, mehr zu sein als Administrator.

Aktuell weigert er sich, wie am Rande des Frühjahrstreffens des Episkopats in St. Johann bei Herberstein zu erfahren ist, diesmal nicht, einem Ruf Roms zu folgen, sondern dem von manchen seiner Mitbrüder. Sie hätten ihn gerne zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt. Jetzt schon, also (spätestens) bei der Sommertagung im Juni in Mariazell und nicht erst später, in ein paar Jahren. Denn dass der Wiener Erzbischof quasi naturgemäß auch Vorsitzender der Bischofskonferenz sein sollte, das ist allen Beteiligten klar. Ausnahmen gab es immer. Wie derzeit.

Da übt noch der Salzburger Erzbischof Franz Lackner dieses Amt aus – bis längstens Juni. Dann läuft seine Amtszeit, für die er von seinen Kollegen gewählt wurde, aus. Kardinal Christoph Schönborn hat den Vorsitz in der Bischofskonferenz vor sechs Jahren mit Blick auf sein Alter zurückgelegt.

Er war damals 75 Jahre alt. Erzbischof Franz Lackner wiederum feiert am 14. Juli erst seinen 70. Geburtstag. Aber, und jetzt wird es spannend, er könnte dann nicht mehr die gesamte sechsjährige Amtszeit Vorsitzender sein, da mit 75 Jahren alle Bischöfe den Papst um Rückzug ersuchen müssen. Und Rom schreibt vor, dass die Amtszeit vorher enden sollte. Ob sich die Bischöfe dem widersetzen werden, ist ungewiss.

Immerhin war auch Christoph Schönborn zum Ende seiner Amtszeit 2020 fünf Monate über der magischen Grenze von 75 Jahren. Bei Franz Lackner hingegen wäre es fast ein ganzes Jahr. Jedenfalls sieht sich der Salzburger Erzbischof selbst bei der bevorstehenden Entscheidung als nicht wählbar. Das hat er zuletzt knapp vor der Weihe von Josef Grünwidl zum Erzbischof von Wien im Gespräch mit der „Presse“ erklärt. Er wisse aber nicht, wie seine Mitbrüder entscheiden, fügte er hinzu.

Ein anderer Kandidat stünde im Gegensatz zu Josef Grünwidl bereit. Dass der Wiener Bischof heuer schon übernimmt, erscheint extrem unwahrscheinlich. Üblicherweise wird einem Neuen in der Bischofskonferenz sogar ein Jahr Zeit gewährt, sich einzuarbeiten, alle Beteiligten und die Abläufe kennenzulernen, bevor ihm auch nur ein Referat, also eine Zuständigkeit für ein bestimmtes Gebiet (Caritas, Finanzen,…) „umgehängt“ wird. Von einem Vorsitz in der Bischofskonferenz gar nicht zu sprechen.

Der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl wäre ein geeigneter Kandidat, falls Franz Lackner tatsächlich aus genannten Gründen nicht zu seiner Wiederwahl antritt oder in den ersten beiden Wahlgängen die Zwei-Drittel-Mehrheit verfehlt. Das könnte als Misstrauensvotum gegen seine Amtsführung gesehen werden. Seine Auftritte in der Öffentlichkeit gelten nicht allen immer als besonders gelungen.

Im dritten Wahlgang reicht dann die einfache Mehrheit bei der Wahl des Vorsitzenden. Teilnahmeberechtigt sind übrigens ausschließlich die neun Ortsbischöfe. Weihbischöfe und auch der Bischof der Militärdiözese, Werner Freistetter, sind davon ausgeschlossen.

Was für Wilhelm Krautwaschl spricht: Er ist Bischof in Österreichs zweitgrößter (Hochschul)Stadt, tritt als guter Kommunikator auf und fungiert auch bereits nach Kardinal Christoph Schönborn als Medienbischof mit entsprechenden Kontakten in Politik und Verlagswelt. Darüber hinaus gilt er als guter Netzwerker, dem nachgesagt wird, für Termine auch sehr gerne nach Wien zu kommen. Salzburgs Erzbischof Franz Lackner wiederum hat angedeutet, sich in seinen letzten aktiven Jahren mehr um seine Diözese kümmern zu wollen.

Die anderen Bischöfe, die aufgrund des Alters überhaupt in Frage kommen, wie Benno Elbs aus Vorarlberg, der derzeit auf Geheiß des Vatikans Liechtenstein mitleiten muss, oder Hermann Glettler aus Tirol, haben ein gewichtiges Manko: Ihr Weg nach Wien wäre verhältnismäßig weit. Und ohne häufige Wien-Termine ist die Funktion des Vorsitzenden der Bischofskonferenz schwer auszuüben.

Einen eleganten Ausweg könnte es geben: Franz Lackner wird zwar erneut zum Vorsitzenden gewählt. In spätestens zwei Jahren könnte dann der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl das Amt übernehmen. Womöglich hat ihn bis dahin ja auch schon Papst Leo zum Kardinal gemacht.