Öl und Gas sind derzeit sehr teuer. Kaum ist die Straße von Hormus wieder offen, werden die Preise purzeln, so die Erwartung. Aber stimmt das auch? Nicht unbedingt, warnt der heimische Energie-Regulator. Kommt der Durchbruch zu spät, steigen die Preise weiter.
Ist die Straße von Hormus wieder passierbar? Das behauptet zumindest Kevin Hassett, der Wirtschaftsberater der US-Regierung. Erste Öltanker seien bereits wieder auf dem Weg durch die Meerenge, sagte er in einem Interview mit CNBC. Der Iran dementierte prompt, die Öl- und Gaspreise blieben an den Börsen hoch. Dabei müssten die Preise verfallen, sobald die Straße von Hormus wieder offen ist, so die allgemeine Hoffnung an den Märkten. Doch auch diese Hoffnung könnte – zumindest mit Blick auf das Gas – enttäuscht werden, warnt der heimische Energie-Regulator.
Im Vorjahr wurden 1000 Terawattstunden Flüssiggas durch die Straße von Hormus in die Welt geliefert. Das ist ein Fünftel der globalen LNG-Mengen und etwa so viel, wie Russland vor dem Ukrainekrieg via Pipeline nach Europa geschickt hat. Dennoch kostet Gas heute nur ein Sechstel dessen, was die Europäer zum Höhepunkt der Energiekrise 2022 dafür bezahlen mussten. Der scheidende E-Control-Chef Wolfgang Urbantschitsch sieht daher „noch keine Krise für Europa“ und „keine Notwendigkeit für staatliche Unterstützung“. Aber wie lange bleibt das so?
Die Regulierungsbehörden Europas haben intern Berechnungen angestellt, wie lange die Lieferungen aus dem Nahen Osten ausbleiben dürfen, bevor sich die Preisanstiege am Kontinent verfestigen und die Gefahr einer Mangellage entstehen könnte. Derzeit ist Europa noch gut mit Erdgas aus Norwegen und den USA versorgt. Vor Ausbruch des Konflikts gab es mehr als genug Gas am Weltmarkt, das nun als Puffer dient Für Entspannung sorgt zudem, dass Deutschland zuletzt massiv Kohlekraftwerke zur Stromproduktion eingesetzt hat, was Gasmengen in Europa freigemacht hat. Sollte die Straße von Hormus noch vier bis fünf Wochen geschlossen bleiben, sei das „physisch kein großes Problem für Europa“, sagt Johannes Mayer, Chefvolkswirt der E-Control.
Ein Blick auf die Futures zeigt, dass die meisten Händler davon ausgehen, dass die Meerenge bald wieder passierbar sein wird und sich die Gaspreise in den kommenden zwei Monaten deshalb wieder beruhigen werden. „Das große Problem entsteht, wenn man mit dem Einspeichern von Gas zu lange zuwartet“, warnt Mayer. Die europäischen Gasspeicher sind nach der Heizperiode auf sehr niedrigem Niveau. Die EU liegt bei einem Füllstand von knapp 29 Prozent, Österreich bei rund 35,5 Prozent. Bis in den Herbst müssen die Lager wieder gefüllt sein, doch bei den aktuellen Preisen will das niemand machen.
„Alle gehen davon aus, dass die Preise verfallen, wenn die Straße von Hormus wieder offen ist“, sagt Mayer. Doch auch das stimme nur, wenn das Nadelöhr des globalen Energiehandels nicht zu lange verstopft bleibe. Sollte die Straße von Hormus im Mai noch immer nicht frei sein, könnte es eng werden, so der Experte. „Wenn alle bis zum Sommer zuwarten und dann gleichzeitig Gas wollen, werden wir noch länger höhere Preise sehen.“
Was aber, wenn Kevin Hassett recht hat und schon wieder Öl- und Gastanker durch die Straße von Hormus fahren? Öl-Experte Johannes Benigni glaubt nicht daran: „Das ist Wunschdenken. Wer wird denn freiwillig durchfahren?“, sagt er auf Anfrage der „Presse“. „Auch die Versicherungen werden es nicht abdecken, denn die Gefahr besteht weiter, zumal der Iran auch außerhalb der Hormus-Straße zuschlagen kann, wie er das schon bewiesen hat.“
In einer aktuellen Studie schätzen die Forscher des Analysehauses „Thunder Said Energy“ eine rasche Öffnung des wichtigen Seeweges ebenfalls als unrealistisch ein. Zwar könnten 80 bis 90 Prozent der iranischen Shahed-Drohnen, die für Angriffe am persischen Golf genutzt werden, abgefangen werden. „Aber selbst eine Flotille aus Dutzenden Kriegsschiffen könnte keinen hundertprozentigen Schutz bieten.“
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