An Goethe führt in Weimar kein Weg vorbei – auch beim Ausstellungsrundgang in der ACC Galerie kommt man durch einen kleinen Raum mit Arbeiten, in denen der Dichterfürst auf ganz unterschiedliche Weise eine Rolle spielt. Schließlich hatte Goethe im ersten Stock des barocken Bürgerhauses, in dem nun die Galerie beheimatet ist, seine erste Wohnung.
„Das ist unsere Goethe-Boutique, das Goethe-Fachkabinett“, erklärt Frank Motz, der Leiter der Galerie, mit schalkhaftem Lächeln. Die geringen Ausmaße seien Absicht, mehr Platz wollte man dem Geheimrat nicht überlassen. „Und deshalb wird es eben auch sehr voll“, meint er und weist auf ein altmeisterlich anmutendes Stillleben von Laura Nitsche.
Weimarer Galerie zeigt Stillleben mit Goethes Einkaufszettel
Die österreichische Künstlerin malt Stillleben nach Einkaufszetteln, die sie auf der Straße findet. Als sie hörte, dass Goethe mal in den Räumlichkeiten lebte, habe sie sich gefragt, ob wohl auch er Einkaufslisten gehabt habe, erzählt Motz. Hatte er nicht, soviel sei verraten. Schließlich gab es Hausangestellte.
Trotzdem hängt neben dem Stillleben ein vergilbter Zettel. Motz entziffert die schnörkeligen Buchstaben: „Gewürzgurken, Pfeffer, Zwiebeln, Kartoffeln, Zitronen, Olivenöl …“ Alles nur Fake. Goethe, so fand die Malerin heraus, liebte Kartoffelsalat. Wie auch das Stillleben aus diesen Zutaten hat Laura Nitsche den Zettel in bester Trompe-l’œil-Manier gemalt.
Kunst über Weimar mit Ausstellung sichtbar machen
Die beiden Gemälde gehören zum Archiv der Galerie. Neben Arbeiten von über 70 weiteren Künstlerinnen und Künstlern hängen sie in der Ausstellung „Die Sammlung Weimar“. Der Titel sei ein Gedankenspiel, erklärt Motz: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Tatsache, dass es so wahnsinnig viele zeitgenössische Kunst gibt, die sich mit Weimar befasst, aber keinen Ort, wo das mal über eine Ausstellung visuell wahrnehmbar gemacht wird“, erläutert der Kurator.
Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Tatsache, dass es so wahnsinnig viele zeitgenössische Kunst gibt, die sich mit Weimar befasst, aber keinen Ort, wo das mal über eine Ausstellung visuell wahrnehmbar gemacht wird.
Frank Motz
Leiter der ACC Galerie Weimar
Die ACC Galerie zeigt nun zwei Monate lang, wie so eine „Sammlung Weimar“ aussehen könnte. Der Galerist stellt sich als Publikum nicht nur Touristinnen und Touristen vor, sondern auch die Weimarer Stadtgesellschaft: „Weil es einfach interessant ist, was für verschiedene Sichtweisen und Perspektiven es auf Weimars Gegenwart und Vergangenheit, aus der Sicht ganz verschiedener internationaler und nationaler Künstler, gibt.“
Fotografie über Malerei bis Video- und Installationskunst
Die Schau mischt Videoarbeiten, Fotografien, Malerei und Installationen, die in den letzten 50 Jahren entstanden sind – manche im Rahmen einer Ausstellung in der ACC Galerie, oder im Jahr 1999, als Weimar Kulturhauptstadt Europas war. Viele internationale Künstlerinnen und Künstler lernen die Stadt auch über ein Atelier-Stipendium kennen, das die ACC Galerie seit 1995 ausschreibt, zum Beispiel Rodrigo Arteaga.
Der chilenische Bildhauer lebt inzwischen in Weimar. Für die Ausstellung hat er eine Spieluhr gebaut, ähnlich derer, die es in Touristenshops und Museen zu kaufen gibt. Dreht man an der Kurbel, ertönt der Liebestraum Nr. 3 von Franz Liszt. „Ich liebe Musik“, schwärmt Arteaga, während er eine Kostprobe seiner Spieluhr gibt. Liszt, der in Weimar lebte, habe ihn gleich zu mehreren Arbeiten inspiriert. Und eben auch zur Spieluhr. „Auf diese Weise erzeugt seine Musik eine ganz andere Resonanz“, freut er sich.
Künstlerischer Blick auf Weimar – und Buchenwald
Viele Werke in der Ausstellung betrachten Weimar und seine Eigenheiten auf spielerische oder humorvolle Weise. Doch nicht alle. „Thüringen war das erste Land, der erste Gau sozusagen, der faschistisch regiert wurde“, gibt Frank Motz zu bedenken.
„Natürlich schwebt immer Buchenwald mit im Raum, wenn wir über Weimar sprechen.“ Er beobachtet, dass sich viele Künstler mit der Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt beschäftigen. So lässt eine eindrucksvolle Soundarbeit des kanadischen Künstlers Robin Minard die Turmglocke der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ertönen.
Die Widersprüche, die eine Stadt wie Weimar in sich vereint, machen die Kunstwerke der Ausstellung auf verschiedene Weise sichtbar. „Kunst lebt ja dadurch als zivilisatorische Kraft, dass sie von uns legitimiert ist, auch mal über die Schwelle zu treten“, fasst Frank Motz seine Auswahl zusammen. Ein guter Grund, sich „Die Sammlung Weimar“ einmal anzusehen.