Das Urteil wurde mit Spannung erwartet. Immerhin ging es um die Frage, ob die Tech-Konzerne erstmals für die Auswirkungen ihrer Produkte auf die psychische Gesundheit verantwortlich gemacht werden. Mehr als sieben Wochen wurde am Obersten Gerichtshof von Los Angeles verhandelt. Neun Tage lang beschäftigte sich davon die Jury intensiv mit der Frage, ob Meta (Facebook) und Alphabet (Youtube) ihre Social-Media-Apps wissentlich und bewusst suchterzeugend gestaltet haben. Und die Geschworenen kamen zu einem klaren Ergebnis und verurteilten die beiden Tech-Konzerne mit einer Gesamtstrafe von sechs Millionen US-Dollar, wobei 70 Prozent auf Meta fallen und 30 Prozent auf Youtube. Fest steht: Die Summe ist weit entfernt von den höchsten Strafen, die je gegen diese beiden Unternehmen verhängt wurden. Vielmehr geht es darum, was noch auf die Social-Media-Konzerne zukommen könnte. Insgesamt stehen mehr als 1600 ähnlich gelagerte Klagen im Raum. Die Börsen reagieren auf das Urteil verhalten.

Die Entscheidung, die am Mittwoch in einer ersten Klage ihrer Art getroffen wurde, könnte den Ausgang von Tausenden ähnlicher Fälle beeinflussen, in denen Social-Media-Unternehmen beschuldigt werden, Kindern vorsätzlich Schaden zuzufügen.

Worum geht es in dem Prozess? Die Klägerin, identifiziert durch ihre Initialen KGM, sagte aus, dass sie als Kind süchtig nach sozialen Medien wurde und dass diese Sucht ihre psychischen Gesundheitsprobleme verschlimmerte. Sie schilderte davon, wie sie bereits im Alter von zehn Jahren mit Depressionen zu kämpfen hatte und wie sich infolgedessen auch die Beziehung zu ihren Eltern verschlechterte. Bereits im Alter von 13 Jahren wurde sie wegen einer Körperdysmorphie behandelt. Dabei handelt es sich um eine Störung der Selbst- und Außenwahrnehmung, bezogen auf den eigenen Körper. Untermauert wurden diese Schilderungen durch Therapeuten. Aber auch durch interne Studien von Facebook selbst. Publik wurden diese durch die Whistleblowerin und ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen bereits 2021, die Tausende Akten und Studien des Unternehmens dem US-Kongress vorlegte. Darin stellten interne Untersuchungen einen direkten Zusammenhang fest, den Instagram auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen, vornehmlich Mädchen, ausübt.

„Das heutige Urteil ist ein historischer Moment – für KGM und für die Tausenden Kinder und Familien, die auf diesen Tag gewartet haben“, sagten die Anwälte von KGM am Mittwoch in einer schriftlichen Erklärung. Und was sagen die beiden verurteilten Unternehmen? Sie kündigen an, gegen das Urteil zu berufen und weisen jede Verantwortung von sich. Meta sagte: „Die psychische Gesundheit von Teenagern ist zutiefst komplex und kann nicht mit einer einzigen App verknüpft werden. Weiters heißt es: „wir werden uns weiterhin energisch verteidigen, da jeder Fall anders ist, und wir bleiben zuversichtlich in unsere Erfolgsbilanz beim Schutz von Teenagern im Internet.“ Ein Sprecher von Google sagte: „Dieser Fall missversteht YouTube, das eine verantwortungsbewusst aufgebaute Streaming-Plattform ist, keine Social-Media-Webseite.“ Beide Unternehmen bestreiten somit weiter jegliches Fehlverhalten.

Dabei geht aus eben diesen Unterlagen hervor, dass man sich dieser Problematik sehr wohl bewusst ist. In einer der Präsentationen gibt es einen Vermerk, wonach festgehalten wird von den Verantwortlichen „alles schlimmer zu machen“. Denn der Algorithmus ist nicht neutral und nicht darauf ausgelegt, binnen weniger Minuten auf dem neuesten Stand zu sein. Sondern die Plattformen wollen, dass man so lange wie möglich online ist. Experten nennen es ein „manipulatives Design“. In vielen Fällen werden diese Mechanismen, die in unseren Gehirnen eine massive Dopaminausschüttung anregen, mit den Gefahren des Glücksspiels verglichen.

Das Urteil in Los Angeles kam einen Tag, nachdem eine Jury in New Mexico Meta für die Art und Weise verantwortlich gemacht hatte, wie seine Plattformen Kinder gefährdeten und sie sexuell explizitem Material ausgesetzt hatten, wodurch infolge sie auch ins Visier von Pädophilen gerieten.

Mike Proulx von der Beratungsfirma Forrester sieht in den beiden Urteilen einen Wendepunkt. „Die negative Stimmung gegenüber Sozialen Medien hat sich seit Jahren aufgebaut, und jetzt ist sie endlich überkocht“, sagte Proulx. Dabei sei nicht mehr die Frage, ob sich in Bezug auf diese Plattformen etwas ändern wird, denn – davon geht Proulx aus – es wird sich etwas ändern müssen.

In Australien gilt seit Jahresbeginn eine Altersbeschränkung zur Nutzung von Social-Media-Plattformen. In Europa und vielen weiteren Ländern wird ähnliches diskutiert.

In der Psychologie sind die problematischen Zusammenhänge von Sozialen Netzwerken längst angekommen. Besonders Instagram, das das äußere Erscheinungsbild in Form von Fotos und Videos in den Vordergrund stellt. Hierfür werden spezielle Filter angeboten, um einen hübscher aussehen zu lassen. Der „Instagram-Effekt“ in der Psychologie beschreibt die vielfältigen, oft negativen Auswirkungen der Nutzung der Plattform Instagram auf das mentale Wohlbefinden, das Selbstbild und das Verhalten von Nutzern. Er ist geprägt von ständiger sozialer Vergleichbarkeit, der Darstellung idealisierter Realitäten und dem Streben nach Bestätigung durch Likes und Kommentare.

Die Aktien von Meta und Alphabet reagierten nur verhalten auf das Urteil. Seit Jahresbeginn liegen beide Werte allerdings im Minus: Alphabet hat acht, Meta zehn Prozent verloren. Das hat jedoch mit der allgemeinen Skepsis gegenüber hochbewerteten Technologieriesen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zu tun. Alle Magnificent-Seven-Werte haben nachgegeben, am stärksten Microsoft mit 23 Prozent.

Ein weiterer Fall gegen Meta und andere Social-Media-Plattformen wegen ihres Einfluss auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen soll im Juni vor dem kalifornischen Bundesgericht beginnen.

Die höchsten Strafen gegen Meta und Alphabet

2017 Alphabet (Google) Strafe: 2,42 Milliarden Euro Grund: Wettbewerb – Google Shopping
2019 Meta Strafe: 5 Milliarden Dollar Grund: Cambridge Analytica
2021 Meta (WhatsApp) Strafe: 225 Millionen Euro Grund: Verstoß gegen die DSGVO – Transparenz 
2022 Meta (Instagram) Strafe: 405 Millionen Euro Grund: DSGVO, Sammlung von Kinderdaten
2022 Alphabet (Google) Strafe: 90 Millionen Euro Grund: Tracking durch Cookies
2023 Meta Strafe 1,2 Milliarden Euro Grund: Datentransfer in die USA
2023 Meta Strafe 1,4 Milliarden Dollar Grund: Einsatz von Gesichtserkennung

Innerhalb von neun Jahren wurden gegen Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) weltweit Strafen in Höhe von knapp 8 Milliarden Dollar verhängt. Bei Alphabet (Google, Youtube) waren es insgesamt mehr als 18 Milliarden Euro (inklusive allen EU-Kartellstrafen).
Bytedance, das hinter TikTok steht, kam bislang glimpflich davon und hält derzeit bei einer Summe von knapp 875 Millionen Euro.