Nikosia. Als der Iran kurz nach Kriegsbeginn die arabischen Staaten unter Beschuss nahm, überraschte er nicht nur seine Nachbarn am Persischen Golf, sondern auch den US-Präsidenten. „Das hat keiner erwartet“, sagte Donald Trump zu den Raketen- und Drohneneinschlägen von Kuwait bis Oman. Auch die Radikalisierung im iranischen Regime war in Trumps Plänen nicht inkludiert.

Nach drei Wochen Krieg steht fest, dass grundlegende Erwartungen von USA und Israel falsch waren und der Konflikt anders verläuft als von ihnen vorgesehen. Die Angreifer sind militärisch zwar erdrückend überlegen und verbuchten gleich am ersten Kriegstag einen wichtigen Erfolg, als sie den iranischen Regimechef Ali Khamenei töteten. Doch seitdem läuft vieles anders als gedacht.

„Plan A scheiterte, als klar wurde, dass der tödliche Angriff auf Ayatollah Ali Khamenei weder die Theokratie zusammenbrechen ließ noch die Kapitulation der Iraner zur Folge hatte“, schrieb der Iran-Experte Trita Parsi von der US-Denkfabrik Quincy Institute auf der Plattform X. Das Regime schloss die Reihen und wählte innerhalb weniger Tage Khameneis Sohn Mojtaba zum Nachfolger.

Damit bekamen die extremen Hardliner alle Macht in Teheran in die Hand. Mojtaba Khamenei, ein enger Verbündeter der Revolutionsgarden, hätte in Friedenszeiten nur wenig Chancen auf das Spitzenamt gehabt, weil die Islamische Republik eine dynastische Herrschaft aus ideologischen Gründen ablehnt. Doch der militärische Druck von USA und Israel gab der Garde das Argument, das sie brauchte, um Khamenei Junior durchzusetzen.

Nun regiert in Teheran eine radikalisierte Führungsclique, die Kompromisse mit dem Westen ablehnt und alles daran setzen dürfte, als Versicherung gegen den nächsten Angriff eine Atombombe zu entwickeln. Genau das wollten die USA und Israel mit dem Krieg verhindern. Ein radikalisierter Iran werde nach dem Krieg sein Öl an China liefern, um sich Geld für neue Raketen und das Atomprogramm zu beschaffen, sagte der Nahost-Experte Ali Alfoneh vom Arab Gulf States Institute in Washington der „Presse“. „Und dann werden sie mit Hochdruck an der Bombe arbeiten.“

Schon jetzt deutet sich eine aggressivere iranische Politik in der Region an. Politiker in Teheran erwägen, die Sperrung der weltwirtschaftlich wichtigen Meerenge von Hormus künftig zur Erpressung zu nutzen oder Mautgebühren von durchfahrenden Tankern zu verlangen. Radikale Hardliner hatten das bereits vor dem Krieg gefordert, konnten sich aber nicht gegen die Realpolitiker durchsetzen. Jetzt werden sie gehört. Nachdem Israel auch Ali Larijani, den pragmatischen Vorsitzenden des iranischen Sicherheitsrats, bei einem Luftangriff getötet hat, seien nur noch die Extremisten von der Revolutionsgarde übrig, sagt Alfoneh. Für die arabischen Golf-Staaten zeichnet sich damit ab, dass der Iran nach dem Krieg eine größere Bedrohung sein dürfte als vorher. Staaten wie Saudiarabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate fühlten sich zu Beginn des Konflikts sicher, weil sie den USA und Israel verboten hatten, ihre Hoheitsgebiete für Krieg gegen den Iran zu nutzen.

Doch Teheran nahm darauf keine Rücksicht. Angriffe auf die arabischen Staaten dienen zwei Zielen der Iraner. Zum einen wollen sie die Araber dazu bringen, Druck auf Trump zu machen, damit er den Krieg beendet. Zum anderen wollen sie der Öl- und Gasindustrie möglichst großen Schaden zufügen, damit die USA aus wirtschaftlichen Gründen zum Aufgeben gezwungen werden.

Arabische Politiker und Diplomaten seien wütend auf den Iran, „gerade weil man dort das Gefühl hat, frühere diplomatische Signale und Zusicherungen seien ignoriert worden“, sagt der Nahost-Sicherheitsexperte Kristian Patrick Alexander von der Denkfabrik Rabdan Security and Defense Institute in Abu Dhabi zur „Presse“. „Das spricht für eine künftige Beziehung, die kälter, misstrauischer und stärker sicherheitspolitisch geprägt sein wird.“

Neues Misstrauen gibt es am Golf auch gegenüber den USA. Trump distanzierte sich von dem israelischen Angriff auf den iranischen Teil des Parsi-Gasfelds, nachdem das Bombardement massive Gegenschläge der Iraner auf Katar ausgelöst hatte. Doch die Zusicherung des US-Präsidenten, Israel werde das Gasfeld nicht noch einmal angreifen, kann die Araber nicht beruhigen: Der Krieg demonstriert aus ihrer Sicht, dass die Schutzversprechen der USA nichts wert sind.

Dieser Eindruck führt zu einer weiteren Konsequenz des Konflikts, die nicht zu Trumps Kriegsplan gehörte, die Region aber auf Jahre hinaus prägen dürfte: Amerika erscheint den arabischen Staaten nicht mehr als Führungsmacht, sondern als fügsamer Junior-Partner einer aggressiven israelischen Regierung.

Die USA „haben die Kontrolle über ihre eigene Außenpolitik verloren“, schrieb der Außenminister von Oman, Badr bin Hamad al-Busaidi, in einem Gastbeitrag für den britischen „Economist“. Israel habe Trump in den Krieg hineingetrieben, als iranische und amerikanische Unterhändler kurz vor einer Einigung im Streit um das Teheraner Atomprogramm gestanden hätten. Al-Busaidi hatte bei den Gesprächen vermittelt und ist deshalb besonders frustriert. Doch viele arabische Politiker teilen seine Meinung.