Die letzten Jahrtausende davor waren für die engsten Verwandten heute lebender Menschen eine Zeit großer Umbrüche. Das zeigt eine neue Studie, die gerade in der Fachzeitschrift PNAS erschienen ist. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Cosimo Posth (Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen), an dem auch die Leipziger Archäogenetikerin Kathrin Nägele beteiligt war, zeichnet die dramatische genetische Geschichte der europäischen Neandertaler nach.

10.000 Jahre überwintern im Süden

Sie begann in der Kaltzeit vor rund 75.000 Jahren. Damals verschwanden die vorher weitverbreiteten Neandertalerpopulationen aus großen Teilen Europas. Die neue Studie zeigt, wohin sie sich bewegten. Eine kleine Gruppe überlebte die rauen Bedingungen des damaligen Eiszeitklimas im wärmeren Süden. „Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten“, so Studienautor Cosimo Posth. Dort blieben sie rund zehntausend Jahre, bevor sich ihre Nachkommen auf den Weg machten, den Kontinent zurückzuerobern. Genetische Untersuchungen belegen jetzt, dass fast alle späten Neandertaler von dieser einen Linie abstammen.

Haben wir alle Neandertalergene aus Südfrankreich?

Bedeutet das, dass auch die Neandertalergene, die wir Menschen in uns tragen, zum größten Teil von dieser Gruppe abstammen? Der Zeitpunkt stimmt. Denn genau zwischen dieser Rückeroberung Europas (vor 65.000 Jahren) und dem Aussterben vor rund 40.000 Jahren haben Mensch und Neandertaler ihre Gene miteinander vermischt. Allerdings gibt es in den Untersuchungen, die das belegen, keinen Hinweis auf den Ort. Und die Forschenden vom Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) und der US-Elite-Uni Berkeley, die diesen genetischen Zusammenhang nachgewiesen haben, vermuten das Zusammentreffen von Neandertalern und modernen Menschen eher in der Gegend des heutigen Nahen Ostens: Israel, Palästina, Jordanien, Syrien und der Iran.

Sind die Neandertaler aus Südfrankreich so weit gekommen? Bisherige archäogenetische Untersuchungen legen das nahe, da „fast alle späten Neandertaler von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus, deren Gene bisher sequenziert wurden, zur gleichen Vererbungslinie mitochondrialer DNA gehören“, so Cosimo Posth. Mitochondrien, kleine Organe in der Zelle, besitzen eigene DNA, die unabhängig von der Haupt-DNA im Zellkern vererbt wird. Sie enthält zwar nicht so viele Informationen wie die DNA im Zellkern, „aber sie bleibt in der Regel länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erklärt die Erstautorin der aktuellen Studie Charoula Fotiadou aus Posths Arbeitsgruppe.