KI-gestützte Fahndung nach Unterschieden

Als das Team alle Testpersonen mit ADHS mit den Kontrollpersonen verglich, zeigten sich keine eindeutigen Unterschiede in der Hirnstruktur. Zhong und seine Kollegen erklären dieses zunächst überraschende Ergebnis mit der der großen Vielfalt dieser Störung. Demnach können verschiedene Betroffene sehr unterschiedliche Veränderungen im Gehirn aufweisen, die sich bei der gemeinsamen Analyse gegenseitig aufheben können.

Dies könnte auch erklären, warum frühere Bildgebungsstudien zu ADHS oft zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Um dieses Problem zu umgehen, nutzte das Team einen Machine-Learning-Ansatz. Mithilfe dieser KI-gestützten Bildauswertung suchten sie nach strukturellen Unterschieden innerhalb der ADHS-Gruppe.

Subtyp 1: Aufmerksamkeits-Areale betroffen
MRT-Aufnahmen zeigen unterschiedliche Veränderungen der grauen Substanz bei zwei ADHS-Subtypen: Beim einen nimmt ihr Volumen zu (rot), beim anderen ab (blau). © Tianzheng Zhong, Feng Wang, Jianfeng Qiu, Weizhao Lu. CC BY-NC

Tatsächlich identifizierte die Analyse zwei klar unterscheidbare ADHS-Subtypen, die jeweils mit eigenen Mustern von Hirnveränderungen und Verhaltenssymptomen verbunden waren. Der erste Subtyp ist demnach vor allem mit Aufmerksamkeitsproblemen verknüpft. ADHS-Betroffene dieser Gruppe hatten ein größeres Volumen grauer Substanz, besonders im frontalen Cortex und im Kleinhirn.

Diese Hirnregionen sind unter anderem wichtig für Aufmerksamkeit, Planung und Koordination. Je stärker die Aufmerksamkeitsprobleme ausgeprägt waren, desto deutlicher zeigten sich auch diese Veränderungen im Gehirn. Das deutet darauf hin, dass bei manchen Kindern mit ADHS vor allem die Entwicklung der für Aufmerksamkeit wichtigen Hirnnetzwerke verändert ist.

Subtyp 2: Veränderungen im Hippocampus und Kleinhirn

Beim zweiten Subtyp zeigt sich dagegen ein anderes Bild. Bei den ADHS-Betroffenen dieser Gruppe war das Volumen der grauen Substanz in mehreren Hirnregionen verringert. Dies zeigte sich umso stärker, je ausgeprägter die Symptome waren, wie Zhong und sein Team feststellten. Besonders betroffen waren vor allem das Kleinhirn und der Hippocampus – Bereiche, die unter anderem Bewegung, Emotionen, Gedächtnis und Motivation steuern.

Dazu passt, dass dieser Subtyp nicht nur durch ein einzelnes Symptom gekennzeichnet ist, sondern zahlreichen verschiedenen Verhaltensbereiche betrifft. Betroffene zeigen in der Regel sowohl Unaufmerksamkeit als auch hyperaktives oder impulsives Verhalten.

Mithilfe einer neuen Analysemethode zeigte sich außerdem, dass sich die beiden Subtypen auch darin unterscheiden, wie Veränderungen im Gehirn und Verhaltenssymptome zusammenhängen. In einem der Subtypen scheinen vor allem Netzwerke für Aufmerksamkeit eine Rolle zu spielen, in den anderen dagegen breitern verteilten Systemen im Gehirn.

Individuellere Therapien möglich

Die Ergebnisse legen nahe, dass Kinder mit ADHS trotz derselben Diagnose sehr unterschiedliche Veränderungen in ihrem Gehirn aufweisen können. Das könnte erklären, warum manche Betroffene gut auf zum Beispiel Aufmerksamkeitsübungen ansprechen, während andere eine Behandlung mit Medikamenten oder Verhaltenstherapie brauchen.

Für die ADHS-Therapie ändert der Nachweis der neurologischen Subtypen zwar nicht sofort etwas. Er liefert jedoch weitere Hinweise darauf, dass ADHS wahrscheinlich kein einheitliches Krankheitsbild ist, sondern eher ein Spektrum verschiedener Störungen. Langfristig könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, Diagnose und Therapie stärker zu personalisieren, damit jedes Kind die Unterstützung bekommt, die am besten zu seinem Gehirn passt. (General Psychiatry, 2026, doi: 10.1136/gpsych-2025-102340)

Quelle: Shanghai Jiao Tong University Journal Center  







17. März 2026

– Carolin Malmendier