Immer, wenn der Vater mit seinen Kindern am Haus Schulenburg entlang geht, sagt er: „Schaut, das ist das Haus von Henry van de Velde.“ Der Sohn Volker denkt sich, dieser van de Velde muss ein wichtiger Mann sein. Er findet die von 1913 bis 1914 erbaute Villa interessant, weil es so ganz anders aussieht als die anderen Häuser in der Gegend. So kann man also auch leben. In einem Haus mit mächtigem Dach, Turm, Giebeln, schönen Fenstern. In der Nachkriegszeit im sozialistischen Gera war das – und die baukulturelle Früherziehung des Vaters hatte Folgen.

Im Jahr 1996 nämlich kauft der Sohn das Haus in der Straße des Friedens 120 von der Stadt Gera, die inzwischen im Kapitalismus angekommen ist und den seit Jahren leer stehenden, sich in desolatem Zustand befindenden Bau los werden will. Der Sohn heißt Volker Kielstein, gemeinsam mit seiner Frau Rita – die beiden hatten sich während ihres Medizinstudiums kennengelernt – hat er dem Haus und Garten von Henry van de Velde wieder zu Glanz verholfen.

Denkmalgerechte Restaurierung der Villa

Der prachtvolle Kamin, das Gartenzimmer, die Böden, die Wände und Fenster – alles wurde so originalgetreu wie möglich aufgearbeitet, einige von van de Velde entworfene Möbel kamen zurück in die Villa ebenso wie von ihm gestaltete Bücher.

Das Haus Schulenburg beherbergt heute das Henry van de Velde Museum und bleibt auch nach dem Tod von Rita Kielstein im Familienbesitz. Auch die Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes hat ihren Sitz im Haus. Den Deutschen Preis für Denkmalpflege, den Europäischen Kulturerbepreis und viele Auszeichnungen mehr haben die Kielsteins für ihre Mammutaufgabe erhalten; das belgische Königshaus würdigte die Leistung mit der Ernennung von Volker Kielstein zum Offizier des belgischen Kronenordens.

Entwarf sowohl Jugendstil-Villen als auch Häuser im Stil des Neuen Bauens: Henry van de Velde (1863-1957). Foto: IMAGO/Bridgeman Images

Die Leute in Gera, welche die Eröffnung des frisch erstrahlten Hauses 2012 besuchten, waren begeistert und auch jene, die von weiter her kamen und immer noch kommen – aktuell stellt sich das Gebäude selbst aus in der Schau „Haus Schulenburg – ein europäisches Kultgut“.

Lob des Architekten Hugo Häring

Nicht nur vermögende Adelige und Industrielle von einst und Rita und Volker Kielstein in der Gegenwart sind dem Stil des Gesamtkunstwerkers van de Velde verfallen – den geschwungenen Linien bei Möbeln wie bei Treppen, der Handwerkskunst, den ansprechend gestalteten technischen Details von Lüftungsöffnungen bis zu den Fenstergriffen, den großzügigen Entrées und Treppenaufgängen und der Idee, dass ein Haus sich nach den Bedürfnissen seiner Bewohner richten soll und sozusagen von innen nach außen hin architektonisch entworfen wird.

Für diese Art der Gestaltung wurde van de Velde auch von befreundeten Kollegen geschätzt, wie dem im baden-württembergischen Biberach an der Riß geborenen Hugo Häring (1882-1958), der in Stuttgart Architektur studiert und bei Theodor Fischer sein Studium abgeschlossen hatte. Beide waren Verfechter des Neuen Bauens, aber keine Dogmatiker, sondern Architekten, die das Wohl, die Bedürfnisse der Nutzer von Bauten ins Zentrum stellten.

Morgensonne im Schlafgemach

Deshalb auch finden sich manchmal eigentümlich wirkende Platzierungen von Fenstern oder von kleinen Balkonen auf der Ostseite. Weil die Liebe zu Luft und Licht in der gestalteten Idee mündet, dass der Mensch schon nach dem Aufstehen am Morgen möglichst Sonne in seinem Schlafzimmer auf der Ostseite haben soll und vielleicht die Türen aufmacht und die Morgensonne ins Gemach strömen lässt.

Neben den Kielsteins in Gera hat jüngst Thomas Rabe die Mühen einer Häuserrettung auf sich genommen. Wie der Arzt Kielstein hat auch der Manager Rabe, er ist CEO von Bertelsmann und RTL, enge persönliche Bindungen zu einem Haus von Henry van de Velde schon als Kind gehabt. „Ich spielte in der Straße, in der Henry van de Velde sein letztes Wohnhaus, La Nouvelle Maison’ entwarf und baute“, verrät er in dem Vorwort zu einem Buch, in dem akribisch in Text (auf Englisch) und Bild dokumentiert ist, was alles ausgebessert, was neu gemacht werden musste. Gelegentlich ist das Haus auch für die Öffentlichkeit geöffnet.

Thomas Rabe saniert van de Veldes letztes eigenes Wohnhaus

Dank eines glücklichen Zufalls spazierte er wieder einmal durch das Viertel, als in der Albertlaan 1 ein „Zu verkaufen“-Schild am Haus hing. Erstanden haben er und seine Frau Birgit es, weil dieses Haus „ein Stück Heimat“ darstellt und an die gemeinsame Zeit in Brüssel und Tervuren erinnert (das Paar hat dort geheiratet). Und auch, weil sie„die einfache Eleganz“ der Moderne und des Bauhaus schätzen, die sich in La Nouvelle Maison baulich manifestiere.

Thomas Rabe lässt als Chef eines großen Verlages die Weltöffentlichkeit schönerweise an seinem Projekt teilhaben – mit dem sorgfältig gestalteten Bildband „Henry van de Veldes La Nouvelle Maison – The Restoration“, erschienen im Prestel Verlag. Im Buch ist zu erfahren, wie und warum der belgische Gestalter das Haus in Tervuren samt großem Garten und Gemüseanbau, damals ländlich, heute an der östlichen Stadtgrenze von Brüssel gelegen, für sich, seine Frau und die fünf Kinder entworfen hat. Pläne, Skizzen, Bilder, ein Prachtbuch.

Es ist das vierte eigene Haus gewesen, auch die älteren existieren noch. „Haus Hohe Pappeln“ etwa in Weimar, erhalten ist dort auch das von van de Velde gestaltete Nietzsche-Archiv. Weimars letztem Großherzog Wilhelm Ernst (1876–1923) erteilte van der Velde in der thüringischen Stadt im Jahr 1909 die Leitung einer neu gegründeten Kunstgewerbeschule, die der auch gleich selbst entwarf – eine Art Vorläufer des Bauhauses. Der Großherzog gab ihm zugleich die Aufgabe, das Kunsthandwerk in der Region zu stärken.

Rückkehr des Gestalters nach Belgien

Als während des Ersten Weltkriegs Ausländer Anfeindungen ausgesetzt sind, kehrt die Familie in die Heimat zurück (und wurde dort wegen ihrer Zeit in Deutschland angegriffen). Der Bauherr finanziert die Baukosten mit dem Verkauf eines Drittels seiner Kunstsammlung und errichtet „La Maison Nouvelle“, die Familie lebt dort bis 1947. Die letzten Lebensjahre verbringt van de Velde, inzwischen Witwer, in der Schweiz, 1957 stirbt er im Alter von 94 Jahren.

Als Thomas Rabe das Haus kauft, sind die Fensterrahmen morsch, die Holzdielen löchrig – bis nicht mehr existent. 2016 beauftragt er den Architekten Guido Stegen mit der Restaurierung von Haus und Garten, selbstredend in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt. Minutiös werden Farben und Materialien recherchiert, Grundrisse und Pläne studiert und Fotos vom Haus, wie es 1929 im Stil des Neuen Bauens erbaut worden war.

Alte Fotografien vom Gebäude in Tervuren halfen bei der Restaurierung. Foto: Dépôt de la Bibliothèque Royale aux AML, Bruxelles (Belgique) / VG Bild-Kunst, Bonn 2025 / Prestel Verlag

Auch im Jahr 2026 mutet das Schwarz-Weiß-Bild vom rückwärtig fotografierten Flachdachgebäude mit seinen runden Ecken, sanften Wölbungen, den leichten Dachüberständen aus Beton, der horizontal verlegten Ziegelfassade avantgardistisch an. Zudem leicht geheimnisvoll mit seinem „sphinxhaften“ Eingang: kein herrschaftliches Portal, sondern wie in eine Höhle hinein bewegt sich der Besuch. Im Inneren: Lichte und Weite, sorgfältig komponierte Farben, harmonisch aufeinander abgestimmte Materialien.

Avantgardistischer Ziegelbau

Das Gemälde von van de Veldes Ehefrau Maria hängt gerade so wie 1929 auch jetzt wieder am Ende der Raumfolge. Das Original befindet sich im königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen KMSKA – der neue Eigentümer durfte ein 3-D-Faksimile herstellen lassen.

Keine protzigen Repräsentationsgebäude sind da für die Nachwelt gerettet worden, sondern baukulturelle Juwele, die von einem guten und freien Leben erzählen. Vom Mut und finanziellen Aufwand der Bauherrenpaare Kielstein und Rabe profitieren heute alle, die sich Gedanken darüber machen, wie vier Wände das Leben von Menschen beeinflussen.

Ihre Beispiele zeigen, wenn Menschen früh mit guter Gestaltung in Kontakt kommen, prägt das fürs Leben. Glücklich, wer es sich leisten kann, solche menschenfreundlichen Bauten am Leben zu erhalten.

Weitere Fotos von den beiden Häusern in der Bildergalerie.

Info

Buch zum Haus in Tervuren
Guido Stegen, Thomas Föhl: Henry van de Velde’s La Nouvelle Maison. The Restoration: History and Rebirth of a Milestone of Modern Architecture. 144 Seiten, 320 Farbabbildungen. Prestel Verlag, 58 Euro

Ausstellung zu Henry van de Velde
Aktuell findet in Gera im Haus Schulenburg in der Straße des Friedens 120 eine Ausstellung statt, Infos zu Öffnungszeiten und Führungen auf der Homepage: https://haus-schulenburg-gera.de

Weimar
Die Villa Silberblick in der Humboldtstraße 36 in Weimar, das Henry van de Velde in ein Gesamtkunstwerk für den Philosophen Friedrich Nietzsche umgestaltet, wird derzeit saniert. 2025 wurde Nietzsches Nachlass wurde zum UNESCO-“Memory of the World“ ernannt. Auch das
Haus „Hohe Pappeln“ in Weimar, Henry van de Veldes 1907/1908 erstes selbst entworfenes Wohnhaus für die eigene Familie wird derzeit saniert.

Hagen
Henry van de Velde hat 1906 eine Villa für die Hagener Sammler und Mäzene Karl Ernst und Gertrud Osthaus als Jugendstil-Gestamtkunstwerk geplant. Die denkmalgeschützte Villa Hohenhof, Stirnband 10 in Hagen, ist samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr geöffnet.