ATLANTA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung in der Fachzeitschrift The Lancet Oncology verknüpft Infektionen mit weltweit rund 2,3 Millionen neu diagnostizierten Krebsfällen im Jahr 2024. Die Studie schätzt, dass etwa 1 von 8 Fällen auf Infektionen zurückgeht und viele davon durch Impfung, Screening und vergleichsweise gut behandelbare Therapien vermeidbar sind. Besonders häufig stehen H. pylori und HPV im Fokus, ergänzt durch Hepatitis B und C sowie EBV. Entscheidend ist nach Ansicht der Forschenden vor allem, wie konsequent Programme zur Prävention umgesetzt und finanziert werden.

Infektionen als Krebsursache: 2,3 Mio. Fälle 2024 vermeidbarInfektionen als Krebsursache: 2,3 Mio. Fälle 2024 vermeidbar (Foto: IT BOLTWISE)

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Der Gedanke, dass Krebs nicht nur aus „inneren“ Faktoren wie Genetik oder Alter entsteht, sondern auch durch Infektionen mit ausgelöst werden kann, ist inzwischen gut belegt. Neu ist jedoch die Größenordnung, in der das globale Krebsrisiko 2024 mit konkreten Krankheitserregern in Verbindung gebracht wird. Laut einer aktuellen Analyse in The Lancet Oncology könnten weltweit rund 2,3 Millionen neu diagnostizierte Krebserkrankungen auf Infektionen zurückgehen. Das entspricht etwa 12 % aller Krebsdiagnosen, wobei die Forscherinnen und Forscher betonen, dass viele dieser Erkrankungen über Impfungen, Screening oder routinemäßige Behandlungen reduziert werden können.

Technisch betrachtet basiert die Studie auf der Logik „attributierbarer Inzidenz“: Sie kombiniert Daten zur Krebsinzidenz mit dem Wissen, welche Infektionserreger mit welchen Krebsarten zusammenhängen. Dafür haben die Forschenden nach eigenen Angaben die 2024er Fallzahlen aus der Datenbank „Global Cancer Observatory“ (Cancer Today) genutzt und anschließend abgeschätzt, welcher Anteil der beobachteten Krebsfälle auf bestimmte Infektionen zurückgeführt werden kann. Interessant ist dabei, dass die aktuelle Arbeit auf einer früheren globalen Auswertung aus dem Jahr 2018 aufsetzt, aber um zusätzliche Infektion-Krebs-Kombinationen erweitert wurde, darunter auch Konstellationen im Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV). Dadurch verschiebt sich die Schätzung weniger als „einmaliger Sprung“, sondern eher als Verfeinerung dessen, was man aus den Daten tatsächlich herauslesen kann.

In den Ergebnissen stechen vor allem zwei Erreger heraus: Helicobacter pylori (H. pylori) und Humanes Papillomavirus (HPV). Zusammen sollen sie für mehr als 1,5 Millionen Krebsfälle im Jahr 2024 verantwortlich gewesen sein. Während H. pylori laut der Auswertung überwiegend mit Magenkrebs assoziiert ist, steht HPV vor allem mit Zervixkarzinom im Zusammenhang. Das Bild wird ergänzt durch weitere Infektionen: Hepatitis B (HBV) wird mit rund 360.000 Krebsfällen verknüpft, überwiegend Leberkrebs; das Epstein-Barr-Virus (EBV) mit etwa 260.000, wobei Krebs im Kopf-Hals-Bereich mit Ursprung im Nasopharynx besonders stark wirkt; Hepatitis C (HCV) schließlich mit etwa 160.000 Fällen, ebenfalls meist Leberkrebs. Damit zeigt sich ein Muster: Einige infektionsbedingte Krebsarten haben häufig eine ungünstigere Prognose, andere benötigen die Infektion sogar als Voraussetzung für die Krebsentwicklung.

Der Blick auf die Verteilung macht die zweite wichtige Botschaft deutlich: Infektionsbedingte Krebsfälle sind nicht gleichmäßig über den Globus verteilt. Die Studie nennt einen Anteil von 77 % in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Das lässt sich im Kern auf zwei Faktoren zurückführen, die sich gegenseitig verstärken: zum einen unterschiedliche Prävalenzen der relevanten Erreger, zum anderen der Zugang zu Schutz- und Früherkennungsmaßnahmen. Impfprogramme, Screening-Angebote, Tests und Behandlungsmöglichkeiten sind in vielen Regionen ungleich verfügbar. Zusätzlich wird auch innerhalb einzelner Länder eine Ungleichverteilung beschrieben: So können Bevölkerungsgruppen mit höherer Exposition gegenüber bestimmten Infektionen (etwa HBV, HCV, HPV oder H. pylori) und zugleich geringerem Zugang zu Prävention später auch höhere Krebsinzidenzen erleben. Für Gesundheits- und Versorgungssysteme ist das vor allem eine Planungsfrage: Wenn Verantwortliche wissen, welche Infektionen wo zur Last werden, können Mittel gezielter in Maßnahmen fließen, die nach dem heutigen Stand tatsächlich „Risikoverläufe“ verändern.

Wichtig für die Einordnung: Eine Infektion bedeutet nicht automatisch Krebs. Die Forschenden und medizinische Fachleute stellen explizit klar, dass diese Erreger das Risiko erhöhen, aber die Mehrheit der Infizierten keine Krebserkrankung entwickelt. Typischerweise braucht es dafür ein Zusammenspiel aus Persistenz der Infektion über lange Zeiträume und weiteren Faktoren wie Alter, Immunsituation, Rauchen, genetischer Veranlagung oder anderen Expositionen. Prävention setzt daher genau dort an: Bei vielen relevanten Erregern existieren wirksame Impfungen (zum Beispiel gegen HPV und HBV), bei anderen sind Testung und Behandlung zentral. Für HCV etwa hilft eine erfolgreiche Therapie, spätere Erkrankungen zu verhindern; bei H. pylori kann eine Antibiotikabehandlung chronische Entzündung reduzieren und damit das Risiko für Magenkarzinome senken. Bei HPV wiederum zielt die Impfung auf den Schutz vor Infektion ab und wirkt damit indirekt gegen mehrere HPV-assoziierte Krebsarten, nicht nur gegen eine.

Auch Übertragungs- und Präventionsstrategien außerhalb von Impfungen spielen eine Rolle, weil sie das Reservoir der Erreger verkleinern können. In der Studie werden dafür konkrete Bausteine genannt, etwa sichere Injektionspraktiken, Kondomnutzung sowie HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP), wobei diese Maßnahmen je nach Erreger und Übertragungsweg unterschiedlich wirken. Aus industrie– und versorgungsnaher Perspektive ist das besonders relevant, weil „Prävention“ nicht nur ein medizinischer, sondern auch ein organisatorischer Prozess ist: Er benötigt verlässliche Beschaffung, robuste Test- und Behandlungsabläufe sowie eine Kommunikation, die Vertrauen schafft. Für Entscheidungsträger in Kliniken, öffentlichen Gesundheitsdiensten und Unternehmensversicherungen ergibt sich daraus eine klare Priorisierung: Investitionen in Impfprogramme, in Screenings mit sauberem Follow-up und in zugängliche Therapiepfade können potenziell sehr viele spätere Behandlungsketten verhindern. Die zentrale Herausforderung bleibt damit weniger die Frage, ob Prävention grundsätzlich funktioniert, sondern wie konsequent und gerecht sie sich weltweit umsetzen lässt.

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