In Österreich erkranken jährlich rund 45.000 Personen an Krebs, niederösterreichweit sind es rund 9.300 Menschen. Um die Behandlung der unterschiedlichen Krebsarten landesweit zu verbessern bzw. besser abzustimmen, setzt die heimische Landesgesundheitsagentur (LGA) künftig auf sogenannte „Tumorboards“. Das bedeutet, dass die Krankengeschichte eines Krebspatienten, der an einem NÖ Landesklinikum vorstellig wird, von einem landesweiten Expertengremium begutachtet wird.

Ein landesweit vernetztes Tumorboard gebe es aktuell ausschließlich im Bereich der Hämatologie. Dazu zählen hauptsächlich Blutkrebserkrankungen sowie Erkrankungen des Lymphsystems, erklärt Josef Singer, Primar der klinischen Abteilung für Innere Medizin 2 am Universitätsklinikum Krems. „Jeder hämatologische Patient, der in Niederösterreich in einem Spital vorstellig wird, wird in diesem Tumorboard besprochen, und von einem zentralen Expertengremium begutachtet“, sagt Singer. Das habe den Vorteil, dass jedem Patient und jeder Patientin, unabhängig vom Ort des Erstkontaktes, dieselbe Behandlung bzw. Expertise zur Verfügung steht.

Das Tumorboard sei immer von zwei Hämatologinnen und Hämatologen sowie Fachexpertinnen und Fachexperten aus den Fächern Radiologie, Nuklearmedizin, Strahlentherapie, Labormedizin und Pathologie besetzt. Die Expertinnen und Experten aus den niederösterreichischen Kliniken nehmen abwechselnd an einer Online-Sitzung, die jeweils am Montag um 11 Uhr stattfindet, teil und besprechen die einzelnen Patientinnen und Patienten. „Der behandelnde Arzt vor Ort stellt seinen Patienten vor und gemeinsam wird ein bestmöglicher Therapieplan erstellt. Die beschlossenen Behandlungen werden im Anschluss organisiert“, erklärt Singer. Bisher habe man im hämatologischen Tumorboard rund 800 Patientinnen- und Patientengeschichten besprochen.

Tumornetzwerk, Tumorboard

Stationsleiter der Akutdialyse DGKP Markus Hör, Primar Martin Wiesholzer aus dem UK St. Pölten, Primar Josef Singer aus dem UK Krems, Vorständin NÖ-LGA-Elisabeth-Bräutigam und Landesrat Anton Kasser bei der Apherese im Universitätsklinikum St. Pölten.

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NÖ LGA

Einige der hämatologischen Patientinnen und Patienten seien nach Begutachtung im Universitätsklinikum St. Pölten behandelt worden. Dort werde in Niederösterreich einzigartig mit der sogenannten „Apherese“ ein besonderes Blutreinigungsverfahren (Dialyse) angeboten. „Unseren Patientinnen und Patienten werden eigene Abwehrzellen entnommen. Diese Zellen werden dann im Ausland, zum Teil auch in Amerika, so genetisch verändert, dass sie in der Lage sind, den Tumor anzugreifen“, erklärt Primar Martin Wiesholzer von der klinischen Abteilung für Innere Medizin 1 am Universitätsklinikum St. Pölten. Nach vier bis sechs Wochen kommen die Zellen nach St. Pölten zurück und werden dem Patienten wieder zurückgeführt.

Das „lebende Medikament“ eigne sich zur Behandlungen von einigen Blutkrebsarten sowie Lymphdrüsenkrebs und bösartigen Plasmazellerkrankungen. „Wenn die Therapie anschlägt, sind die Patientinnen und Patienten mit einer Infusion geheilt. Die Erfolge von rund 55 Therapien waren bis jetzt wirklich überzeugend. 40 bis 50 Prozent, bei manchen Krankheiten auch 80 Prozent der Patientinnen und Patienten wurden nachhaltig geheilt“, sagt Wiesholzer.

St. Pölten ist NÖ-Zentrum für Bluterkrankungen

Top-Medizin

Ziel ist ein NÖ Tumornetzwerk für alle Krebsarten

Das langfristige Ziel sei es, ein landesweites Tumorboard für jegliche Krebsarten zu implementieren. „Für heuer haben wir uns noch den Bereich Lunge und Neuroonkologie vorgenommen“, sagt Elisabeth Bräutigam, Vorständin der NÖ Landesgesundheitsagentur. Zur Neuroonkologie zählen primäre Tumore im Kopfbereich. Das hämatologische Tumorboard sei also ein „erster Schritt eines großen Projekts“, betont Bräutigam. Die LGA-Vorständin wünsche sich für alle Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, unabhängig von ihrem Wohnort, den „bestmöglichen Zugang zur Spitzenmedizin“.

Die Kliniken in Niederösterreich stehen für „exzellente medizinische Behandlung und hohe Kompetenz“, betont der für die Landeskliniken zuständige Landesrat Anton Kasser. Mit dem Tumorboard werde die in NÖ vorhandene Expertise nun gebündelt und für alle Landsleute standortunabhängig verfügbar gemacht. Durch die demografische Entwicklung werden auch onkologische Erkrankungen zunehmen. Das Wissen der Expertinnen und Experten ist in der Krebsbehandlung ein wesentlicher Baustein“, sagt Kasser.