Ausgerechnet eine österreichische Künstlerin beginnt in Venedig eine Kampagne gegen die Ausstellung ihres Kollegen Erwin Wurm.

„Dreamer“ heißt die Serie Wurms, ausgestellt im Palazzo Fortuny.

„Dreamer“ heißt die Serie Wurms, ausgestellt im Palazzo Fortuny. Mougin

Almuth Spiegler

23.09.2026 um 17:48

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Almuth Spiegler

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Das internationale Kunstpublikum, das derzeit in Erwin Wurms Ausstellung im Palazzo Fortuny in Venedig landet, ist verzaubert: Wie „Träumer“, so der Titel einer surrealen Skulpturenserie Wurms, wandelt man durch eine Zeitkapsel, in die es den Großteil wohl noch nie verschlagen hat, den Palazzo Fortuny. 1898 verwandelte der spanische Modedesigner, Maler und Erfinder Mariano Fortuny diesen kleinen gotischen Palast in sein Studiolo, in ein samtlichternes Gesamtkunstwerk voll seiner Gemäldesammlung, Fotografien, Lampen, Stoffe; Fortuny hatte sich die alte Technik des Plissé patentieren lassen und stattete damit in den 20er und 30er Jahren halb Hollywood aus. 1949 starb er, 1956 schenkte seine Witwe Palazzo samt Interieur der Stadt Venedig, dann geriet Fortuny in Vergessenheit.

Es war eine quirlige Wiener Künstlerin, die nach Venedig gezogen war, Liselotte Höhs, die Mitte der Sechziger den Staub aus den vielen Falten beutelte sozusagen und die ersten zwei Museums-Ausstellungen Fortunys im Ausland initiierte, im Wiener MAK und in Lyon. Heute noch lebt Höhs hochbetagt in Venedig und sorgt sich um das Erbe Fortunys. Vor allem, beschleicht einen der Eindruck, wenn das auf Kosten eines erfolgreicheren Kollegen aus ihrer alten Heimat Österreich geht.

Die „Presse“ ereilte ein offener Brief, den Höhs u. a. an den Bürgermeister Venedig und die Denkmalschutzbehörde schickte, unterschrieben auch von einigen spanischen und französischen Fortuny-Kennern und Kulturerbe-Funktionären. Im Namen der Erben der Fortuny-Witwe zeigt man einen „eklatanten Verstoß“ gegen die „ausdrückliche Auflage“ der Palast-Schenkung durch die Wurmsche Intervention an: „Der zentrale Salon im ersten Stock muss die Merkmale dessen bewahren, was einst das Lieblings Atelier von Mariano Fortuny y Madrazo war, mit den Werken, Möbeln und Gegenständen, die sich derzeit dort befinden.“ Ja, man wittert sogar „geistigen Verrat“ am künstlerischen Erbe Fortunys, „dessen Poetik den künstlerischen Avantgarden seiner Zeit und deren repetitiven Nachahmern wie Erwin Wurm diametral entgegensteht“. Spätestens bei dieser Breitseite weiß man: Hier geht es (auch) um andere Instinkte als den Schutz historischen Erbes. Die dem Brief beigefügte „erste Medien-Reaktion“ macht die Schlagseite noch deutlicher, der ebenfalls sehr Wurm-kritische, mehrseitige Artikel wurde von Höhs‘ Sohn im Magazin „Libratus“ verfasst.

Es mag schon sein, dass die Wurm-Ausstellung ein „Trojanisches Pferd“ ist, wie das im Brief heißt, um zukünftig auch das Obergeschoss des Palazzo Fortuny mit zeitgenössischen Interventionen einzunehmen; man verlangt dessen sofortige Rückführung in den Originalzustand sowie eine Entschuldigung der Verantwortlichen der Fondazione Musei Civici. Nur wenn es sichtliche und so sinnliche wie sinnhafte Verbindungen gibt zwischen den Werken, wenn es respektvoll umgesetzt wird, führen derlei Interventionen, wie hier von Erwin Wurm, zu einer Aktivierung des Alten. Dagegen kann man vielleicht rechtlich vorgehen. Aber gerade aus Künstler-Sicht solle man dagegen nicht polemisieren und Kunst gegen Kunst ausspielen.

E-Mails: almuth.spiegler@diepresse.obfuscationcom