Der Aufstieg des chinesischen Biotech-Sektors äußert sich auf ungewöhnliche Art. Die Preise für Laboraffen, die für präklinische Studien über die Verträglichkeit von Medikamenten eingesetzt werden, sind drastisch gestiegen. Ein Tier kostet rund 140.000 Yuan (mehr als 17.000 Euro). Das ist eine Verdoppelung in fünf Jahren und mehr als das Durchschnittsjahreseinkommen eines Chinesen. Die teuren Laboraffen sind aber nur einer von vielen Indikatoren dafür, dass China bei der Forschung, Entwicklung und Produktion von Medikamenten unverzichtbar geworden ist.

Seit Mitte der 2000er-Jahre pumpt Peking beträchtliche Ressourcen in Forschungskapazitäten für Biotechnologie. Sie gilt als eine der „neuen Produktivkräfte“, jener technologischen Innovationen, die Xi Jinping als zentral für künftiges Wachstum und Unabhängigkeit vom Ausland erachtet. „China spielt im globalen Biotech-Ökosystem mittlerweile eine so große Rolle, dass es ausländisches Kapital anzieht“, sagt Alexander Brown vom Berliner Merics-Institut.

2021 überholte China die EU bei ­Patentanmeldungen. Die USA führen weiter mit großem Abstand. Im selben Jahr schlossen chinesische Firmen acht Prozent der weltweiten Lizenzverträge im Biotech-Bereich. Nun ist es ein Drittel. Allein an der Anzahl der Lizenzverträge bei innovativen Krebstherapien, bei Zell- und Gentherapie, seien Chinas Fortschritte sichtbar, so Brown.

Gerade in der biopharmazeutischen Industrie, die bei Weitem das größte Segment innerhalb des chinesischen Biotech-Sektors bildet, ist chinesisches Know-how gefragt. Lizenzverträge erteilen Unternehmen die Rechte, pharmazeutische Produkte oder Technologien anderer Firmen zu entwickeln, herzustellen oder zu vermarkten. Jüngstes Beispiel ist der Deal zwischen Astra­Zeneca und der chinesischen Pharmagruppe CSPC: Der britische Konzern zahlte den Chinesen 18,5 Mrd. US-Dollar für dessen Abnehmpillen.

In 30 Jahren kletterte China die Lieferkette stetig nach oben: Beheimatete es früher Hersteller, die Generika erzeugten, und stellte später pharmazeutische Wirkstoffe her, entwickelte es sich zuletzt zum Innovationsstandort. Diese Evolution will die KP-Führung ausnutzen: Inmitten geopolitischer Spannungen und Autarkiestreben fokussiert Peking auf die Kontrolle der gesamten Lieferkette – von Forschung und Entwicklung bis zum Endprodukt, sagt Brown. Dazu will es Maschinen und Ausrüstung selbst produzieren können.

»China spielt im globalen Biotech-Ökosystem mittlerweile eine so große Rolle, dass es ausländisches Kapital anzieht.«

Alexander Brown

Merics-Institut Berlin

Der Experte führt Chinas Biotech-Fortschritt auf Investitionen der KP-Führung in Forschung und Entwicklung – in öffentliche Laboratorien und Universitäten sowie in die Ausbildung von Talenten – zurück. Hinzu kommen Kooperationen mit dem Ausland, günstige rechtliche Rahmenbedingungen und die wachsende Rolle bei der Durchführung klinischer Studien, sagt Brown.

»Die Aggressivität und Umfänglichkeit, mit denen China in den internationalen Markt drängt, ist signifikant.«

Marc Philipp

Kearney

„Die Aggressivität und die Umfänglichkeit, mit denen China in den internationalen Markt drängt, ist signifikant“, sagt Marc Philipp, Leiter des Bereichs Pharma und Healthcare beim Unternehmensberater Kearney. Ein Beispiel: „Chinesische Firmen scannen in einer extremen Detailtiefe Venturecapital-Investitionen in Nordamerika.“ So wollen sie verstehen, welche Biotech-Firmen wie viel Startkapital für welche Technologie erhalten. Später versuchen sie, diese Innovationen zu replizieren und zu lizensieren.

»Europa kann Chinas Wettbewerbsvorteile nicht replizieren.«

Marc Philipp

Leiter des Bereichs Pharma und Healthcare beim Unternehmensberater Kearney

China habe aufgrund der Skaleneffekte einen großen Wettbewerbsvorteil, sagt Philipp: Es verfüge über eine deutlich größere Patientenpopulation. Patienten können einfacher und schneller rekrutiert und günstiger in klinische Forschung einbezogen werden. Zudem seien KI-Lösungen für die Medikamentenentwicklung in China preiswerter. Auch Forschungspersonal kostet weniger. „Europa kann diese Wettbewerbsvorteile nicht replizieren.“

Die europäische Pharmabranche droht den Anschluss zu verlieren. Dabei zieht China nicht nur an Europa vorbei, sondern macht auch den USA in gewissen Bereichen Konkurrenz. In China wurden 2024 7100 klinische Studien durchgeführt, mehr als in den USA. Auf China fällt ein Drittel der klinischen Studien für neue Medikamente weltweit, so der Verband der forschenden Pharmaunternehmen in Amerika (Phrma).

Die EU aber verliert Marktanteil: Die Fragmentierung des Binnenmarkts und das komplexe Regelwerk machen die Union als Standort für die Arzneimittelentwicklung, von der Forschung bis zum fertigen Medikament, weniger attraktiv. In der EU dauert die Genehmigung multinationaler Studien mit 113 Tagen fast doppelt so lang wie im globalen Durchschnitt, zeigen Daten der EU-Kommission. Phase-1-Studien, also erste Untersuchungen einer neuen Substanz, sind in China um 50 Prozent schneller und um 40 Prozent günstiger als in den USA, so Phrma.

Europa punkte noch mit klinischer Exzellenz, sagt Philipp. In der Grundlagenforschung, im tiefen Verständnis der sogenannten Disease Biology, sei Europa führend. Doch auch hier schwinde der Wettbewerbsvorteil zusehends: Über das Nachverfolgen von Patentanmeldungen und Investitionen sind Innovationen heute transparent nachzuvollziehen und damit leichter zu kopieren. Eine Chance für die europäische Pharmaindustrie sieht Philipp in komplexen Forschungsverfahren und Produkten. Etwa in der Gen- oder Zelltherapie oder wenn Firmen in der Lage sind, Diagnostik und Therapie zu verbinden.

Europas Firmen und Forscher profitieren von der Kooperation mit China, sagt Brown: Die schnellere Entwicklung neuer, günstiger Medikamente sei positiv für Patienten. Gleichzeitig birgt Chinas Aufstieg zur Biotech-Macht Risiken für Europa. Zusätzlich zu Lieferkettenabhängigkeiten drohe eine Abwanderung von Kapital, so Brown. Schon jetzt herrscht ein chronischer Mangel an Venturecapital. Im vergangenen Jahrzehnt lukrierten US-Start-ups Spätphasenfinanzierung über 219 Mrd. Euro, Jungunternehmen in der EU 25 Mrd., berichtet die EU-Kommission. Europäische Biotech-Firmen gehen lieber außerhalb der EU an die Börse.

Wenn europäische Konzerne für die Entwicklung von Medikamenten in chinesische Firmen investieren oder aus Kostengründen Forschungs- und Entwicklungszentren in China aufbauen, bleiben weniger Investitionen für europäische Start-ups und Kleinunternehmen. „Das führt zu einem Teufelskreis, durch den Europas Innovationsfähigkeit langsam ausgehöhlt wird“, so Brown. EU-Gesetzgeber müssten nachdenken, wie Firmen von Chinas Fortschritten und Kostenvorteilen profitieren können. „Es wäre nicht angemessen, Unternehmen an einer Auslagerung der Forschungs- und Entwicklungsprozesse zu hindern. Aber wir dürfen das nicht komplett zulassen.“

Wer in China mitspielen will, braucht Geld und Gewicht. Österreichische Biotech- und Biopharma-Firmen sind dort kaum aktiv. Denn es gibt zu wenige mittlere und größere Unternehmen, die über ausreichend Finanzmittel verfügen, um den chinesischen Markt erschließen zu können. „Aufgrund der hohen Kosten und Eintrittsbarrieren ist der Markteintritt für derartige Unternehmen aus Österreich besonders schwierig“, schreibt Christian Fuchssteiner, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Shanghai, in einer Stellungnahme. „Für die erforderlichen klinischen Tests und Validierungen muss man mit mehreren Millionen Euro rechnen, was sich für österreichische KMU oder Start-ups kaum rechnet.“

Die EU hat aber auch einen großen Vorteil: ihren Markt. Dieser fehlt Chinas Pharmakonzernen im Inland. Da staatliche Versicherungen fortschrittliche Medikamente nicht decken und sich viele Chinesen teure Therapien nicht leisten können oder wollen, können chinesische Firmen Innovationen nur bedingt im eigenen Land absetzen. Die Unternehmen sind oft abhängig von Verträgen mit dem Ausland. Diese ermöglichen ihnen die Finanzierung für die volle Entwicklung von Medikamenten und den Zugang zu ausländischen Vertriebsnetzen und Märkten.

Eli Lilly mit Sitz in den USA ist der nach Börsenwert größte Pharmakonzern der Welt.

Eli Lilly mit Sitz in den USA ist der nach Börsenwert größte Pharmakonzern der Welt.  Reuters / Sriparna Roy

Die USA sind mit mehr als 40 Prozent Anteil mit Abstand der wichtigste Markt weltweit, dahinter folgt die EU. Die Regierung unter Donald Trump will den US-Markt mit neuen Gesetzen noch attraktiver machen. Das könnte dazu führen, dass Innovationen verstärkt in den USA herausgebracht werden, in Europa erst verzögert oder gar nicht mehr, warnt Philipp – mit Folgen für Patienten. Die EU könnte diese Situation auch vor dem Hintergrund der US-Handelsbarrieren ausnutzen, sagt der Branchenexperte. Für Chinesen sei es aufgrund des komplexen Regelwerks schwierig, Biotech-Innovationen in der EU zu verkaufen. „Durch Kooperation mit chinesischen Unternehmen besteht die Chance, sicherzustellen, dass der Return on Investment eher in Europa als in den USA stattfindet“, sagt Marc.

Die EU-Kommission identifiziert die Biotech-Branche in einem Gesetzesentwurf als wichtigen Wachstumsmotor. Der Sektor wachse zwei Mal so schnell wie die Gesamtwirtschaft und zähle zu den produktivsten Industrien. Gleichzeitig spricht sie die Mängel an: „Die EU hinkt anderen Weltregionen hinterher, wenn es darum geht, Weltklasse-Forschung und -Innovation in wirtschaftlich rentable Produkte zu übersetzen und sie in großem Umfang zu produzieren“, heißt es im Entwurf zum Biotech-Act.

»Biotechnologie ist eine der letzten großen Chancen Europas, mithalten zu können.«

Thomas Streimelweger

Investor und Unternehmer

Auch Thomas Streimelweger, Gründer der Hightech-Investmentfirma red-stars, hebt die Bedeutung der Biotechnologie für Europa hervor. „Wir haben weltweite Pharmakonzerne. Hier besteht das Ungleichgewicht zu den USA und demnächst China noch nicht so wie in den Bereichen IT, Software und Hardware“, sagt Streimelweger. Er ist Mehrheitseigentümer der Firma a:head bio, die aus Stammzellen Gehirn-Organoide züchtet, mit denen Neuroforschung ohne Tierversuche möglich wird. „Die Biotechnologie ist eine der letzten großen Chancen Europas, mithalten zu können.“

Fakten

Konzerne. Firmen wie BGI (Genomforschung), BeOne Medicines (Krebsforschung) oder WuXi Apptec (Dienstleister für Produktion von Medikamenten) sind zu globalen Größen aufgestiegen.

Kosten. China sticht Konkurrenz durch Skaleneffekte aus. Gemäß McKinsey können Patienten doppelt so schnell und um die Hälfte günstiger als in den USA und Europa in Studien eingeschlossen werden.