Die „Volksrepublik Narva“ hat eine eigene Hymne, Fahne und militärische Abzeichen.

Bisher gibt es das Gebilde nur im Internet. Die Follower-Zahl ist mit einigen Hundert bescheiden. Doch das reicht, um in Estland die Sorge vor einem Eingreifen Russlands wachsen zu lassen.

Seit Mitte Februar werben anonyme Accounts auf Telegram, TikTok und dem russischen Netzwerk V Kontakte für eine Abspaltung Narvas und der sie umgebenden Region Ida-Viru von Estland. Narva ist eine mehrheitlich russischsprachige Stadt im Osten Estlands. Von Russland trennt sie nur der gleichnamige Grenzfluss. Der Ort wird immer wieder in Szenarien eines russischen Angriffs auf das Baltikum genannt.

Die Macher der Kanäle bleiben anonym und treten nur maskiert auf. Sie behaupten, nicht für Separatismus, sondern für Autonomie einzutreten: „Wir sind eine Bürgerbewegung.“ Freilich haben die meisten Bürger Narvas bis vor kurzem noch nichts von dieser Bewegung gehört. Der Telegram-Kanal ruft zum Teilen der Nachrichten und zu Spenden in Kryptowährung auf: „Denn wir sind leider kein Projekt des Kreml“, schreibt man ironisch. Einige der veröffentlichten Beiträge sind schlecht gemachte Fotomanipulationen. So ist die vermeintliche Fahne der Volksrepublik bei einem Aufmarsch bewaffneter Kämpfer zu sehen, der sich 2014 im ostukrainischen Donezk zutrug.

Die historischen Parallelen sind gewollt. Das ist es auch, was Beobachter beunruhigt: In der Ostukraine verwendete Russland das Konzept zu Beginn seiner militärischen Intervention, um den ukrainischen Staat zu destabilisieren.

Nach einem Bericht der estnischen Desinformations-Bekämpfer des Portals „Propastop“ wurde die deutsche „Bild-Zeitung“ auf das Thema aufmerksam. „Bereitet Putin einen Angriff auf Estland vor?“, fragte die Boulevardzeitung plakativ.

Doch auch die estnischen Behörden nehmen das Phänomen ernst. Marta Tuul, Vertreterin des estnischen Inlandsgeheimdienstes ISS, sagte gegenüber dem litauischen Online-Portal Delfi, dass man von einer Provokation ausgehe, die Verwirrung stiften und den sozialen Zusammenhalt untergraben solle. „Solche Taktiken wurden nicht nur in Estland, sondern auch in anderen Ländern angewendet. Es ist eine einfache und billige Methode, um die Gesellschaft zu provozieren und einzuschüchtern.“ Der estnische Premierminister Kristen Michal sprach von einer russischen Informationsoperation. Und der estnische Außenminister Margus Tsahkna schrieb auf X: „Narva ist eine estnische Stadt und wird es immer bleiben.“ Er riet den Bürgern: „Bleiben Sie ruhig und informiert!“

Anton Shekhovtsov, Dozent an der Central European University in Wien und Experte für russische Desinformation, warnt vor allzu großer Aufmerksamkeit. Shekhovtsov hält das Projekt wegen seiner dilettantischen Machart für einen „marginalen Witz“, wie er gegenüber der „Presse“ sagt. „Wenn marginale Geschichten wie diese von Medien, insbesondere Mainstream-Medien verbreitet werden, werden sie größer gemacht als sie sind.“ Das sei letztlich kontraproduktiv, so der Experte.

Stehen hinter der Narva-Republik ernstzunehmende politische Akteure? Ist die Sache ein Polit-Prank? Das bleibt schwer zu beurteilen. Womöglich dient die Aktion auch als Testballon, um zu sehen, wie die lokale Öffentlichkeit auf Provokationen reagiert.

Eine Straßenumfrage des Portals Delfi ergab, dass die meisten der Befragten entweder nichts von der Aktion gehört hatten, oder sie für „Unsinn“ hielten. „Wir bleiben lieber auf estnischem Staatsgebiet“, sagte ein russischsprachiger Este in Narva. „Und werden uns in der gegebenen Lage entwickeln.“

Estland bietet als EU- und Nato-Mitglied im Vergleich zum sanktionsbeladenen Russland objektiv mehr Chancen für alle seine Bewohner, egal welchen Hintergrunds. Aufgrund der Spannungen zwischen Moskau und dem Westen ist das Land im Baltikum – wie Litauen und Lettland auch – in einer exponierten Lage.

Ein russischer Angriff auf die Nato, den westliche Geheimdienste für die Zukunft nicht ausschließen, würde aller Wahrscheinlichkeit nach das Baltikum treffen. Die gesellschaftliche Integration der großen russischsprachigen Minderheit ist daher auch aus sicherheitspolitischen Gründen relevant. Russische Propaganda skandalisiert regelmäßig die angebliche „Russophobie“ in den Baltenrepubliken, um die soziale Kluft zu vertiefen.

Der Kreml hat in der Vergangenheit die Propagierung von „Volksrepubliken“ erfolgreich genutzt, um den staatlichen Zusammenhalt anderer Staaten zu destabilisieren. Bekannt sind die „Donezker Volksrepublik“ und „Luhansker Volksrepublik“, die im Frühling 2014 in der Ostukraine ausgerufen wurden. Schon damals wurde das Narrativ einer angeblichen Benachteiligung und existenziellen Bedrohung der russischsprachigen Bevölkerung, als deren Unterstützer sich Russland inszenierte, verbreitet.

In den Jahren davor förderten russische Akteure gewaltbereite Milieus in der Region, etwa prorussische Sport-Clubs, Wehrsport-Gruppen und Kosakenvereine. Als im Frühling die sozialen Spannungen in der Ostukraine infolge des Machtwechsels in Kiew zunahmen, propagierten lokale Vertreter zunächst die Autonomie des Donbass. Im Lager der „Volksrepubliken“ konsolidierten sich Kiew-kritische und antiukrainische Kräfte. Viele ihrer Vertreter wirkten zunächst wie Witzfiguren. Als sie vom Kreml Waffen bekamen, änderte sich das schnell. Das Gebiet sagte sich von der Ukraine los.

Das weitere Schicksal ist bekannt: Die vermeintliche Zuspitzung der Lage in den besetzten Gebieten diente Wladimir Putin im Jahr 2022 als Vorwand seine Ukraine-Vollinvasion.