Dieselskandal, Absatzrückgänge, Technikprobleme: Audi hat keine leichte Zeit hinter sich. Im Interview erklärt Vertriebschef Marco Schubert, wie man wieder ganz vorne mitspielen will, warum der China-Audi ein echter Audi ist und warum man trotz Spardruck in die Formel 1 einsteigt.

Der Audi Concept C, wie er sehr ähnlich 2027 auf den Markt kommen soll Werk
Die Presse: Audi hat in den vergangenen Jahren den Premium-Wettkampf gegen BMW und Mercedes stets souverän verloren. Im vergangenen Jahr gab es erneut ein Absatz-Minus. Ihr Chef, Gernot Döllner, meinte vergangenes Jahr in Mailand in einer bemerkenswerten Rede, Audi habe seinen Weg verloren. Wie lange wird es dauern, bis Audi diesen Weg wiederfindet?
Marco Schubert: Ich glaube, wir sind grundsätzlich auf einem guten Weg, besonders bei dem, was produktseitig gerade passiert. Wir hatten eine Zeit mit wenig neuen Produktangeboten im Portfolio. Das haben wir über die letzten beiden Jahre sukzessive geändert, was uns in der Markenpositionierung hilft. In Mailand haben wir mit dem Concept C gezeigt, wohin die Reise beim Exterieur- und Interieurdesign geht. Das Serienfahrzeug wird schon 2027 in einer ganz ähnlichen Form am Markt erscheinen. Wir sind jetzt über alle Antriebsarten und Regionen hinweg gut gewappnet, um produktseitig mithalten zu können.
Wie viel Zeit geben Sie sich, bis wieder ein echter Dreikampf der Premium-Marken stattfindet?
Ich würde nicht sagen, dass heute kein Dreikampf stattfindet.
Den Audi aber in den vergangenen Jahren immer verloren hat.
Wenn wir nach China schauen, ist Audi aktuell die Nummer eins unter den drei deutschen Premium-Herstellern.
Aber mit Autos, die mit einem traditionellen Audi aus Deutschland wenig zu tun haben, weil sie in China entwickelt und gebaut werden.
Doch, das sind Audis, genauso wie im Rest der Welt. Diese Fahrzeuge werden gemeinsam mit Joint-Venture-Partnern lokal gebaut. Wenn das Volumen das Kriterium ist, sind wir dort die Nummer eins vor BMW und Mercedes. Auch in Märkten wie Österreich sind wir sehr positiv ins Jahr gestartet und haben einen sehr guten Marktanteil. Es gab Zeiten, da war Audi die Nummer eins in Europa. Momentan sind wir auf Position zwei im Kernwettbewerb und werden mit dem neuen Produktangebot sukzessive weiter aufschließen.
Es gab bei Audi in den vergangenen Jahren Probleme mit der Software und der Plattform. Wie viel Überzeugungsarbeit muss man leisten, um dem Slogan „Vorsprung durch Technik“ wieder gerecht zu werden?
Unser Marken-Claim bleibt „Vorsprung durch Technik“. Das ist eine Positionierung, die uns motiviert. Wir haben Themen, die wir bearbeiten müssen, um das nachhaltig zu besetzen. Die neue Design- und Formsprache des Concept C zeigt, wie dieser Vorsprung in Zukunft aussehen wird. Wir beschäftigen uns aktuell intensiv mit globalen Rahmenbedingungen, die wir uns in dieser Form nicht gewünscht hätten, aber wir arbeiten an Lösungen.
Werden die Audis ohne die vier Ringe, die in China entwickelt werden, jemals nach Europa kommen?
Nein. Das ist nicht angedacht. Die mit SAIC in Shanghai entwickelte Plattform ist rein für den chinesischen Markt konzipiert.
Und was passiert mit den Audis mit vier Ringen, die bisher in Europa für China gefertigt wurden? Dieser Markt bricht ja weg, auch in den USA gibt es wegen der hohen Zölle Absatzprobleme. Wo sollen diese Stückzahlen hin?
Produkte wie den Audi Q7 oder den neuen Q9 werden wir weiterhin global anbieten. Die neue Modellgeneration des Audi A8 kommt erst gegen Ende des Jahrzehnts (der aktuelle Audi A8 läuft aus, Anm.). Die USA bleiben für uns ein Schlüsselmarkt mit Wachstumspotenzial. Unsere Marke wird dort sehr positiv wahrgenommen. Schwierig sind die Rahmenbedingungen, das stimmt: Wir haben aktuell 15 Prozent Zölle auf Importe aus Europa. Unser Q5 wird in Mexiko gebaut, dort liegen die Zölle bei 27,5 Prozent. Das erschwert die Preisstellung, hat aber nichts mit dem Produkt an sich zu tun.
Würde sich ein eigenes Werk in den USA lohnen?
Wir prüfen das und benötigen vor allem stabile, verlässliche Rahmenbedingungen. Man muss das auch im geopolitischen Kontext sehen, der sich aktuell ständig ändert. Fest steht: Wir wollen stärker lokalisieren, um auch langfristig in den USA zu wachsen. Eine eigene Produktion wäre aus Vertriebssicht definitiv ein Vorteil.
Zurück zu China: Hat Audi zu lange gebraucht, um zu verstehen, dass man in China für China entwickeln muss?
Nein, wir waren sogar die Ersten vor Ort. Mit unserem neuen Projekt stellen wir uns dem Wettbewerb mit den neuen chinesischen Marken. Da sind wir aktuell vorne mit dabei.
Was kann man von dem Projekt in China für den Rest der Welt lernen?
Vor allem die Umsetzungsgeschwindigkeit. In Europa brauchen wir für die Fahrzeugentwicklung deutlich länger, was auch an Faktoren wie Sicherheitsstandards und Homologationskriterien liegt. Aber die Geschwindigkeit und das Thema Digitalisierung sind entscheidend. Die junge Generation erwartet, dass ein Auto wie ein Handy funktioniert – da lernen wir extrem viel von China, auch was die Vertriebssysteme angeht.
Der europäischen Autoindustrie geht es derzeit insgesamt nicht sonderlich gut, die Margen waren im vergangenen Jahr bei allen Herstellern schlecht. Kommen die goldenen Zeiten von vor der Pandemie jemals zurück oder sind diese Zeiten endgültig vorbei?
Was wir jetzt in der Autoindustrie erleben, ist die neue Normalität, damit müssen wir uns auseinandersetzen. Auf der Kostenseite müssen wir deutlich besser werden. Wir müssen intensiv an den Material- und Produktionskosten arbeiten, um nachhaltig profitabel zu sein. Die Zeit der Halbleiterkrise in der Pandemie, in der die Margen durch Verknappung hoch waren, war eine Ausnahmesituation. Diese Zeiten sind vorbei.
Audi hat eine Produktoffensive für die kommenden Jahre angekündigt. Was kommt konkret heuer neu auf den Markt?
Dieses Jahr kommt der Audi RS5 – ein hochemotionales Produkt als Sechs-Zylinder-Hybrid. Dann folgen die SUVs Q7 und Q9. Mitte des Jahres bekommt der Audi Q4 e-tron ein Facelift. Ende des Jahres folgt der A2 e-tron als vollelektrisches Einstiegsfahrzeug für die auslaufenden Modelle A1 und Q2.
Kann man sich eigentlich den Industriestandort Europa bei den hohen Personal- und Energiekosten dauerhaft leisten?
Bis 2029 planen wir Investitionen in Höhe von rund acht Milliarden Euro in die deutschen Standorte. Wir glauben an den Standort, sonst würden wir das nicht tun. Wir haben Vorteile, die andere Regionen nicht haben. Aber wir müssen die Kosten senken. Für die deutschen Standorte haben wir zum Beispiel einen Stellenabbau vereinbart (7500 Jobs bis 2033, Anm.), was aber eben auch Effizienz erfordert.
Audi ist heuer neu in die Formel 1 eingestiegen. Wie erklären Sie den Mitarbeitern, dass man hunderte Millionen Euro in die F1 steckt, während gleichzeitig überall gespart werden muss?
Der Business-Case ist deutlich positiver, als man das von außen vielleicht glaubt. Dazu trägt unter anderem die neue Kostendeckelung bei. Wir machen das zudem nicht allein, sondern mit starken Sponsoren und Partnern. Die Reichweite der Formel 1 ist riesig, besonders bei jungen Menschen, und es gibt auch einen überraschend hohen Anteil an Frauen, die sich dafür interessieren. Das Interesse zieht sich durch alle Generationen. Für die Mannschaft ist das eine enorme Motivation. Audi hat eine starke Motorsport-Historie – denken Sie beispielsweise an die Rallye Dakar. Die Formel 1 hilft uns, das Motto „Vorsprung durch Technik“ für die Marke authentisch aufzuladen und mit technischen Innovationen auch die Serienmodelle zu inspirieren. Gesamtheitlich betrachtet ist das Projekt für uns absolut positiv.
Zur Person
Marco Schubert ist seit September 2024 als Mitglied des Vorstands von Audi für Vertrieb und Marketing und als Mitglied der Erweiterten Konzernleitung des Volkswagen-Konzerns für dessen Vertrieb verantwortlich. Schubert ist seit mehr als 30 Jahren in der Autoindustrie tätig, davon allein 20 Jahre bei Audi. Mehr als die Hälfte seiner beruflichen Laufbahn verbrachte er an internationalen Standorten, unter anderem in Schweden und China. Werk
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