Das sei „ein normaler Change-Prozess“, kommentierte der noch neue Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, Jonathan Fine, vorigen Sommer im „Presse“-Gespräch die auffällige Personalfluktuation seit seinem Antritt im Jänner 2025. Wie „normal“ dieser tatsächlich ist, war gestern, Mittwoch, Thema einer Sonderkuratoriumssitzung des KHM-Verbands. Diese musste angesetzt werden, nachdem Dienstagabend etwas für die österreichische Museumsszene doch sehr Ungewöhnliches geschehen war: In der ZIB2 machte die langjährige Direktorin von Schloss Ambras, der Tiroler Außenstelle des KHM, ihr Leiden öffentlich, unterstützt von ihrem Wiener Anwalt Martin Maxl.
Sandbichler erzählte dort vom psychischen Druck, der von der Geschäftsführung des KHM auf sie ausgeübt worden sei. Sie erzählte, dass Fine sie mehrfach angeschrien, sie vor ihren Mitarbeitenden heruntergemacht habe, von systematischer Überbetonung ihrer Fehler und vom Verschweigen der Erfolge. „Toxische Führungskultur“ nannte Maxl es. Schließlich habe er bereits einen anderen Ex-Mitarbeiter des KHM im Rahmen seiner Kündigung beraten. Insgesamt „knapp 20 Mitarbeiter“ sehe er davon bisher betroffen. Die KHM-Geschäftsführung wies in einer Aussendung alle Anschuldigungen zurück und kritisierte, dass der ORF sich für ein „individuelles arbeitsrechtliches Interesse, die Beendigung von Sandbichlers Dienstverhältnis“, instrumentalisieren lasse.
Da strahlte man noch gemeinsam: Jonathan Fine (re.), daneben Veronika Sandbichler auf Schloss Ambras im Juni 2025. KHM
Was ist passiert? Sind im KHM wirklich „knapp 20 Personen“ hinausgeekelt worden? Die Zahl kann man jedenfalls schwer nachrecherchieren. Mit der neuen Homepage, die Fine mit Amtsantritt aktivieren ließ, verschwand auch die Namens-Liste, die bis dahin zumindest alle wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses genannt hatte. Auf mehrfache Nachfrage der „Presse“ seither war kein Personal-Überblick mehr zu bekommen. Man musste also mitzählen, was man von außen eben mitbekam – den Direktor der Gemäldegalerie, die Presse- und Marketing-Verantwortliche, die Sponsoring-Beauftragte, der Chef-Grafiker, zuletzt soll die Assistentin von Fine gegangen sein; der Direktor des Theatermuseums wurde (angeblich nicht freudig) in Pension geschickt.
Der Großteil dieser bekannten Personen waren dem Kern-Team von Fines Vorgängerin Sabine Haag zuzurechnen, die Fine ursprünglich als Direktor des Weltmuseums geholt hatte. Ein „normaler Changeprozess“? Zum Teil wohl, denn prinzipiell ist es kein Geheimnis, dass das KHM ein zu reformierendes, schwerfälliges Haus ist. Aber trifft es jetzt die „richtigen“? Oder nur die, die nicht in Fines Weltbild passen? Vor allem: Würde man gerade einem aus dem woken linksliberalen US-Milieu stammenden, ehemaligen Menschenrechtsanwalt nicht mehr Feingefühl zutrauen?
An die Vorsitzende dieses Kuratoriums, Ulrike Baumgartner-Gabitzer, soll Sandbichler sich laut Anwalt Maxl in der ZIB2 schon im Frühjahr um Hilfe gewandt haben, umsonst, wie er sagt. Das KHM wiederum gibt an, dass „schon vor Wochen“ das Kuratorium die (im KHM bis 2024 von der GF für die interne Revision engagiert gewesene) Beratergruppe Deloitte beauftragt habe, die Vorwürfe Sandbichlers zu überprüfen. Damals waren, so das KHM, die Gespräche zwischen Sandbichler und der KHM-Geschäftsführung über eine Trennung bereits im Laufen gewesen. Fine und Frey wollten, bestätigten sie gegenüber den Medien Mittwochabend, Schloss Ambras neu positionieren, Sandbichler wollte diesen Prozess nicht mittragen bzw. nicht so, wie sich Fine und Frey das vorstellten. Was dann passierte, kann Frey aufgrund von arbeitsrechtlichen Gründen nicht kommentieren. Im Jänner kontaktierte Sandbichler die Geschäftsführung jedenfalls wegen einer einvernehmlichen Auflösung ihres Vertrags. Die Gespräche darüber sind offensichtlich eskaliert, Anwalt Maxl brach sie im Februar ab, so Fine.
Bei der Pressekonferenz Mittwochabend bestätigte Kuratoriums-Vorsitzende Baumgartner-Gabitzer auch, dass neben der wirtschaftlichen Deloitte-Prüfung Verfassungsrichterin und Arbeitsrechtsspezialistin Sieglinde Gahleitner vom Kuratorium speziell damit beauftragt wurde, dem Vorwurf von „Mobbing und Bossing“ nachzugehen, man nehme das „sehr ernst“. Danach traten auch Fine und Frey an die Medien, Fine weist systematisches Mobbing dezidiert zurück und gab sich „erstaunt“ über die öffentlichen Vorwürfe, die man ernst nehme, sie hatten dazu auch schon Stellungnahmen dem Kuratorium vermittelt. „Es tut mir leid, dass es Frau Sandbichler so schlecht geht, das habe ich ihr gewünscht und ich hoffe, dass es ihr besser geht.“
Wem diese ganze Eskalation nutzt? Wird hier nur öffentlicher Druck in einem arbeitsrechtlichen Prozess aufgebaut, um mehr Abfindung für Sandbichler zu erhalten? Wird dadurch tatsächlich ein auch rechtlich relevantes methodisches Führungsversagen aufgedeckt? Das wird sich zeigen, wenn sich noch andere Stimmen mit relevanten Erlebnissen zu Wort melden. Wird hier schlicht die Gunst bzw. Ungunst der Stunde genutzt, mächtige Männer durch öffentliche Beschuldigungen zu denunzieren, um alte Rechnungen zu begleichen? Oder hat sich schlicht das Kuratorium zu spät um Warnungen gekümmert und intern nicht rechtzeitig reagiert? Wem das alles schadet, das zumindest ist klar: Dem Ansehen des KHM und der Kulturinstitutionen, die wieder in negativen Schlagzeilen stehen.