Alli Neumann, wie geht es Ihnen heute?
Mir geht’s heute gut. Ich komme gerade aus Thailand vom Strand. Vom weißen Strand ins weiße Wunder – das war kalt.
Ja, der Winter hat sich ein bisschen gezogen.
Ich wollte ihm eigentlich entkommen, aber er hat auf mich gewartet und ich bin auch froh, diesen magischen Schnee noch zu erleben. Auch wenn ich schon am ersten Tag dreimal ausgerutscht bin.
Eine Sache, die jetzt kommt, ist die „Zurück auf der Erde“-Tour 2026. Der erste Stopp der Tour ist Flensburg. Was verbinden Sie mit der Stadt?
Ich pendele zwischen Berlin und dem Flensburger Umland. Ich probe auch hier mit der Band. Natürlich bin ich auch viel unterwegs wegen der Arbeit, aber wenn nicht, dann ist das mein Seelenort hier.
Wie unterscheidet sich Flensburg denn von Ihrem Zweitwohnsitz Berlin?
Ich fühle mich hier einfach sehr wohl. Ich mag vor allem die Menschen im Norden besonders, weil ich finde, wir haben so eine hanseatisch offene Lebenseinstellung. Deswegen bin ich einfach sehr gerne da. In der Norderstraße habe ich auch bei diesem Album viele Texte geschrieben.
Ich fühle mich hier einfach etwas freier und unbeobachteter, was irgendwie paradox klingt, weil Berlin weltweit so für Freiheit steht.
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Sie spielen auf der Tour auch Songs von Ihrem neuen Album „Roquestar“. Was ist Ihr Lieblingssong auf dem Album?
Musik ist wie Medizin für mich und je nachdem, was ich gerade emotional brauche, ändert sich das. Aber ich glaube, aktuell ist mein Lieblingssong „Schattenboxer“. Das ist ein Lied, das eigentlich von Selbstzweifeln handelt. Der Song sagt, dass man eigentlich zu sich selbst wie zu einer Freundin sein sollte – sich selbst auch mit so viel Feingefühl und Geduld bewerten sollte. Das ist auch ein guter Notizzettel an mich, vor allem jetzt, wo ich nach dem Urlaub wieder in den Arbeitsalltag einsteige.
Also richtet sich der Song auch ein bisschen an Sie selbst?
Ja. Ich finde es immer schön, wenn ich mit der Musik eine neue Perspektive für mich schaffe, und wenn es jemand anderem auch dabei hilft, bedeutet mir das unheimlich viel.
In ihren Songs versteckt Alli Neumann verschiedene Botschaften. „Schrott“ beschäftigt sich mit Bisexualität, „Schattenboxer“ ist ein Appell für mehr Selbstliebe.
Foto: Lara Gildemeister
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Ich würde noch mal auf den Song „Schrott“ zu sprechen kommen. Sie leben Ihre Bisexualität offen aus. Unter anderem behandelt auch dieser Song das Thema. Wie ist es für Sie, als queere Person in der Öffentlichkeit zu stehen?
Ich muss sagen, ich bin in einer sehr privilegierten Situation, weil seit Beginn meiner Karriere von Anfang an sehr klar war, wer ich bin und für was ich stehe. Die meisten Menschen, die meine Musik hören, haben mich unterstützt und mich vielleicht sogar gerade deswegen gefeiert. Aber in Polen zum Beispiel – meine Mutter ist ja Polin – da ist die Situation etwas anders, und auch hier habe ich Sorge, dass es sich hier wieder zum Schlechteren entwickelt. Deshalb ist mir wichtig, damit offen umzugehen und auch meine polnischen Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen. Da ist es in vielen ländlichen Regionen nicht so einfach, auf der Straße offen queer rumzulaufen.
Also ist Musik für Sie auch eine Form des Aktivismus?
Musik ist für mich auch eine Form des Aktivismus. Ich glaube nicht, dass Musik die Funktion haben muss, aber Musik hat die Kraft, verbindende Momente zu schaffen, die Gesellschaft und Normen zu hinterfragen und Kraft zu geben, Dinge zu ändern. Ich glaube, es gibt fast für jede große Bewegung Songs, die die Menschen getragen und gestärkt haben.
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Was kann Musik in dieser Welt bewirken?
Musik schafft Verbindung. Bei Konzerten spürt man, dass Menschen mit ihren Ängsten und Hoffnungen nicht allein sind – und das ist unglaublich stärkend.
Gibt es einen Moment bei Live-Auftritten, der immer der Schönste ist?
Ja, ich habe einen Song, der heißt „So wie du“, den habe ich für meine beste Freundin geschrieben (lacht). Sie sitzt gerade neben mir. Das ist der Moment, in dem sich auch im Publikum ganz oft Leute umarmen und miteinander weinen, und ich fühle mich immer sehr geehrt, dass ich so von der Bühne aus diese ganze Liebe und intimen Momente und Freundschaften sehen darf. Den Song spiele ich auch auf der Tour. Dann wird hoffentlich beim Auftakt in Flensburg auch meine beste Freundin in der ersten Reihe sitzen.
Das führt mich zu meiner letzten Frage: Was erwarten Sie sich vom Tour-Auftakt in Flensburg am 23. März?
Alle meine Freunde und meine Familie wiederzusehen. Ich freue mich auch unfassbar darauf, wieder mit meiner Band zusammenzuspielen. Ich bin ja keine Studio-Musikerin geworden, sondern Live-Musikerin, weil ich eben diese Momente mit den Menschen wichtig finde. Zurzeit verbringe ich leider auch viel Zeit vor Bildschirmen, bei der Arbeit als auch privat, wie wohl viele das kennen. Und mehr denn je sehne ich mich einfach gerade nach echten Momenten mit echten Menschen. Wir müssen raus, wir müssen leben. Wir haben doch nur ein Leben.