Xavier Naidoo ist nicht nur zurück auf der musikalischen Bühne, sondern auch im Milieu rechter und verschwörungsideologischer Gruppen: Am Sonnabend demonstrierte er unter anderem gemeinsam mit der Querdenken-Partei „Die Basis“, dem rechtsextremen „Compact“-Magazin um Jürgen Elsässer und der relativ neu entstandenen rechten Gruppierung „Berliner Patrioten“ am Großen Stern in Tiergarten.

Die Polizei sprach von 750 Teilnehmenden – angemeldet waren 10.000 Personen. Auf der Seite der Gegendemonstranten versammelten sich demnach 200 bis 300 Menschen. Viele Teilnehmende schwenkten Deutschlandfahnen, das Durchschnittsalter lag deutlich jenseits der 50. Ein Teil der Anwesenden trug rechtsradikale und AfD-Parolen auf Taschen und Shirts, etwa Aufrufe zur „Remigration“. Andere trugen Aluhüte.

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Naidoo betrat unter großem Jubel die Bühne. Er sei ein bisschen nervös, sagte er, schließlich sei der Anlass heute wichtiger als seine Konzerte. Er deutete an, dass er als Kind selbst missbraucht worden sei und später bei einer Belgienreise den Dutroux-Fall gespürt habe, bevor dieser öffentlich geworden sei. Marc Dutroux entführte, vergewaltigte und folterte sechs Mädchen und tötete vier von ihnen, seit 1996 sitzt er im Gefängnis.

Das Thema Kindesmissbrauch „reibt mich einfach auf“, sagte Naidoo. Doch es werde in den Medien angeblich totgeschwiegen. „Ich bin ein sehr empathischer Mensch“, sagte er. Daher würden ihm immer wieder Menschen ihre Geschichte erzählen. Er sang kurz den Refrain seines Liedes „Dieser Weg“ an und war schon wieder von der Bühne verschwunden.

Kurz nach Beginn der Demonstration hatte sich etwa eine mittlere dreistellige Teilnehmerzahl an der Siegessäule eingefunden.

© Malden Haarbach

„Es wird oft gesagt, wir wären rechtsextrem“, sagte die rechte Youtuberin Michelle Gollan anschließend zum Publikum. Das sei ihr egal. „Egal ob wir rechts sind oder einen Aluhut aufhaben – wir sind diejenigen, die aufklären!“, rief sie. Unter Tränen verkündete Gollan: „Ich wünsche mir eine Welt, in der meine zukünftigen Kinder sicher aufwachsen können“.

Ein Teilnehmer der Demonstration am Großen Stern trägt einen Aluhut. Teilnehmende versammeln sich vor der Bühne bei der Demonstration am Großen Stern – einer von ihnen trägt einen Aluhut.

© Malden Haarbach

Naidoo raunt von „Abgrund“ in Deutschland

Wenig später war Naidoo zurück auf der Bühne. Nach einer weiteren Gesangseinlage sprach er abermals zum Publikum. „Der Epstein-Komplex kann nicht das wichtigste Thema heute sein. In Deutschland ist der Abgrund genauso tief“. „Wenn erstmal mehr Details bekannt werden, werden alle drei Wochen aus dem Fenster hängen“, raunte Naidoo, ohne konkreter zu werden.

14.03.2026, Berlin: Menschen nehmen an der Demonstration "Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen" mit einem Banner mit der Aufschrift "unsere Kinder bekommt ihr nicht" teil. Gefordert wird «Aufklärung deutscher möglicher Verbindungen im internationalen Epstein-Komplex». Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Menschen nehmen an der Demonstration „Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen“ mit einem Banner mit der Aufschrift „Unsere Kinder bekommt ihr nicht“ teil.

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Eine weitere Rednerin sprach von angeblichen „großen Pädophilenringen aus Ärzten, Richtern, Staatsanwälten“, die ihr Kind verschleppt hätten. „Heute sind es unsere Kinder, morgen eure!“, rief sie dem Publikum zu.

„Wer von euch ist rechts?“

Ein Redner fragte das Publikum: „Wer von euch ist rechts?“, sehr viele Hände gingen hoch. Er habe sehr viel mehr Teilnehmende erwartet, aber durch die „Hetze der Medien“ hätten viele Angst gehabt, die Demo zu besuchen. Auch Naidoo behauptete, dass viele Prominente nicht auf der Bühne sprechen könnten, weil sie Angst hätten, „ihre Karriere zu ruinieren“.

Beim Abbau der Bühne am Großen Stern soll eine Frau einen „verbotenen Gruß“ gezeigt haben, wie die Polizei später mitteilte – für gewöhnlich ist mit dieser Bezeichnung der Hitlergruß oder eine seiner Abwandlungen gemeint. Gegen die darauffolgende Festnahme habe sich die Frau gewehrt, weshalb die Polizisten „körperlichen Zwang“ anwendeten. Ein Beamter sei verletzt worden, habe aber im Dienst bleiben können.

„Bin jemand, von dem ihr wisst, dass er so denkt wie ihr“ Xavier Naidoo schon wieder auf Verschwörungsdemo in Berlin

Unter dem sperrigen Titel „Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen – Aufklärung im Kontext möglicher deutscher Bezüge im internationalen Epstein-Komplex“ war die Demonstration angemeldet worden. Die Route führte einmal durchs Regierungsviertel zurück zur Siegessäule. Offiziell sollte sie sich für mehr Kinderschutz einsetzen sowie „Rechtsstaatslichkeit und Transparenz stärken“.

Neben Naidoo sollte auch der Rapper Kianush auftreten, der seit Jahren mit kruden Theorien und antisemitischen Äußerungen auffällt. Auf seinem Youtube-Kanal spricht er etwa über Chemtrails – also die Kondensstreifen von Flugzeugen, mit denen angeblich die Bevölkerung vergiftet wird –, zweifelt die Mondlandung an und wollte mit eigenen Experimenten die Erdkrümmung überprüfen.

Nach seiner wenig glaubhaften Distanzierung von „rechten und verschwörerischen Gruppen“ 2022, spielte Xavier Naidoo im Winter erstmals wieder in ausverkauften Hallen. In Berlin gab er mehrere Konzerte in der Arena am Ostbahnhof. Seine Fans zeigten sich größtenteils völlig unbeeindruckt von antisemitischen und Reichsbürger-Aussagen des Soul-Sängers in der Vergangenheit.

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Seit der Veröffentlichung der Epstein-Akten offenbart der Künstler auch wieder seine kruden Thesen zu möglichen weltweiten Verschwörungen: Anscheinend sieht er sich durch die Enthüllungen um Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in seinem Weltbild bestätigt.

So tauchte er im Februar bei einer Kundgebung im Berliner Regierungsviertel auf und sprach dort etwa von „Kinderfressern“ und „embryonalem Gewürzmittel“, das angeblich in Kartoffelchips enthalten ist. „Ich bin mir sicher, wir alle haben schon Menschenfleisch gegessen“, sagte Naidoo in die Kameras rechter Youtube-Streamer.