Bei seinen letzten Saisonrennen hat Vincent Kriechmayr der Skiwelt noch einmal seine Vorzüge präsentiert, am Ende standen beim Weltcupfinale im norwegischen Kvitfjell die Ränge drei (Abfahrt) und zwei (Super-G). Wieder einmal wurde klar: Das österreichische Abschneiden in den Speedbewerben steht und fällt mit Kriechmayrs Leistungen. Doch ob das so bleibt, ob sich hinter Kriechmayr eine neue Generation an Abfahrtsstars entwickeln kann oder ob der 34-Jährige doch nach diesem Winter das Handtuch wirft, all das hängt gerade an einem seiden Faden.
An guten Tagen weiß Kriechmayr diese Last der Skination noch immer zu schultern. Abfahrtssilber bei der WM 2025 zeugt davon, ebenso die Siege in diesem Winter in Beaver Creek und Courchevel, die zweiten Plätze in Copper Mountain und Wengen, nun das erfolgreiche Weltcupfinale. Sogar eine Olympiamedaille gelang heuer, wenn auch „nur“ in der Teamkombination.
KVITFJELL,NORWAY,21.MAR.26 – ALPINE SKIING – FIS World Cup Final, downhill, men. Image shows Vincent Kriechmayr (AUT) and Dominik Paris (ITA). Photo: GEPA pictures/ Matic Klansek GEPA pictures / Matic Klansek
Zu Beginn der Saison war es relativ klar gewesen, dass Kriechmayr seine Abschiedstournee geben wird. Doch dann carvte der Oberösterreicher wieder bester Laune durch den Weltcup, selbst bei den vielen Terminen abseits der Pisten, auch bei sportlichen Niederlagen war das zu spüren. Er relativierte also den Rücktritt und heizte so auch die Spekulationen an. Nun ist es Gewissheit: Kriechmayr will weitermachen – unter einer Bedingung: Der ÖSV muss seinen langjährigen Konditionstrainer Peter Meliessnig zurückholen.
»Ich möchte mit den Besten trainieren. Ich habe gemerkt, was es ausmacht, wenn du solche Leute hast, die sehr viel im Blick haben. «
Vincent Kriechmayr
Der Hintergrund: Um wie dieser Tage auch noch beim Weltcupfinale vorn mitzufahren, braucht es vollen Einsatz im Sommertraining, und dafür braucht Kriechmayr, so meint er, die Impulse seines Vertrauenstrainers. Auch Anna Veith und Michael Walchhofer setzten schon auf Meliessnig, dann heuerte dieser im Red-Bull-Team von Lindsey Vonn an. Auch weil er sich im ÖSV nicht gänzlich wertgeschätzt fühlte.
Doch es gibt mit Christian Mitter einen neuen Alpinchef, der bereits Kontakt aufgenommen hat und möglichen Befindlichkeiten von früher eine Absage erteilte, indem er erklärte: Nur zu gern hätte er Kriechmayrs Wunschtrainer im Team.
Denn sollte der Abfahrtsstar aufhören, wäre das für den Skiverband fatal. Dann hätte man ein Speedteam ohne einen einzigen Weltcupsieger in der Königsdisziplin. Der bisher letzte Abfahrtspodestplatz eines aktiven österreichischen Rennfahrers wäre jener von Daniel Hemetsberger 2022 in Lake Louise, in einem Rennen also, das es gar nicht mehr gibt. Kein ÖSV-Läufer würde mehr in der Topgruppe einer Abfahrt starten.
»Ich weiß zu schätzen, dass ich das machen darf, was ich mein Leben lang wollte. «
Vincent Kriechmayr
Aber es sind freilich nicht nur die Ergebnisse: Für potenzielle Abfahrtspodestfahrer wie Raphael Haaser oder Marco Schwarz, vor allem aber für Zukunftshoffnungen wie Stefan Eichberger und Felix Hacker, die nächsten Winter von ihren Verletzungen zurückkehren sollten, braucht es einen Teamleader. Jemanden, der weiß, wie die Siegerlinien zu bewältigen sind – in Kitzbühel, in Bormio, in Wengen. Und jemanden, der Aufmerksamkeit auf sich zieht, vor unangenehmen Nachfragen abschirmt und so das Team hinter sich in Ruhe arbeiten lässt. Es ist eine Rolle, die Kriechmayr in seiner Bescheidenheit gern herunterspielt, die er aber allein schon durch seine Präsenz ausfüllt.
Wie man das Zugpferd, den letzten Erben von Klammer, Eberharter und Maier zum Weitermachen bringen kann, weiß man jetzt. Der ÖSV ist also gefordert.