Über ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem The Testament of Ann Lee bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere gefeiert hat. Während die gewagte Mischung aus Musical und Historiendrama bereits im Dezember auf zahlreichen internationalen Bestenlisten vertreten war, mussten wir uns in Deutschland einige Zeit gedulden, bis das ungewöhnliche Werk seinen Weg in die hiesigen Lichtspielhäuser fand.
Nach einem Berlinale-Schlenker im Februar ist es jetzt endlich so weit: The Testament of Ann Lee startet in den deutschen Kinos und lädt uns auf ein 130-minütiges Abenteuer ein, wie es garantiert noch nie zuvor auf der großen Leinwand zu sehen war. Erzählt wird die Geschichte einer Glaubensgemeinschaft und der Frau, die sie gegründet hat – untermalt vom packenden Rhythmus der Hymnen und Schüttelbewegungen.
Amanda Seyfried spielt Ann Lee, die Gründerin der umstrittenen Shaker-Bewegung
The Testament of Ann Lee ist ein Film purer Ekstase, der so stark vibriert, dass jeglicher Staub von den Seiten der Geschichtsbücher weicht. Bevor Ann Lee (Amanda Seyfried) jedoch ihre Berufung zu etwas Größerem erkennt und die Shaker – eine christliche Freikirche, die aus dem Quäkertum hervorgegangen ist – ins Leben ruft, fristet sie ein unscheinbares Leben in einer Weberei im britischen Manchester.
Hier erwartet man von ihr, dass sie Nachwuchs zeugt und gehorsam ihre Arbeit tut. Nach vier Kindern, die alle im Säuglingsalter sterben, beschließt Ann Lee aus den Normen ihrer Welt auszubrechen. Ein Stampfen, ein Fuchteln und ein inbrünstiger Schrei: Der Schütteltanz der Shaker erschreckt die Menschen und zieht gleichzeitig in den Bann – eine hypnotisierende Kraft, die der Film geschickt für sich zu nutzen weiß.
Schon im Zuge der Entstehung ihres historisch angehauchten Liebesdramas The World to Come ist Regisseurin Mona Fastvold auf die Shaker-Hymnen gestoßen, die nun The Testament of Ann Lee über einen ganzen Ozean tragen. Gemeinsam mit Komponist Daniel Blumberg greift sie die traditionellen Klänge als Antrieb einer Erzählung auf, die uns 1774 nach New York und später nach Niskayuna im Albany County bringt.
Wo Ann Lee eben noch schweigen musste, kann sie jetzt aus tiefster Seele schreien. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten liegt vor ihr – und obwohl sich die Shaker etwa durch ihr zölibatäres Bekenntnis in vielen Teilen des Lebens massiv einschränken, beobachten wir vor allem energiegeladene Montagen von Aufbruch und Entstehung. Selbst die Überfahrt auf Hoher See kann die Shaker nicht erschüttern, im Gegenteil.
Gerade im schlimmsten Sturm geht das Schütteln der Figuren in die Wellen über und bildet eine unerwartete Einheit, als wären Ann Lee und ihre Gefolgschaft dazu bestimmt, am nächsten Tag garantiert das Ufer zu erreichen. Fastvold schildert die Reise mit eine überwältigendem Vorwärtstrieb und lässt uns jedes einzelne Bild spüren. Nichts ist leichter, als sich von diesem filmischen Erdbeben mitreißen zu lassen.
The Testament of Ann Lee ist ein meisterhaftes Leinwandepos, das komplett in den Bann zieht
Gleichzeitig wird die Erzählung von einer unschuldig-naiven Stimme aus dem Off begleitet, die mit Staunen von grausamen Ereignissen berichtet und The Testament of Ann Lee den Anstrich eines obskuren Märchens verleiht. Leidet der Film mit seinen Figuren? Oder macht er sich insgeheim über sie lustig? Und wie steht er überhaupt zu den Shakern? Fastvold ist in erster Linie fasziniert von all dem, was da passiert.
Kein Wunder, dass The Testament of Ann Lee einen solchen Sog besitzt. Dieser Film hat so viel zu zeigen, zu erleben, zu fühlen. Besonders die starken Bilder von Kameramann William Rexer verleihen dem Perspektivenabgleich mit dem amerikanischen Traum eine raue 35mm-Textur, an der man sich reiben kann – vom Webstuhl bis zu den frisch zugeschnittenen Holzbalken, aus denen eine ganze Ortschaft entsteht.
Nicht selten erinnert The Testament of Ann Lee an Der Brutalist, der sich ebenfalls im Gewand eines altmodischen und dennoch pulsierenden Epos voller haptischer Eindrücke entfaltete. Die Parallelen sind kein Zufall: Inszeniert wurde Der Brutalist von Brady Corbet, Fastvolds Partner. Gemeinsam haben sich die beiden auch bei ihren Drehbüchern ergänzt – das aktuelle Kino-Power-Couple schlechthin.
Mit seiner musikalischen Ebene geht The Testament of Ann Lee jedoch ein größeres Wagnis ein, zumal kein erprobter Musical-Hit à la Les Misérables als Vorlage existiert.
Fastvolds Film klingt trotzdem ab der ersten Sekunde wie eine dynamische, wuchtige Broadway-Produktion, die sich komplett im Klaren über ihre Harmonien und den Widerhall des Bühnenbodens ist, wenn die Schauspielenden darüber gehen.
Vermutlich hat diesen tiefen Hall kein Film-Musical besser eingefangen als The Testament of Ann Lee mit seinem unerschöpflichen Stampfen, das die Dielen des Kinos in Bewegung versetzt – allerdings nicht so, dass sie brechen, sondern schwingen. Ein Schwingen im Einklang mit einer künstlerischen Vision, die so ehrgeizig und formvollendet ist, dass man sich ihr nur ergeben kann. Roh, neugierig und frisch.
Von Mamma Mia! zu Ann Lee: Amanda Seyfried tanzt zwischen Erschöpfung und Ekstase
Funktionieren würde der Film vermutlich aber nur halb so gut, wenn er in seinem Zentrum nicht die unfassbare Performance von Amanda Seyfried hätte. Im Takt der Bilder – präzise angeordnet von Cutterin Sofía Subercaseaux – löst sich Seyfried komplett im Rausch des Schüttelns auf. Selbst wenn ihre Gesichtszüge wirken, als wäre jegliche Energie aus ihrem Körper verschwunden, haucht sie dem Film als Geist Leben ein.
Fast zwei Dekaden nach ihrem Durchbruch mit Mamma Mia! legt Seyfried die Messlatte für alle zukünftigen Musical-Darbietungen im Kino ein ganzes Stück höher. Am Ende besteht The Testament of Ann Lee aus genauso viel Erschöpfung wie Ekstase – ein brillantes Spannungsverhältnis, dem man sich nicht entziehen kann. Die Intensität einer (gescheiterten) Utopie zwischen Selbstverwirklichung und Selbstgeiselung.
The Testament of Ann Lee startet am 12. März 2026 im Kino.