Mona Khoury, Soziologin und Vizepräsidentin der Hebrew University, über den Krieg gegen den Iran und die Hisbollah und die Auswirkungen auf die Politik und die Gesellschaft. Sie hofft auf einen Regierungswechsel in Jerusalem.

Als der neue Krieg in Nahost losbrach, war Mona Khoury 12.000 Kilometer und 14 Flugstunden von ihrer israelischen Heimat entfernt. Die Soziologin und Vizepräsidentin der Hebrew University in Jerusalem hielt sich zu Beginn des Iran-Kriegs gerade für ein Forschungsprojekt an der University of California in Los Angeles auf. Seitdem sitzt die 51-Jährige im Ausland fest, zuletzt für Termine in Wien. Für Freitag hat sie via München endlich ihre Rückkehr nach Israel organisiert – sofern der Flughafen in Tel Aviv geöffnet bleibt.

Mittels WhatsApp-Gruppe und Video-Telefonaten hält sie Kontakt mit ihren beiden Kindern, insbesondere auch mit der betagten Mutter und ihrer Tante in Haifa, erzählt sie im „Presse“-Interview. „Sie haben keinen eigenen Schutzraum, sie flüchten sich immer in einen Bunker. Meine Tante, die im Rollstuhl sitzt, bleibt dort auch über Nacht.“

Seit zweieinhalb Jahren ist Israel fast permanent im Kriegszustand – erst mit der Hamas, nebenbei mit der Hisbollah und aktuell neuerlich mit dem Regime in Teheran und der verbündeten Terrormiliz im Libanon. Zwar stehe Israel mit großer Mehrheit hinter dem Iran-Krieg. Doch Khoury, die der Minderheit der israelischen Ara­ber angehört und sich als Israelin definiert, fasst eine verbreitete Stimmung in Worte: „Wir sind kriegsmüde. Wann wird das alles en­den?“

Die Soziologin spricht den psychologischen Effekt auf die Gesellschaft an: die Traumata für die Soldatinnen und Soldaten – an der Hebrew University sei derzeit beinahe ein Drittel als Reservisten eingezogen –, die innerhalb kurzer Zeit ihren fünften oder sechsten Kriegseinsatz absolvieren würden; Kinder, die mit täglichem Luftalarm und in einer Kriegszone aufwüchsen. „Politiker rechtfertigen jeden Krieg. Doch der Preis, den wir zahlen, ist hoch.“

Zumal sie skeptisch und mit ironischem Unterton anmerkt: „Das Konzept des Regimewechsels hat sich im Nahen Osten ja unglücklicherweise als nicht so erfolgreich erwiesen.“ Obendrein werde die Ideologie, die die Hisbollah groß gemacht habe, durch Bomben und Raketen nicht verschwinden – ähnlich wie jene der Hamas. „Die Köpfe werden durch neue ersetzt.“ Es bedürfe einer tiefergehenden Lösung.

Angesichts des Zweifronten-Kriegs gegen Iran und Hisbollah rücke der Wiederaufbau im Gazastreifen völlig in den Hintergrund. Um die Hamas zu entwaffnen, droht Israel bereits mit einer Wiederaufnahme des Kriegs. Die Terrororganisation verstärkt ihre Dominanz in jenem Teil des Territoriums, das nicht unter der Kontrolle der israelischen Armee steht, durch Polizeiaktivitäten und die Einhebung von Steuern. Der Trump-Plan ist de facto zum Stillstand gekommen. „Wir dürfen nicht allein von den USA abhängig werden“, gibt Mona Khoury zu bedenken. Sie plädiert für eine stärkere Rolle der Regionalmächte.

„Der Gazakrieg hat auch die Dynamik zwischen Juden und israelischen Arabern geändert“, moniert sie. „Wir werden leichter zur Zielscheibe.“ Insbesondere hofft die ­Professorin auf einen Regierungswechsel bei der Wahl im Herbst – und auf eine Einheitsfront der Opposition samt Duldung durch arabische Parteien. An eine Vorverlegung der Wahl glaubt sie indes nicht. Denn der Krieg habe die Gewichte bisher nicht verschoben, analysiert sie unter Hinweis auf Umfragen. „Eine neue Regierung muss mit Netanjahus Schlamassel aufräumen, den Siedlungsbau im Westjordanland stoppen – und mit dem ewigen Krieg aufhören.“

Lesen Sie mehr zu diesen Themen: