Ein Hauseingang in der Nähe der Wiener Ringstraße. Unten ein Zahnarzt, dann Büros, darüber: Eine Parallelwelt. Wer die Wohnung in dem Gründerzeithaus betritt, landet in einer Mischung aus großbürgerlichem Salon und Filmkulisse: Fritz Jüptner-Jonstorff, Szenenbildner des Nachkriegskinos und insbesondere der Sissy-Filme, hat hier der Eigentümerfamilie, inspiriert von französischem Barock, mit historischen Versatzstücken eine Wohnungseinrichtung entworfen, Jagdsaal inklusive.
Eine Verquickung verschiedenster Geschichten ist es auch, die am Sonntagabend in ebendieser Wohnung zu einem außergewöhnlichen Treffen geführt hat.
Sie habe schon in ihrer Studentenzeit im Wohnzimmer ihrer Mutter Musiksalons veranstaltet, erzählt Ophelia Orlandianyi in jenem blauen, eigens angefertigten Kleid, das mit Augenzwinkern an frühere Salonièren erinnern soll. Aufgewachsen war die Nachfahrin von Kaiser Karls Musiklehrer mit Besuchen in Konzerthaus, Musikverein und Staatsoper. Bis heute könne sie sich an den Geruch des alten, roten Samts in der großmütterlichen Loge erinnern, wie auch an das allererste Konzert, das sie als Kind erlebt habe: „Das war im Konzerthaus mit Elisabeth Leonskaja.“ (Jahre später sollte sie die Pianistin in ihrem späteren Job als Tourmanagerin großer Orchester wieder treffen.)
»Beim letzten Musiksalon im Wohnzimmer meiner Mutter hatte ich 213 Leute.«
Ophelia Orlandianyi
Mit der Zeit lernte Orlandianyi jedenfalls selbst immer mehr Musiker kennen, „und die haben alle einen Proberaum mit Flügel gebraucht, wo man auch bis spät am Abend Lärm machen kann“. Ihre Eltern seien wenig zu Hause gewesen, und so wurde bei ihr auf der Hohen Warte geprobt, gekocht – und irgendwann dann auch für Testpublikum gespielt. „So hat das alles begonnen. Zum Schluss hatte ich beim letzten Musiksalon im Wohnzimmer meiner Mutter 213 Leute.“ Danach verstreuten das Leben und die Karriere die Anwesenden in alle Welt. Seither, sagt Ophelia Orlandianyi, „träume ich davon, dass ich diesen Musiksalon wieder verwirklichen kann“.
In den letzten paar Jahren wurde der Traum immer konkreter. „Ich habe eine klare Vision: Das kann nur privat sein, keine Sesselreihen, keine Barriere zwischen Bühne und Publikum.“ 20, 30 verschiedene Wohnungen und Salons hatte sie, nachdem ihr die Wohnung ihrer Mutter nicht mehr zur Verfügung steht, besichtigt. Aber kein Ort erschien ihr richtig, bis sie ihren jetzigen Mäzen traf. Genau genommen hatte Orlandianyi, der in jungen Jahren von einer eigenen künstlerischen Karriere aus Vernunftgründen abgeraten worden war, irgendwann doch wieder zu singen begonnen. Und war gebeten worden, das auch auf dem Begräbnis einer alten Dame zu tun – die sich als ehemalige Salonière und Bewohnerin selbiger Wohnung entpuppte.
So kam es, dass sie am Sonntag erstmals nach 25 Jahren wieder zu einem Salon laden konnte – und nicht nur das: Auch Teile ihrer ehemaligen „Salongang“, wie sie sie nennt, waren wieder dabei. Darunter die Pianisten Daisy Jopling und Hyung-ki Joo (eine Hälfte des Komikerduos Igudesman & Joo). Apropos: Auf dem Klavier der Wohnung hat zwar schon Friedrich Gulda in die Tasten gegriffen; auf der Höhe der Zeit ist dessen Wiener Mechanik allerdings nicht gerade: Auch hier trat ein Sponsor auf den Plan und stiftete eigens einen Steinway-Flügel.
In Summe drängten sich, von Anna Anderluh, Marina & The Kats und Wolfgang Muthspiel bis zu Michael Dukhnych, der für Marvel, Disney und Netflix Cello und Mundharmonika spielt, mehrere Dutzend Musikerinnen und Musiker aus Klassik, Pop, Jazz und World Music in genanntem Apartment, dessen Eigentümer sich Diskretion bezüglich der Adresse erbeten hatte. Manches war vorab geplant, manches nicht, dazwischen gab es Essen, „ab Mitternacht haben wir den Dingen dann ganz freien Lauf gelassen“.
Ein größeres und hochkarätigeres Treffen, als sie je erwartet hätte, resümiert Orlandianyi: „Es gab ja keine Gage. Aber offenbar gibt es mitten in diesem digitalen Vernetzungswahnsinn eine Sehnsucht nach echter Begegnung, nach Nähe, nach gemeinsam erlebter analoger Musik und Gesprächen, die über eine Kurznachricht hinausgehen.“ Schon vorab hatte jeder die Gästeliste bekommen, mit kleinen Beschreibungen der Teilnehmenden. Denn ja, selbst Musiker würden vor allem in ihren eigenen Genre-Bubbles leben. „Dass ein Popmusiker mit einem klassischen Geiger auf einen Kaffee geht, das passiert eher kaum.“
Auf einen Blick
Ophelia Orlandianyi hat u. a. im Kulturmanagement als Tourmanagerin und persönliche Assistentin von Künstlern gearbeitet. „Kein Schild an der Tür, keine Tickets, kein Publikum im klassischen Sinn“, so könnte man ihren neuen Musiksalon in einem privaten Wohnzimmer umreißen: Ein Happening, das sich „bewusst der öffentlichen Eventlogik entzieht“. Invitation only, Fortsetzung nach Möglichkeit geplant.