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Brüssel – Es kommt selten vor, dass am Ende eines EU-Gipfels praktisch alle Teilnehmer stocksauer sind. Aber diesen Donnerstag hatte es Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (62) geschafft: Trotz intensiver Überredungsversuche der anderen EU-Chefs stimmte er gegen weitere Ukraine-Finanzhilfen und Sanktionen gegen Russland – und sorgte damit für einen Eklat!

EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola (47)
Foto: Niels Starnick/BILD
Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) warf Orbán einen „Akt grober Illoyalität“ vor, Ratspräsident António Costa (64), ein sonst überaus besonnener Portugiese, sprach von „Erpressung“. Denn: Orbán hatte dem 90-Milliarden-Kredit für Kiew noch im Dezember zugestimmt.
Metsola: Europa ist aus jeder Krise „gestärkt hervorgegangen“
EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola (47) ist trotz des Eklats überzeugt, dass die EU auch aus dieser Krise einen Ausweg findet. Europa sei aus jeder Krise „gestärkt hervorgegangen“, sagt sie zu BILD. „Ich habe keinen Zweifel, dass es dieses Mal auch so sein wird.“ Die Malteserin spricht von neuem Selbstbewusstsein, das Europa zeigen müsse. Davon, dass sie persönlich stets Optimistin sei.
Die Unterstützung der Ukraine ist für sie gelebte europäische Solidarität und Selbstschutz zugleich. Sie sagt: „Für uns ist die Unterstützung der Ukraine kein Altruismus, sondern knallharte Sicherheitspolitik.“
Das Thema geht ihr nah. Weil sie es war, die das von Orbán blockierte Gesetz unterzeichnet hat. Und: weil die Bedrohung Russland bis in ihre eigene Familie reicht: Sie ist mit einem Finnen verheiratet, mit dem sie vier Söhne hat. Einer leistet gerade seinen Wehrdienst in dem Land mit der 1300 Kilometer langen Grenze zu Russland.
Metsola: „Müssen versuchen, die proeuropäischen Kräfte zusammenzubringen“
Der zweite EU-Krach der Woche betrifft Metsolas „politische Familie“, die Europäische Volkspartei (EVP), die konservative Fraktion im EU-Parlament unter Manfred Weber (53, CSU). Die hat sich, nachdem Verhandlungen mit Sozialdemokraten über eine Verschärfung der Asylgesetze scheiterten, mit Rechtsaußen-Parteien wie der AfD abgestimmt.
Kanzler Merz pochte prompt auf das Einhalten der „Brandmauer“ zu den Rechtsaußen. EVP-Chef Weber müsse die Sache rasch klären.
EU-Parlamentspräsidentin Metsola weicht auf die BILD-Frage nach ihren persönlichen roten Linien – nach rechts wie nach links – aus: Sie sei die Präsidentin von allen 720 Abgeordneten, unabhängig von der Partei (denen sie, wenn der Flurfunk stimmt, allen persönliche Geburtstagskarten schreibt). Dennoch hadert sie mit der Lage, sagt: „Wir müssen versuchen, die proeuropäischen Kräfte zusammenzubringen, die wirklich die richtigen Lösungen für die Menschen anbieten wollen.“ Ihr Eingeständnis: „Das haben wir die letzten Jahre nicht getan.“
Selbstkritik ist etwas, das in Brüssel noch seltener zu finden ist als in Berlin. Roberta Metsola, der Ambitionen auf noch höhere EU-Ämter nachgesagt werden, hebt sich damit schon länger von anderen EU-Spitzenvertretern ab.
Schon 2024, bei einem EVP-Kongress voller Sonntagsreden, warnte sie vor einem Übermaß an EU-Bürokratie und Regelwut: „Wir haben die Bürger nicht mehr auf unserer Seite“, warnte sie. Heute sagt sie im BILD-Interview: „Die Menschen erwarten von uns, dass wir ihr Leben einfacher machen. Sie wollen keinen bürokratischen Albtraum aus Brüssel, sie wollen Lösungen für ihre alltäglichen Probleme.“ Dem müssten die gewählten Politiker nachkommen.
Als die Abgeordneten im Oktober 2025 das Gegenteil taten und das Bürokratie-Monster „Lieferkettengesetz“ in einer ersten Abstimmung retteten, richtete sich Merz’ Zorn auf den Beschluss („inakzeptabel“, „fatale Fehlentscheidung“). Metsola schoss scharf zurück, forderte den Respekt vor demokratischen Entscheidungen ein.
Im Grunde aber verstehen sich der deutsche Kanzler und die Malteserin gut, wie sich diese Woche bei Metsolas Kurzbesuch im Kanzleramt zeigte. Die Juristin lobt Merz. Es sei „ein Vorteil, dass er Zeit außerhalb der Politik verbracht hat.“
Eine Gemeinsamkeit der beiden: die Verbundenheit mit den USA. Metsola wird an diesem Punkt des BILD-Gesprächs nachdenklich: „Wenn wir uns die Welt insgesamt anschauen, hat Europa nicht viele Freunde. Es gibt nicht viele Demokratien, die sich gegen die Autokraten zusammentun können.“
Sie glaube nicht, dass wegen Präsident Donald Trump (79) die Beziehung zu den USA kaputt sei: „Ich möchte, dass wir an einem Tisch sitzen und diskutieren, wie wir vorangehen können. Aber niemals mit dem Gedanken, die Tür zu schließen.“