Kurz bevor am Montag US-Präsident Donald Trump mit seiner Aussage, alle Angriffe auf die iranische Energieinfrastruktur für einen Zeitraum von fünf Tagen auszusetzen, für Entspannung am Ölmarkt sorgte, wurde die Welt daran erinnert, dass der Markt auch von einer anderen Seite bedroht ist. Und zwar vom möglichen Ausbleiben des Ölexports aus Russland. Dieser ist nämlich an einer seiner wichtigsten Stellen zum Erliegen gekommen – konkret über die Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mit der Situation vertraute Branchenquellen berichtete, habe ein ukrainischer Großangriff mit Drohnen diese beiden Häfen lahmgelegt. Was heißt das für den Ölpreis?

Das wahre Ausmaß der Schäden war am Montagmittag noch nicht klar. Am Sonntagabend hatte der Gouverneur der Region Leningrad, Alexander Drozdow, mitgeteilt, dass im Hafen von Primorsk mehrere Treibstofftanks in Brand geraten seien. Reuters zufolge wurden auch in Ust-Luga die Verladungen eingestellt, obwohl über mögliche Schäden Unklarheit herrschte.

Primorsk und Ust-Luga sind keine Nebenschauplätze im russischen Ölexport, sondern zwei der zentralsten Stellen. So werden über Primorsk nahe der Grenze zu Finnland täglich etwa eine Million Barrel, sprich ungefähr ein Prozent der globalen Tagesförderung, für den Export verschifft. Gemessen am russischen Gesamtexport von etwa sieben Millionen Barrel ist das ein Siebtel. Über Ust-Luga wiederum werden täglich um die 700.000 Barrel auf Tanker verladen. Insgesamt ist das mehr, als der Iran vor dem Kriegsbeginn exportiert hat. Dazu komme, dass über Primorsk auch 300.000 Barrel an hochwertigem Diesel (Euro 5) täglich ausgeführt werden, wie Michail Krutichin von der Moskauer Energieberatungsfirma Rus Energy im Gespräch mit der „Presse“ erklärt.

Im Vergleich zu den elf Millionen Barrel, die die Welt bisher täglich durch den Irankrieg und die Sperre der Straße von Hormus verliert, durch die ein Fünftel des globalen Verbrauchs fließt, nehmen sich die aktuell ausbleibenden russischen Volumina gering aus. „Da momentan alles vom Thema Hormus überlagert ist, lässt sich die Auswirkung der Exportstörung in den russischen Häfen auf den Ölpreis nicht beziffern“, sagt Johannes Benigni, Chef des internationalen Energieberatungsunternehmens JBC, auf Anfrage der „Presse“. Grundsätzlich könnten Drohnen keine so schwerwiegenden, langfristigen Schäden zufügen.

Dennoch sei die entscheidende Frage, wie lange die Reparaturen dauern und ob neue Schläge durch die Ukraine folgen würden, ergänzt Krutichin. In jedem Fall sei es sowohl für Russland als auch für den globalen Ölmarkt schlecht. Dies umso mehr, als der Export durch den bedeutendsten Schwarzmeerhafen Noworossijsk, der eine Kapazität von 700.000 bis 800.000 Barrel pro Tag hat, in letzter Zeit aufgrund von Drohnenangriffen oder Stürmen immer wieder gestört war und aktuell etwa zehn Tage hinter dem Verladungsplan zurückliegt.

Die USA haben die Ukraine auch schon vor dem Irankrieg wiederholt aufgerufen, von Angriffen auf russische Ölinfrastruktur abzusehen. Die Ukraine ihrerseits hat in den vergangenen Wochen allerdings wiederholt gewarnt, dass Russland aufgrund der nun temporären US-Sanktionslockerung gegen russisches Öl und aufgrund des zuletzt explodierten Ölpreises jetzt wieder blendend verdient und seine Kriegsmaschinerie wieder leichter finanzieren kann. Erst dieser Tage hat das KSE Institute der Kyiv School of Economics vorgerechnet, dass Russland selbst bei einem baldigen Ende der Kampfhandlungen am Golf zusätzliche Rohstoffeinnahmen von 84 Milliarden Dollar generieren würde und die Steuereinnahmen dadurch um 45 Milliarden Dollar steigen würden. Stoppen die Kämpfe erst Ende Mai, könnten die Zusatzeinnahmen das Doppelte ausmachen. Und dauert der Konflikt sechs Monate, wäre das Steuerplus 151 Mrd. Dollar hoch – womit übrigens die diesjährigen Militärausgaben von 145 Mrd. Dollar gedeckt wären.

Andere Experten kommen zu deutlich niedrigeren Summen. Mit den jetzigen Angriffen auf die Exporthäfen will die Ukraine jedenfalls die russischen Einnahmen schmälern.

Partiell gelingen kann das nur an Russlands westlichen Ölhäfen – sprich Primorsk, Ust-Luga, Noworossijsk und zahlreichen kleineren Terminals. Unter dem Strich wird über sie deutlich mehr als die Hälfte des russischen Öls verschifft – und zwar vorwiegend die Sorte Urals, die gewöhnlich deutlich billiger als die europäische Sorte Brent gehandelt wird, aber aufgrund des Irankriegs nun teilweise gleich teuer war.

Keine Handhabe hat die Ukraine gegen den russischen Ölexport über die Pipelines nach Ostasien, insbesondere nach China. Über sie fließt gut ein Drittel des russischen Exports – und zwar als Ölsorte ESPO, die deutlich teurer ist als Urals. Hier haben auch die Sanktionen nur eine beschränkte Wirkung.