Laut dem neuen UBS-Sammelreport gibt die Generation Z mehr für Kunst aus als jede andere Altersgruppe. Doch die Zahlen erzählen vor allem von den Superreichen – und wenig vom Rest des Kunstmarkts
Kunstsammler werden jünger und weiblicher. Das hat der „Art Basel and UBS Survey of Global Collecting“ schon im letzten Jahr festgestellt. Nahezu revolutionär ist jedoch die neue Erkenntnis, dass die Gen Z jetzt die Macht übernommen haben soll. Diese Gruppe weist mit durchschnittlichen Ausgaben von 347460 US-Dollar die mit Abstand höchsten Investitionen in bildende Kunst auf – mehr als doppelt so viel wie jede andere Altersgruppe. Besonders bemerkenswert ist, dass die Gen Z für fast die Hälfte aller Käufe im Segment über einer Million US-Dollar verantwortlich ist.
Die Anzahl der Werke in diesem obersten Preissegment ist allerdings überschaubar. Die Mehrheit der Sammler bewegt sich weiterhin in niedrigeren Preisklassen: Über 80 Prozent gaben in der ersten Hälfte des Jahres 2026 weniger als 100000 US-Dollar aus.
Wie es zu diesen erstaunlichen Zahlen kommt, macht ein Blick auf die Methodik klar: Der Bericht, den Clare McAndrew („Arts Economics“) jeden Herbst im Wechsel mit dem im Frühjahr erscheinenden „Art Basel und UBS Art Market Report“ erstellt, sieht diesem zwar zum Verwechseln ähnlich, basiert aber auf weniger überprüfbaren Daten.
Malerei bleibt das bevorzugte Medium
Der Bericht ist das Ergebnis einer Analyse von Selbstauskünften und -einschätzungen zu Ausgabeverhalten und Vorlieben von 3100 vermögenden Privatpersonen aus zehn globalen Märkten. High-Net-Worth Individuals (HNWIs) sind Menschen mit einem Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar (abzüglich Erstwohnsitz). Die Untersuchung, die Mitte 2026 durchgeführt wurde, beschreibt einen Kunstmarkt, der einerseits durch eine starke Dynamik jüngerer Generationen und technologischer Neuerungen geprägt ist, andererseits aber in seinen Grundfesten traditionelle Strukturen beibehält.
Technologisch vollzieht sich ein deutlicher Wandel hin zur künstlichen Intelligenz. Während klassische Kunstpresse und Online-Plattformen die primären Informationsquellen bleiben, stieg die Nutzung von KI-Tools und Apps zur Kaufberatung sprunghaft an. Im Jahr 2024 nutzten lediglich vier Prozent der Sammler solche Tools, bis 2026 waren es bereits 22 Prozent. Die Mehrheit der Befragten bewertet die Auswirkungen der KI positiv, insbesondere im Hinblick auf die Auffindbarkeit von Künstlern. Sorgen bereiten jedoch Themen wie Marktmanipulation, Fälschungen und Betrug – Themen, die den Kunstmarkt schon lange begleiten.
Wie schon in den Vorjahren bestätigt sich, dass Frauen tendenziell offener und breitgefächerter sammeln. Sie investieren stärker in junge und aufstrebende Künstler sowie in digitale Kunst und besuchen im Durchschnitt signifikant mehr Kunstveranstaltungen als Männer. Männer hingegen konzentrieren ihre Ausgaben stärker auf etablierte Künstler und höhere Preisklassen. Trotz dieser Unterschiede bleibt die Malerei für beide Geschlechter das bevorzugte Medium.
Händler und Messen weiterhin die wichtigsten Vertriebskanäle
Ein überraschender Aspekt ist das gestiegene Bedürfnis nach Privatsphäre, das paradoxerweise am stärksten bei der Generation Z ausgeprägt ist. Diese Gruppe präsentiert ihre Sammlungen deutlich seltener öffentlich oder online als ältere Generationen. Regionale Unterschiede verstärken diesen Trend: Während Sammler in Hongkong die höchste Diskretion wahren, zeigen sich US-amerikanische Sammler am offensten und streben eher nach öffentlicher Anerkennung, beispielsweise bei Leihgaben an Museen.
Der Weg in das Sammeln beginnt für die meisten mit traditionellen Medien, wobei Malerei und Skulptur die häufigsten Einstiegspunkte bilden. Der stärkste soziale Einflussfaktor ist die Familie, was besonders bei der Gen Z deutlich wird. Interessanterweise gibt es kaum Belege dafür, dass der Kauf von allgemeinen Luxusgütern als Brücke zum Sammeln bildender Kunst dient.
Kunsthändler und Messen sind weiterhin die wichtigsten Vertriebskanäle. Gleichzeitig gewinnt der Direktverkauf durch Künstler massiv an Bedeutung. Der Anteil der Sammler, die direkt beim Künstler kaufen – sei es im Atelier, über Art Consultants oder über soziale Medien wie Instagram – hat sich im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt und stellt mittlerweile den zweitwichtigsten Erwerbskanal dar.
Fokus allein aufs Topsegment des Kunstmarkts
Wer bis hierhin durchgehalten hat, gehört wahrscheinlich entweder zur Gruppe der HNWIs – oder hat Fragen. Mit dem, was in der Galerie in Düsseldorf-Flingern oder im Offraum in Berlin-Moabit verhandelt wird, hat der Report wenig zu tun. Am besten verdeutlicht das vielleicht ein Satz der Autorin Clare McAndrew, der man mit Sicherheit keine sozialistischen Anwandlungen unterstellen muss: „Zwar wirkt sich eine größere Vermögensungleichheit zweifellos nachteilig auf das langfristige Wachstum und die wirtschaftliche Stabilität aus, doch kann sie oft zu einer stärkeren Kaufnachfrage auf den Luxusmärkten führen.“
Das Topsegment des Kunstmarkts muss sich seine Käuferschaft mit Luxusautos und anderen „Collectibles“ von Uhren über Schmuck bis hin zu Handtaschen und Sneakern teilen. Für das Fußvolk des Kunstmarkts, das zur Vernissage nicht mit dem Chauffeur, sondern mit der U-Bahn anreist, fehlen vergleichbare Untersuchungen. Da wäre als Sponsor vielleicht nicht die UBS, sondern die Sparkasse gefragt.