
AUDIO: „Rebellinnen“ erobern Kunsthalle Emden (4 Min)
Stand: 06.10.2026 16:59 Uhr
Bei der Bestandsaufnahme zum 40. Geburtstag der Kunsthalle Emden ist eines aufgefallen: Nur zehn Prozent der Kunst stammt von Frauen. Deswegen zeigt das Museum in der neuen Ausstellung „Rebellinnen“ ausschließlich Werke von Frauen. Dafür mussten einige männliche „Platzhirsche“ in der Dauerausstellung weichen.
Mit einem genugtuenden Lächeln streift Bettina Semmer durch die Ausstellungsräume. Am Eingang hängt eine glitzernde 40. Zum Geburtstag der Kunsthalle Emden durfte die Künstlerin eine ganz besondere Ausstellung kuratieren: Bunt, schrill, ausdrucksstark – so wie die 80er-Jahre eben waren. Die Künstler-Generation, die daraus hervorgegangen ist, nennt sich „Die Neuen Wilden“ – die 71-jährige Bettina Semmer zählt selbst dazu. Nur: Die Ausstellung „Rebellinnen“ zeigt ausschließlich die Werke der Künstlerinnen von damals, denn die seien in den 80er-Jahren viel zu kurz gekommen, sagt sie.
„Die Kunsthalle Emden hat mich dazu eingeladen, nachdem ich gesagt habe: „Zum Jubiläum solltet ihr mal die Frauen aus dem Depot holen.“ Und da stellte sich raus: Die sind hier zwar vertreten, aber nicht in der gleichen Prozentzahl. Sie haben mir daraufhin die Chance gegen, das einmal zusammenzutragen. Zum ersten Mal zeigen wir Frauen dieser Generation in ihrer ganzen Kraft und Schönheit der Bilder oder auch das kritische und künstlerische Potential dieser Frauengeneration.“, freut sich Bettina Semmer.
Krasses Ungleichgewicht: 90 Prozent der Werke von Männern
Werke von Gerhard Richter, Jörg Immendorff, Georg Baselitz oder Markus Lüpertz – um nur einige Künstler aus der Dauerausstellung zu nennen – sind derzeit abgehängt. Um, wie die Kunsthalle Emden selber von sich sagt, eine „Geschichtskorrektur“ vorzunehmen: 90 Prozent der Werke in der Sammlung stammen nämlich von männlichen Künstlern, nur ein Bruchteil von weiblichen. Ein Ungleichgewicht, mit dem viele Museen heute zu kämpfen haben, nicht nur die Kunsthalle Emden.
Das haben die männlichen Künstler damals selbst forciert, sagt Bettina Semmer: „Baselitz und Lüpertz haben gesagt: Frauen können nicht malen. Die Entwicklung im Kunstmarkt ist, dass Künstler immer nur Künstler empfahlen. Und die Empfehlung der Kollegen ist das wichtigste Element des Erfolgs. Die Galeristen hielten sich an ihre Stallpferde.“

Direktorin Ina Grätz erzählt im Gespräch, wie aus Henri Nannens Traum ein Haus wurde, das noch immer bewegt.
Künstlerinnen organisierten sich in Kollektiven
Und so organisierten sich viele Künstlerinnen in Ost und West als Kollektive und gründeten auch eigene Galerien – doch wer Kinder haben wollte, musste Abstriche machen, sagt Semmer. Die Emanzipation in den 70er-Jahren habe in der Gesellschaft zwar stattgefunden, aber nicht gerade in der Kunstwelt. Zumindest habe sie sich dort in den 80ern nicht durchgesetzt, einer Zeit in der viele zeitgenössische Sammlungen wie die von Henri und Eske Nannen, den Gründern der Kunsthalle Emden, entstanden sind. So versucht Direktorin Silke Oldenburg das geschlechtliche Ungleichgewicht zu erklären.
„Das ist ein Thema, das uns heute noch beschäftigt. Zu schauen: Wie können wir diese ‚Rebalance‘ herstellen?! Im Grunde ist es eine Ungerechtigkeit. Das hat viel mit der Rolle der Frau, mit der Rolle von Künstlerinnen zu tun, es ist sicher auch ein gesellschaftliches Thema. Das sind Debatten, die wir gerne führen möchten“, erklärt Silke Oldenburg.
Ausstellung steigert Wert von Semmers Gemälden
Bettina Semmer steht vor einem großen mehrteiligen Werk in schwarz-weiß gehalten, das von ihr selbst stammt. Vier Gemälde verkörpern unterschiedliche Archetypen von Frauen. Drei davon hat sie für die Ausstellung noch einmal gemalt, denn die Originale aus den 80ern sind irgendwo in Vergessenheit geraten.
Heute ist die Wertschätzung wesentlich größer. „Eines der Gemälde wurde erst vor zwei Jahren nach Hamburg gut verkauft. Da war ich froh, dass ich das noch hatte. Jetzt steigen die im Wert – auch durch diese Ausstellung wird eine große Umbewertung vorgenommen“, ist sich Bettina Semmer sicher.
Rosemarie Trockel strickt sich eine Nische

Rosemarie Trockel, Untitled, 1984, Wolle auf Leinwand, Plexiglas, 52 x 52 x 5 cm (gerahmt), MSPM RTR 66474.
Es gibt aber auch Frauen, die sich bis an die Spitze des Kunstgeschehens durchgesetzt haben – schon damals. Rosemarie Trockel ist eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der 80er-Jahre. Sie erfand das Strickbild. Kunst im Popart-Stil, allerdings aus Wolle gestrickt und auf Rahmen gespannt. Damit machte sie zumindest dem männlichen Geniekult in der Malerei damals keine Konkurrenz.
„Das war strategisch klug von ihr. Wir reden hier auch über Strategien. Welche Strategien haben wir verfolgt, damit wir uns trotz dieser männlichen Dominanz auch weiterentwickeln konnten. Und sie hat halt dann das Strickbild erfunden“, erläutert Semmer.
Stricken als Rebellion – das ist noch lange nicht alles. In „Rebellinnen“ wird die ganze Bandbreite der einst ignorierten, heruntergespielten und unterbewerteten Arbeiten der Künstlerinnen der 80er-Jahre wiederentdeckt.
Die Ausstellung „Rebellinnen“ in der Kunsthalle Emden ist noch bis zum 28. Februar 2027 zu sehen.

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