Der Sturm der Causa Weißmann zieht immer weitere Schneisen in die Medienlandschaft. Nun dreht er sich teils auch in die entgegengesetzte Richtung, nämlich in die Ecke jener Männer, die die Vorwürfe gegen den zurückgetretenen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann vor einer Woche ins Rollen brachten: Seit dem Wochenende ist Heinz Lederer, Stiftungsratsvorsitzender auf einem SPÖ-Ticket, selbst Thema der Berichterstattung. Und auch an seinem Stellvertreter, Gregor Schütze, gibt es Kritik.
Peter Westenthaler, er sitzt auf einem FPÖ-Ticket, will nun Vorwürfe gegen Lederer gar zum Anlass nehmen, eine Dringlichkeitssitzung einzuberufen. Die kann es nur geben, wenn ein Drittel der 35 Stiftungsräte zustimmt. Dabei soll es um angebliche Unvereinbarkeiten von Lederer gehen – er hat eine Beratungsagentur und lobbyiert im politmedialen Bereich – mit seinem Posten als Stiftungsrat.
Westenthaler verweist in einem Schreiben an die Stiftungsräte, das auch der „Presse“ vorliegt, auf insgesamt drei Punkte, die er Lederer vorwirft. In dem Schreiben wird ein „Krone“-Bericht vom Samstag zitiert, wonach Lederer in Honorarnoten des Ex-Signa-Anwalts Stefan Prochaska aufscheine. Ein angeblicher Auftrag des ÖSV sei ebenfalls nicht mit seinem Job als Stiftungsratschef vereinbar.
Daneben ist auch ein kolportierter Anruf von Lederer bei „Profil“ Thema. Chefredakteurin Anna Thalhammer hatte am Wochenende auf X gepostet, dass sich Lederer „entblödet“ habe, nach kritischer Berichterstattung in der Geschäftsführung des „Profil“ anzurufen und mit „Konsequenzen“ für Thalhammer im ORF gedroht habe. Sie ist dort regelmäßiger Gesprächsgast in politischen TV-Formaten. „Profil“-Geschäftsführer Richard Grasl, früher selbst einmal ORF-Finanzchef, bestätigte einen Anruf von Lederer. Inhaltlich aber kommentierte Grasl den Anruf nicht.
Das will auch Lederer nicht. Er weist alle drei Vorwürfe auf Nachfrage der „Presse“ am Montag vehement zurück. Grundsätzlich gebe er zu seinen Kunden keine Auskunft, aber mit Signa bzw. René Benko habe er keinen Auftrag gehabt. Benko kenne er auch nicht persönlich. Er habe immer wieder mit Anwälten Kontakt, wenn es um „Wordings“ oder „Mediencoaching“ gehe, in dem Fall auch mit Prochaska. Zur Intervention bei „Profil“ sagt Lederer, dass er den Inhalt eines „privaten Gesprächs auf Eigentümerebene“ nicht kommentiere. Er würde jedoch „niemals einen freien Journalisten anrufen oder unter Druck setzen“.
Auf Nachfrage bei anderen Stiftungsräten heißt es, dass man Westenthalers Stil keineswegs teile. Der sei nur „schwer auszuhalten“, sagt ein Mitglied. Denn in Wahrheit gehe es der FPÖ bekanntlich nur darum, den ORF „abzureißen“. Doch inhaltlich habe Westenthaler auch in der Vergangenheit immer wieder durchaus einen Punkt gehabt. Im Fokus aber solle nun stehen, die Wahl von Interimschefin Ingrid Thurnher zu organisieren. Alleine dafür muss es eine außerordentliche Sitzung des Stiftungsrats geben. Kolportiert wird der 23. April als möglicher Termin.
Dass Westenthaler nun Lederer offensiv angreift, wird dem Vernehmen nach auch als mögliches Ablenkungsmanöver gedeutet. Denn ein Stiftungsrat, der Westenthaler bzw. der FPÖ nahe stehen soll, war selbst einst Top-Manager im ORF und mit schweren Vorwürfen konfrontiert, die zunächst in einem arbeitsrechtlichen Prozess und später in einem Vergleich endeten. Dazu wolle er sich nicht äußern, sagt Westenthaler in Bezug auf die FPÖ-Nähe zur „Presse“. „Für die FPÖ sitzen genau zwei Stiftungsräte im ORF. Das bin ich und Christoph Urtz.“
Der Westenthaler-Attacke pflichtete FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker via Aussendung bei, der die Causa nun zur Chefsache machen will: Er sprach von „handfesten Skandalen“, die nun auch Medienminister Andreas Babler (SPÖ) beschäftigen sollten. Hafenecker fordert Babler auf, zur „Benko-Connection“ des von ihm installierten ORF-Stiftungsratsvorsitzenden und zu dessen angeblichen Drohungen gegen eine Journalistin „nicht länger zu schweigen“.
Andere Stimmen im Stiftungsrat sind der Meinung, dass es vorerst vor allem darum gehe, den enormen Image-Schaden für den ORF zu beheben. Etwa damit, im Stiftungsrat transparente Kriterien für die Ausschreibung für den ORF-Generaldirektor zu definieren. Allerdings: Im derzeitigen Format mit 35 Stiftungsräten sei eine „konstruktive Zusammenarbeit fast nicht möglich“.
Aus Sicht von Neos-Mediensprecherin Henrike Brandstötter würden derweil zu viele Themen miteinander vermischt, wie sie zur „Presse“ sagt. „Der ORF wird jetzt sturmreif geschossen. Private Fehden werden ausgefochten und offene Rechnungen beglichen. Das ist schade, denn über die betroffenen Frauen spricht gerade niemand. Denn offenbar gibt es so viele Stellen im ORF, an die man sich wenden kann, die aber so konstruiert sind, dass sie nicht vertrauenswürdig sind.“ Thurnher hat angekündigt, zu prüfen, ob die Beschwerdestellen im ORF bestmöglich aufgestellt sind.