Unfassbar, aber wahr: zwei Monate nach dem Abpfiff des Afrika Cups gibt es einen neuen Sieger: Marokko. Das Chaos nach dem skandalösen Endspiel geht somit weiter, Senegal ist nach dem sportlichen Sieg gegen Marokko (1:0 nach Verlängerung) der Titel aberkannt worden. Das Berufungsgericht des afrikanischen Fußballverbands CAF gab dem Einspruch der Nordafrikaner statt und wertete die von Tumulten geprägte Partie mit 3:0 für den Gastgeber. Die staatliche Tageszeitung im Senegal titelte: „Witz des Jahrhunderts“.

Das Finale des Afrika Cups am 18. Jänner war infolge fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen komplett aus dem Ruder gelaufen. Nach einem umstrittenen Elfmeterpfiff zugunsten Marokkos in der Nachspielzeit hatte Senegals Mannschaft den Platz verlassen. In der Verlängerung hatte Pape Gueye das Siegestor erzielt, nachdem der Elfmeter durch Brahim Díaz verschossen worden war. Die Marokkaner legten anschließend Einspruch ein, dem nun stattgegeben wurde.

Brahim Diaz vergab den umstrittenen Elfmeter, den Stein des ganzen Anstoßes.

Brahim Diaz vergab den umstrittenen Elfmeter, den Stein des ganzen Anstoßes. APA / AFP / Paul Ellis

In dem juristischen Hickhack kann es durchaus noch eine Wende geben. Denn der senegalesische Fußballverband kündigte an, vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen. „Die senegalesische Fußballföderation verurteilt diese Entscheidung als ungerecht, beispiellos und inakzeptabel, und sieht darin eine Diskreditierung des afrikanischen Fußballs“, hieß es in einer Mitteilung. Generalsekretär Abdoulaye Seydou Sow erklärte im staatlichen Rundfunk RTS, dass die Entscheidung des Berufungsgerichts eine „Schande für Afrika“ sei. Wann der CAS urteilt, ist offen.

Der Afrika Cup.

Der Afrika Cup. APA / AFP / Franck Fife

Das Berufungsgericht begründete die Entscheidung mit Artikel 82 und 84 des Afrika-Cup-Reglements. Unter Verweis auf Artikel 82 des Regelwerks wurde demnach befunden, das senegalesische Team habe durch das Verlassen des Platzes gegen Ende der regulären Spielzeit die Partie aufgegeben – und müsse daher als Verlierer gewertet werden. Nach Artikel 84 ist das Ergebnis mit 3:0 für Marokko zu werten.

Die Regel 5 des International Football Association Board, das weltweit die Fußballregeln festlegt, räumt dem Referee „volle Autorität“ ein, zu bestimmen, was in einem Spiel geschieht. „Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu Tatsachen im Zusammenhang mit dem Spiel, einschließlich ob ein Tor erzielt wurde oder nicht und wie das Spielergebnis lautet, sind endgültig. Die Entscheidungen des Schiedsrichters und aller anderen Spieloffiziellen müssen jederzeit respektiert werden“, heißt es gemäß Regel 5.2.

Mehrere Profis spotteten in den sozialen Medien nach der Titel-Aberkennung. „Ihr könnt den Heulsusen ruhig noch drei Tore geben“, schrieb Pathé Ciss vom spanischen Erstligisten Rayo Vallecano auf der Plattform X. Habib Diarra vom FC Sunderland veröffentlichte ein Foto von sich mit der Afrika-Cup-Trophäe und stellte Smileys dazu. El Hadji Malick Diouf vom Premier-League-Klub West Ham United schrieb auf seinem Instagram-Kanal: „Diese Trophäe gewinnt man auf dem grünen Rechteck, aber nicht per E-Mail.“ Und Idrissa Gueye vom FC Everton erklärte: „Wir wissen, was wir an jenem Abend in Rabat erlebt haben. Und das kann uns niemand nehmen.“

"L‘Observateur": Im Senegal herrscht helle Empörung nach dem CAF-Spruch.

„L‘Observateur“: Im Senegal herrscht helle Empörung nach dem CAF-Spruch. APA / AFP / Nicolas Remene

Der frühere Teamchef Claude Le Roy ging die CAF und ihren Präsidenten Patrice Motsepe hart an. „Ich hätte mir nicht im Traum vorstellen können, dass man in diesem Zirkus so weit gehen würde. Wenn man sieht, wie CAF von Herrn Motsepe geführt wird, der letztlich ein Vasall von Gianni Infantino ist und der von Anfang an unbedingt diesen Pokal an Marokko vergeben wollte“, sagte Le Roy in der französischen Sendung „L‘Équipe Du Soir“.

Die Regierung des Senegal fordert nach der Aberkennung Korruptionsermittlungen gegen den Fußballverband. „Der Senegal kann nicht hinnehmen, dass eine Verwaltungsentscheidung Engagement, Verdienst und sportliche Spitzenleistungen zunichtemacht“, teilte Regierungssprecherin Marie Faye in Dakar mit. 

Er war beim Finale in Rabat dabei: Gianni Infantino.

Er war beim Finale in Rabat dabei: Gianni Infantino. Reuters / Siphiwe Sibeko

Die Suche nach dem Schuldigen spaltet Afrikas Fußball. Im Senegal ist der Übeltäter jedoch längst ausgemacht: Gianni Infantino. Der Fifa-Chef habe schon kurz nach dem Finale wegen des Verhaltens von Senegals Team und Zuschauern Konsequenzen gefordert. Seit 2016 steht er dem Weltverband vor, in Afrika hat er viele Verbündete, die auch davon profitierten, dass die WM auf 48 Mannschaften angeschwollen ist.

Und Marokko? 2022 zog es dank Fehlentscheidungen des Schiedsrichters als erstes arabisches und erstes afrikanisches Land der Historie in ein WM-Halbfinale ein. Und weil die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet und nicht in Nordafrika, erhielt Marokko als Teil jener interkontinentalen Sechserriege von Spanien bis Argentinien den Zuschlag, die 2030 die WM austragen wird. Als Afrika-Cup-Sieger zieht man noch mehr Aufmerksamkeit auf sich?

(dpa/fin)