Wenn es um die Bedrohung durch den Iran geht, nutzt Benjamin Netanjahu gerne drastische Worte. „Welchen weiteren Beweis brauchen Sie noch, dass dieses Regime, das die ganze Welt bedroht, gestoppt werden muss?“, fragte Israels Premier am Sonntag.

Und gab die Antwort gleich selbst: Die Staats- und Regierungschefs müssten sich endlich dem Kampf Israels und der USA anschließen.

Als Netanjahu diesen Appell losschickte, stand er in schwarzer Jacke und umgeben von seinen Personenschützern in der Wüstenstadt Arad. Dort war kurz zuvor eine iranische Rakete eingeschlagen und hatte schweren Schaden angerichtet.

Raketen-Reichweiten Iran

© Quelle: dpa | Grafik: Tsp/Infografik

Doch sein Aufruf war eine Reaktion auf einen anderen Angriff: Teheran hatte am Samstag zwei ballistische Raketen auf einen von Großbritannien und den USA gemeinsam genutzten Armeestützpunkt auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean abgefeuert.

Die eine konnte abgefangen werden, die andere stürzte ab. Dennoch warnte Israels Armeechef Eyal Zamir: „Berlin, Paris und Rom sind alle im direkten Bedrohungsradius.“

Ausweitung der Kampfzone

Tatsächlich hat die Islamische Republik mit dieser Attacke gezeigt, dass sie trotz andauernder Bombardements durch die israelische und amerikanische Luftwaffe immer noch für eine militärische Überraschung gut ist. Denn der Stützpunkt liegt fast 4000 Kilometer südöstlich der iranischen Küste.

Es zeigt: Fabian R. Hoffmann, Senior Research Fellow an der norwegischen Militärakademie. Quelle: katsis – aesthesia photography

Fabian R. Hoffmann ist Senior Research Fellow an der norwegischen Militärakademie. Er ist Experte für Raketentechnologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört auch die europäische und transatlantische Verteidigungspolitik.

Das scheint die Erfolgsmeldungen von US-Präsident Donald Trump zu widerlegen. Der brüstete sich in den vergangenen Tagen mehrfach damit, dass es eigentlich nichts mehr zu bombardieren gebe. Alle relevanten Ziele seien getroffen worden. Doch geschlagen ist das Regime offenkundig bisher nicht. Vielmehr weiten die Mullahs die Kampfzone aus.

Fabian R. Hoffmann erstaunt es nicht, dass dabei auf Langstreckenwaffen gesetzt wird. „Wir wissen, dass der Iran ballistische Raketen mit Reichweiten von bis zu 2000 Kilometern entwickeln und stationieren kann, die seit 2024 auch umfassend operativ eingesetzt werden“, sagt der Experte von der norwegischen Militärakademie in Oslo.

Der Schritt von 2000 auf 3000 oder sogar 4000 Kilometer sei technologisch keine besonders große Herausforderung. „Zudem arbeitet das Land seit Jahren an einem zivilen Raketenprogramm, das als Deckmantel für die Entwicklung weiter reichender ballistischer Raketen dient.“

Europäische Staaten haben sich seit Jahren gemeinsam mit den USA auf eine potenzielle ballistische Bedrohung aus dem Iran vorbereitet.

Fabian R. Hoffmann, norwegische Militärakademie

Bedeutet das für Europa eine unmittelbare militärische Gefahr, wie es Netanjahu darstellt? Analyst Hoffmann hält das für wenig wahrscheinlich. „Europäische Staaten haben sich seit vielen Jahren gemeinsam mit den USA auf eine potenzielle ballistische Bedrohung aus dem Iran vorbereitet.“

Die Golfstaaten fürchten den Iran „Es wird nach dem Krieg ein enormes Aufrüsten in der Region geben“

Dafür gebe es etwa Abwehrsysteme in Polen und Rumänien und solche, die auf Schiffen installiert seien. „Zudem muss betont werden, dass die Genauigkeit iranischer ballistischer Raketen nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre als begrenzt gilt.“ Bei steigender Distanz dürfte diese abnehmen.

Prof. Dr. Klemens H. Fischer

Klemens H. Fischer ist Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Universität zu Köln.

Nach Einschätzung von Klemens H. Fischer spricht noch etwas anderes gegen direkte Angriffe auf Europa. Und das hänge mit Teherans Kriegsführung zusammen.

„Der Iran hat es bislang verstanden, den Kampf als regionale Auseinandersetzung zu führen“, sagt der Professor für Internationale Beziehungen an der Universität zu Köln. Die Vergeltungsschläge würden sich bisher in erster Linie gegen Israel oder US-amerikanische Stützpunkte in der Golfregion richten.

Wenn die Islamische Republik an dieser Vorgehensweise festhalte, habe Deutschland wohl vorerst nichts zu befürchten.

Ein iranischer Angriff auf ein Nato-Mitglied würde nahezu zwangsweise den Bündnisfall provozieren.

Klemens H. Fischer, Professor für Internationale Beziehungen

„Die Führung in Teheran hat sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass die europäischen Nato-Staaten nicht an der Seite der USA in den Krieg eingetreten und penibel darauf bedacht sind, sich möglichst nicht einzumischen.“ Solange es dabei bleibe, gebe es keinen Grund für Panik, betont Fischer.

Dafür spricht nach Einschätzung des Fachmanns für Geopolitik auch die Rationalität des iranischen Regimes. „Ein Angriff auf ein Nato-Mitglied würde nahezu zwangsweise den Bündnisfall provozieren. Jeder Entscheidungsträger in Teheran weiß, dass dies das Ende bedeuten würde.“

Insofern entbehre Israels Botschaft „Heute Diego Garcia, morgen Berlin, Rom oder Paris“ nach derzeitigen Erkenntnissen jeder Grundlage.

Netanyahu inspects missile strike site in Arad ARAD, ISRAEL - MARCH 22: ----EDITORIAL USE ONLY  MANDATORY CREDIT - AVI OHAYON / GPO / HANDOUT - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS---- Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu inspects damage at a site hit by a missile during an Iranian retaliatory attack in Arad, Israel, on March 22, 2026. Avi Ohayon / GPO / Handout / Anadolu Arad Israel. Editorial use only. Please get in touch for any other usage. PUBLICATIONxNOTxINxTURxUSAxCANxUKxJPNxITAxFRAxAUSxESPxBELxKORxRSAxHKGxNZL Copyright: x2026xAnadoluxAvixOhayonx/xGPOx/xHandoutx Israels Premier Netanjahu (M.) warnt Westeuropa vor iranischen Raketenangriffen.

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Beobachter stellen allerdings nicht infrage, dass es dem Iran gelungen ist, den Krieg in die Länge zu ziehen und militärisch gegenzuhalten.

Vor allem die Attacken auf Energieanlagen in der Golfregion und die Blockade der Meerenge von Hormus haben dem Westen seine Verwundbarkeit vor Augen geführt: Die Abhängigkeit der globalen Wirtschaft sowohl von Öl und Gas als auch von offenen Handelswegen ist enorm.

Wird der Krieg politisch entschieden?

„Alleine der Umstand, dass der Iran auch mehr als drei Wochen nach dem Beginn der Kampfhandlungen noch in der Lage ist, sich zu verteidigen, zeigt, dass seine politische und militärische Schlagkraft nach wie vor notorisch unterschätzt wird“, schlussfolgert Klemens H. Fischer.

Auch der Angriff auf den Stützpunkt Diego Garcia zeige, dass die USA in diesen Krieg gegangen seien, ohne eine umfassende politische und militärische Beurteilung der Lage durchgeführt zu haben.

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Langfristig dürfte der Iran den vereinten Streitkräften der USA und Israels materiell unterlegen sein. Ob diese Unterlegenheit zum Tragen kommen wird, sei allerdings dahingestellt, sagt der frühere Diplomat Fischer.

Denn der politische Preis, den Washington und Jerusalem zahlen müssen, steige täglich. „Am Ende wird dieser Krieg vielleicht politisch entschieden und nicht auf dem Schlachtfeld. Und das Mullah-Regime überlebt.“