TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Viele halten den Thymus für so entbehrlich wie den Blinddarm. Eine kleine Drüse hinter dem Brustbein, die nach der Jugend ihre Arbeit einstellt und zusammenschrumpft. Doch die Forschung zeigt: So nutzlos ist der Thymus offenbar nicht. Im Gegenteil.
Der Thymus, auch Thymusdrüse genannt, ist ein zentrales Organ unseres Immunsystems. Im Knochenmark und im Thymus reift die Abwehr heran. Hier lernen sogenannte T-Zellen, fremde Eindringlinge von körpereigenen Stoffen zu unterscheiden. Nur so kann der Körper Bakterien und Viren bekämpfen, ohne sich selbst anzugreifen. Der Thymus hilft also, ein gesundes Immunsystem aufzubauen und Autoimmunerkrankungen zu verhindern.
Mit der Geschlechtsreife schrumpft das Organ. Das Gewebe verändert sich, Milz und Lymphknoten übernehmen Aufgaben. Lange galt der Thymus deshalb bei Erwachsenen als verzichtbar. In Deutschland entfernen Ärzte den Thymus zum Beispiel, wenn Tumoren die Drüse befallen haben. Auch bei gutartigen Tumoren kann der Eingriff erfolgen, um bösartigen Veränderungen vorzubeugen. Zudem ist die operative Entfernung Teil der Behandlung der Muskelkrankheit Myasthenia gravis.
US-Studie verglich Patienten mit und ohne Thymus
In den USA ist das ähnlich, wie FITBOOK berichtet. In einer im Jahr 2023 veröffentlichten Studie wollten Forscher des Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School wissen, ob der Thymus für Erwachsene wirklich so entbehrlich ist.
Sie analysierten Daten von 1146 Patienten, bei denen die Thymusdrüse operativ entfernt worden war (Thymektomie), und von 6021 vergleichbaren Patienten ohne Entfernung der Drüse. Das Ergebnis war deutlich: Innerhalb von fünf Jahren lag die Sterblichkeit in der Thymektomie-Gruppe bei 8,1 Prozent, in der Vergleichsgruppe bei 2,8 Prozent. Auch das Risiko für Krebs war erhöht, 7,4 versus 3,7 Prozent.
Weniger Abwehrzellen ohne Thymus
In einer Untergruppe der gleichen Studie zeigte sich: Patienten ohne Thymus bildeten weniger neue, T-Lymphozyten (eine Art von T-Zellen). Gleichzeitig fanden sich mehr entzündungsfördernde Botenstoffe im Blut. Für die Forscher ein Hinweis, dass der Thymus auch im Erwachsenenalter für die Immunfunktion wichtig sein könnte. 2025 entdeckten Wissenschaftler der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Thymus-Gewebeproben von Säuglingen zudem einzigartige natürliche Killerzellen. Diese haben eine besondere Eigenschaft: Krebszellen können sie nicht bremsen. Tumore lassen sich so direkt angreifen und zerstören.
Harvard-Studie entwickelt Thymusgesundheits-Score
Ein Team unter Leitung der Harvard Medical School analysierte CT-Scans von 25.031 Erwachsenen aus einer nationalen Lungenkrebs-Screening-Studie sowie 2.581 Teilnehmern der Framingham-Herzstudie. In einer ersten Untersuchung bewerteten sie mit einem Deep-Learning-Modell Größe, Form und Zusammensetzung des Organs. Daraus entstand ein „Thymusgesundheits-Score“. Menschen mit hohem Score hatten ein um etwa 50 Prozent geringeres Risiko für vorzeitigen Tod. Ihr Risiko für einen herzbedingten Tod war um 63 Prozent reduziert, das für Lungenkrebs um 36 Prozent. Alter und andere Gesundheitsfaktoren wurden berücksichtigt.
Besseres Ansprechen auf Krebstherapie
In einer zweiten Untersuchung analysierten die Forscher Daten von mehr als 1218 Krebspatienten mit Immuntherapie. Patienten mit höherem Thymus-Score hatten ein um etwa 37 Prozent geringeres Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung und ein um 44 Prozent geringeres Sterberisiko. Hugo Aerts, korrespondierender Autor und Professor für Strahlenonkologie, sagte in einer Pressemitteilung: „Der Thymus wurde jahrzehntelang vernachlässigt und könnte ein fehlendes Puzzleteil sein, um zu erklären, warum Menschen unterschiedlich altern und warum Krebsbehandlungen bei manchen Patienten versagen.“