Der Wiener Liedermacher legt mit „Gschnas“ sein bislang bestes Album vor. Ein Gespräch über das Berühmtsein, alte Anzüge, das Glück in Momenten und die Zeit als großen Zerstörer.

Voodoo Jürgens ist auch Schauspieler, prämiert für seine Rolle als „Rickerl“. Hassler-Smith
„Die Presse“: Ein Album mit dem Titel „Gschnas“ nach dem Fasching zu veröffentlichen, ist ein wenig gewagt …
Voodoo Jürgens: Ja, so gesehen. Aber mir hat das Wort „Gschnas“ immer schon gefallen. Und zwar ganzjährig.
Das Leben soll sein wie der Prater, heißt es in der groovigen Titelnummer „Gschnas“. Alles soll bunt sein und funkeln und sich „drahn“, aber dem Protagonisten fehlt ein Vorderzahn. Woher rührt der Taumel?
Das Lied ist die Frucht einer eigenartigen Euphorie, die ich mal hatte, als ich in den Keller hinuntergegangen bin. So weltumarmend bin ich normalerweise nie. Da dürfte ich einen guten Tag gehabt haben. Und insgesamt kommt der Taumel im Album von der Umkehrung der Arbeitsabläufe: Erstmals haben wir zuerst die Musik aufgenommen, dann erst habe ich mich ein halbes Jahr lang um die Texte gekümmert.
Idealisieren Sie in Ihren Liedern das Armsein?
Das liegt nahe, weil ich aus eher ärmlichen Verhältnissen komme. Aus dieser Perspektive kann ich mehr berichten. Von gstopften Leuten kenn’ ich die Leben nicht so gut.
Sie haben diesmal im Studio Nord Bremen aufgenommen. Wie kam das?
Zufällig. Mir hat mal jemand auf Tour erzählt, dass die dort gut gewartete „Vintage Gear“ haben, also altes Equipment, das gut in Schuss ist. Mikrofone aus den Sechzigerjahren, patinierte Hammondorgeln und noch viel mehr. Es war uns eine Ehre, weil es das Studio ist, in dem Tocotronic „K.O.O.K“ aufgenommen hat. Und auch Heintje hat dort seine größten Hits eingesungen. Womöglich hab’ ich eines seiner Mikros verwendet.
Die Titelnummer klingt aber ziemlich nach Bob Dylan. Wie kommt das?
Er ist natürlich ein All-Time-Favorite von mir. Mir gefällt allerdings der frühe Dylan besser als der späte. Der neue Popappeal ist unserer neuen Herangehensweise geschuldet. Ich habe dafür ein bisschen gebraucht, weil ich mit meinen Geschichten nicht mehr so ausholen konnte und pointierter dichten musste.
Ist „Gschnas“, musikalisch gesehen, eine Versöhnung zwischen der Ästhetik Ihrer ersten Band „Die Eternias“ und dem, was Sie unter dem Künstlernamen Voodoo Jürgens gemacht haben?
Könnte man so sehen. Allerdings war schon „Heite grob ma Tote aus“ so was. Das war eine Nummer, die komplett anders geklungen hat als das, was sonst auf meinem ersten Voodoo-Album drauf war. Auch wenn die Musik der Eternias nicht auf wahnsinnig viel Gegenliebe gestoßen ist, war es eine gute Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe.
Worum geht es denn überhaupt im Leben?
Bei jedem um was anderes. Ganz allgemein, glaube ich, geht es nicht darum, permanent im Glück zu sein. Es sind die besonderen Momente, die zählen.
Sie malen, haben auch wieder das Cover gemalt. Hören Sie dabei Musik?
Nein, ich male in völliger Stille. Oft nehm’ ich mir vor, dass ich mir was auflege, aber dann tu ich’s doch nicht.
Wie hat sich Ihr Leben mit der Berühmtheit verändert?
Nicht wahnsinnig viel. Nur so fortgehen wie früher, das geht nicht mehr. Dass man angeredet wird, damit muss man klarkommen. Das kann schon auch nervig werden, wenn man privat sein will. Da überlegt man sich, ob man überhaupt rausgehen soll, denn man hat nicht immer die Lust zu „sozializen“.
Wie viele Zigaretten rauchen Sie pro Tag?
Ich schau’, dass es unter einem Packerl bleibt. Bei den Dreharbeiten zum Film „Rickerl“ habe ich extrem viel tschicken müssen. Das waren locker drei Packerln täglich. Da ist mir der Rauch schon bei den Ohren rausgekommen.
Die Schauspielerei liegt Ihnen offenbar. Waren Sie gar nicht nervös?
Nein, es hat sich irgendwie ganz locker ergeben. Der Regisseur Adrian Goiginger kam auf mich zu und wir haben lange geredet, was das werden könnte. Das Drehen an sich war nicht mehr so aufregend wie die Vorgespräche.
Sie haben für Ihre Darstellung des „Rickerl“ den Österreichischen Filmpreis bekommen. Wie überrascht waren Sie?
Na, schon ziemlich. Es hat mich geflasht. Ich war in einem Ausnahmezustand.
Schon das erste Lied auf dem neuen Album, „Langsam wirst ma fremd“, ist eine Übernummer geworden. Könnte man behaupten, dass die Zeit letztlich alles ruiniert?
Auf Freundschaften gemünzt ganz leicht. Wenn man die Freundschaften nicht pflegt, dann erodieren sie. Auch in Partnerschaften ist Entfremdung die Regel. Es scheint, als wäre der Mensch nicht für Langzeitbeziehungen geschaffen. Das Lied ist das Gegenteil von „Langsam wachs’ ma ’zam“ von Wolfgang Ambros.
Hat Ihre wachsende Berühmtheit auch zu Verstörung im Freundeskreis geführt?
Schon. Viele wollten vermeiden, dass ich glaube, sie melden sich nur, weil ich jetzt bekannt bin. Da muss man dann Überzeugungsarbeit leisten, dass sich eh nicht so viel verändert hat. Viele Leute machen sich halt unnötig selbst klein.
Sie tragen gern Second-Hand-Anzüge à la Siebzigerjahre. Was zeichnet diese Kleidungsstücke aus?
So ein Anzug macht schon was mit einem. Ich hab’ mal einem Bekannten einen geschenkt, als es ihm nicht gut ging. Das hat ihm tatsächlich so etwas wie Würde verliehen. Das war gut. Und wenn man seine Band „Ansapanier“ nennt, dann ist es schon ein bisserl aufgelegt, dass man Anzug trägt. Aber es wird immer schwerer, alte Anzüge zu finden. Tragbare Oberteile findet man, aber die Hosen sind meist verschlissen. Auf Reisen schaue ich permanent nach neuen alten Anzügen.
Wenn sich das Album sensationell verkauft, empfehle ich den Couturier Jim Kerr in London. Dort lässt Nick Cave seine Dreiteiler schneidern …
Das wäre natürlich super.
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