20. März 2026
Kai Imhoff

(Bild: New Africa / Shutterstock.com)
Japanische Forscher haben Haarfollikel gezüchtet, die wachsen, ausfallen und nachwachsen – dank eines lange übersehenen dritten Zelltyps.
Jeden Morgen dasselbe Bild: Haare auf dem Kopfkissen, Haare im Abfluss, und im Spiegel zeigt sich eine Stirn, die immer höher wird. Für rund ein Viertel der Weltbevölkerung gehört Haarausfall zum Alltag – ob durch das Älterwerden oder durch Erkrankungen wie Alopezie.
Weiterlesen nach der Anzeige
Wer bisher zu Mitteln wie Minoxidil oder Finasterid griff, konnte den Verlust bestenfalls bremsen. Verlorene Haare zurückbringen konnte keines dieser Medikamente. Genau das könnte sich nun ändern: Ein japanisches Forschungsteam hat im Labor erstmals Haarfollikel gezüchtet, die tatsächlich funktionieren – wachsen, ausfallen und wieder nachwachsen, ganz wie echtes Haar.
Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Biochemical and Biophysical Research Communications.
Das fehlende Puzzleteil: Ein dritter Zelltyp
Jedes Haar auf unserem Kopf steckt in einer winzigen Tasche in der Haut – dem Haarfollikel.
Frühere Versuche, solche Follikel im Labor nachzubauen, scheiterten an einem grundlegenden Problem: Die Forscher verwendeten zwei bekannte Zelltypen – Stammzellen aus der Haarwurzel und Zellen aus der sogenannten dermalen Papille, einer Art Steuerzentrale am Grund des Follikels.
Zusammen bildeten sie zwar eine einfache Haarzwiebel, doch das entscheidende Wachstum nach unten in die Haut hinein blieb aus. Ohne dieses Tiefenwachstum entsteht kein richtiger Follikel und damit kein Haar.
Weiterlesen nach der Anzeige
Das Team um die Forscher Koh-ei Toyoshima und Takashi Tsuji fand jetzt das fehlende Puzzleteil: mesenchymale Begleitzellen. Diese Zellen sitzen im Bindegewebe rund um bestehende Haarwurzeln.
Man kann sie sich wie ein Baugerüst vorstellen, das dem wachsenden Follikel den Weg in die Tiefe der Haut bahnt. Erst als die Wissenschaftler alle drei Zelltypen kombinierten, wuchsen im Labor vollständige Follikel heran, die einen sichtbaren Haarschaft bildeten.
Wie aus drei Zelltypen ein ganzes Haar wird
Die Forscher nutzten eine über Jahrzehnte verfeinerte Technik namens Organkeim-Methode, um aus den drei Zelltypen einen winzigen biologischen Keim zu formen.
Die mesenchymalen Zellen übernahmen dabei eine doppelte Aufgabe: Sie verwandelten sich in sogenannte dermale Scheidenzellen, die eine schützende Hülle um den wachsenden Follikel bilden.
Diese Hülle gibt dem Follikel mechanischen Halt – ähnlich wie ein Tunnel, durch den sich das Haar nach unten vorarbeiten kann.
In einem dreidimensionalen Hautmodell im Labor zeigten die so erzeugten Follikel ein Verhalten, das echtem Haar verblüffend ähnelt: Sie bildeten Haarschäfte aus, wuchsen eine Weile, fielen dann aus und begannen erneut zu wachsen.
Dieser natürliche Kreislauf aus Wachstum und Ruhe ist das zentrale Kennzeichen gesunder Haare.
Erfolgreiche Tests an Mäusen
Den entscheidenden Praxistest bestanden die Laborfollikel ebenfalls. Nach der Verpflanzung in Mäuse wuchsen sie in das umliegende Gewebe ein und verbanden sich mit Nerven und dem Haarbalgmuskel – jenem kleinen Muskel, der bei echten Haaren für die Gänsehaut sorgt.
Über 68 Tage hinweg durchliefen die transplantierten Haare ihren natürlichen Zyklus.
„Diese Arbeit definiert eine grundlegende zelluläre Konfiguration für die funktionelle Haarfollikelregeneration“, sagte Yoshio Shimo, Chef des Unternehmens OrganTech, das die Studie mitfinanziert hat.
Noch ein weiter Weg bis zum Menschen
So vielversprechend die Ergebnisse klingen – bis Betroffene von Haarausfall davon profitieren, dürfte es noch dauern. Sämtliche Tests fanden bisher an Mäusen statt.
Die Übertragung auf menschliches Gewebe stellt die Forschung vor zusätzliche Hürden, denn die Isolierung der richtigen Zellen gestaltet sich beim Menschen deutlich komplexer. Einen konkreten Zeitplan für klinische Studien gibt es nicht.