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Seite 1Was können Smartphones „Made in Germany“?
Seite 2SHIFTphone 8.1 im Test – modulares Smartphone aus Hessen
Seite 3Volla Phone Quintus im Test – Minimalismus für weniger Ablenkung
Seite 4Vergleichsbilder des SHIFTphone und Volla Phone Quintus
Digitale Souveränität beginnt in der eigenen Hosentasche. Oder sie
endet. Tatsächlich sind Smartphones der
Boss-Gegner für viele Menschen, die sich unabhängiger machen
möchten von den großen Tech-Konzernen aus den USA. Wer ein iPhone
benutzt, ist Apple komplett ausgeliefert. Bei Geräten mit Android
gibt es zwar viele Hersteller, doch um die integrierten
Google-Dienste führt bei den meisten kein Weg herum.
Wer unabhängiger
sein möchte, mehr Kontrolle über seine Daten behalten will und sich
eine nachhaltigere Produktion wünscht, muss sich nach alternativen
Anbietern umsehen. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Fairphone
aus den Niederlanden, das mit Langlebigkeit, Reparierbarkeit und
fairen Arbeitsbedingungen wirbt, und das inzwischen als „entgoogelte“ Variante, also ohne vorinstallierte Google-Apps, erhältlich ist.
Doch auch aus
Deutschland gibt es Alternativen. DIE ZEIT hat sich zwei davon
angeschaut: Das Volla Phone Quintus aus dem vergangenen Jahr, sowie das
SHIFTphone 8.1 des hessischen Unternehmens Shift. Wie schlagen sich
die deutschen Smartphones im Alltag? Und wie ist das, so (fast) ohne Google?
Android ohne Google?
Das Volla Phone Quintus
erscheint mit dem angepassten Android-System Volla OS ohne
Googledienste. Das SHIFTphone 8.1 wird standardmäßig mit ShiftOS
inklusive Google-Apps ausgeliefert. Käuferinnen können es aber auch
über
die Website des französischen Unternehmens Murena bestellen.
Hier ist dann, wie beim Fairphone, e/OS vorinstalliert. Im Test
konzentrieren wir uns auf diese Version, denn es soll ja um digitale
Unabhängigkeit gehen.
© ZEIT ONLINE
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Bevor es um die
Hardware geht, zunächst ein paar Erklärungen zu Android ohne
Google. Das Betriebssystem ist prinzipiell eine Open-Source-Software:
Der Quellcode lässt sich anpassen, weshalb Hersteller wie Samsung
oder Xiaomi basierend auf dem Grundgerüst ihre eigene Android-Variante für ihre Geräte
entwickeln. Diese enthalten dennoch ein proprietäres Softwarepaket
namens Google Mobile Services (GMS). Dazu gehören Apps wie der Play
Store, Maps, Chrome und Gmail, bei deren Nutzung die
Nutzerinnen eine Menge Analyse- und Nutzungsdaten mit dem
US-Unternehmen teilen.
Android-Systeme wie
Volla OS, e/OS, LineageOS oder GrapheneOS verzichten dagegen auf die
GMS. Weil aber zahlreiche Apps diese Komponenten voraussetzen, etwa
für Benachrichtigungen oder zur Standortbestimmung, versuchen die
Systeme, die Komponenten zu simulieren oder zumindest so nachzubauen,
dass sie weniger Daten teilen. Die Apps selbst kommen über
alternative App Stores wie F-Droid, in dem es ausschließlich
Open-Source-Software gibt, den Aurora Store oder die App Lounge von
e/OS aufs Handy. Die schalten sich quasi als Vermittler zwischen
Nutzer und App Store und reichen die Apps von den offiziellen
Google-Servern an die entgoogelten Endgeräte weiter.
Zwei Smartphones aus Deutschland – welches ist besser? © Eike Kühl für DIE ZEIT
Flexibilität ist Trumpf
Das hat Vor- und
Nachteile. Einerseits erfährt Google nicht, wer welche Apps
herunterlädt, da die alternativen App Stores anonyme Sitzungen
erlauben. Andererseits kann es aber auch zu Problemen mit
individuellen Anwendungen kommen, etwa mit zuvor gekauften Apps oder
mit Apps, die spezielle Sicherheitsanforderungen haben. Auch basieren
Betriebssysteme wie Volla OS oder e/OS meist nicht auf der aktuellsten
Android-Version, sondern sind nicht selten ein, zwei Jahre
hintendran, was das Grundgerüst angeht.
Auch in meinem
folgenden Test hat nicht alles reibungslos geklappt. Um die
Bezahlversion eines Musikplayers zu installieren, den ich in der
Vergangenheit über den Google Play Store gekauft hatte, habe ich
mich auf dem Volla Phone Quintus über den Aurora Store mit meinem
Google-Konto angemeldet. Das sollte man natürlich, wenn, dann nur mit
einem Google-Konto tun, das man für sonst nichts verwendet. Aber in
dem Fall wollte ich meinen Kauf wiederherstellen. Tatsächlich konnte
ich die Bezahlversion auch installieren, in der App wurde mir dann
aber mitgeteilt, dass die Lizenz nicht gefunden wurde. Über die App
Lounge von e/OS auf dem SHIFTphone hat es funktioniert.
Dafür konnte ich
dort keine Vogelstimmen über die App Merlin aufnehmen – ein
bekanntes
Problem unter e/OS (und fast schon ein Dealbreaker für mich, denn ich liebe Merlin).
Immerhin konnte ich die App meiner Bank auf beiden Systemen
einrichten, obwohl ich öfter gelesen habe, dass Banking-Apps, die über alternative App Stores installiert werden, Probleme machen können.
Die gute Nachricht,
um ein erstes Fazit vorwegzugreifen: Insgesamt musste ich während
des Tests mit beiden deutschen Smartphones nur auf wenige Apps verzichten. Trotzdem sollte man
sich bewusst sein, dass man bei einem Wechsel auf ein googelloses
Android-Smartphone flexibel sein muss, weil manche Anwendungen nicht
funktionieren oder zusätzliche Einstellungen erfordern, die man erst
mithilfe der Suchmaschine seiner Wahl herausfindet. Etwas Frustration geht mit dem Wechsel einher.
Das ist nicht abschreckend gemeint, im Gegenteil:
Sowohl bei der Nutzung des Volla Quintus als auch des SHIFTphone ist
mir bewusst geworden, wie abhängig meine digitale Präsenz von
Google ist – und wie befreiend es ist, sich mit Alternativen zu
beschäftigen.