In „Pillion“ spielt der schwedische Hollywoodstar einen schweigsamen Biker-Hengst in einer BDSM-Beziehung. Im Interview mit der „Presse“ erzählt Alexander Skarsgård von seiner illustren Familie, Humor in düsteren Filmen und wie viel von ihm selbst in seinen Rollen steckt.
Noch nicht lange ist es her, da hatte „Heated Rivalry“, die Serie über die geheime Romanze zwischen zwei Eishockeyspielern, das Internet in seinen Bann gezogen. Regisseur Harry Lightons neuer Film „Pillion“ hätte mit Sexsymbol Alexander Skarsgård als Motorradler in Lederkluft ebenfalls Potenzial für virale queere Romantik, schlägt aber dann doch in eine andere Kerbe. Lightons „dom-com“ beleuchtet basierend auf Adam Mars-Jones Roman „Box Hill“ die ungleiche Beziehung zwischen dem Teenager Colin (Harry-Potter-Star Harry Melling), der im elterlichen Hause in der Londoner Vorstadt ein fades Dasein fristet, und dem mysteriösen, dominanten Ray (Skarsgård). Schnell wird Colin zum Beiwagerl-Fahrer in Rays queerer Motorrad-Gang, und zum „sub“, dem freiwillig unterwürfigen Part in einer strikten BDSM-Beziehung.
Genau wie Vater Stellan und seine Brüder Bill oder Gustav mischt Alexander Skarsgård in großen Film- und Serien-Produktionen von Skandinavien bis Hollywood mit. Seinen internationalen Durchbruch hatte er als Vampir in der HBO-Serie „True Blood“. In den letzten Jahren avancierte er unter anderem als Tarzan in „The Legend of Tarzan“ oder als der verrückte Tech-Bro Lukas Matsson in der Serie „Succession“ zum Publikumsliebling. Skarsgårds Spezialgebiet sind die teilweise seltsamen Rollen, in die der optisch eher für den Marvel-Film gebaute Schwede schlüpft. Vom zornigen Hamlet in Robert Eggers „The Northman“ über einen mörderischen Roboter in „Murderbot“ bis zur aktuellen Charli-XCX-Mockumentary „The Moment“ wo er einen nervigen schwedischen Creative Director gibt.
Die Presse: Sie stammen aus einer berühmten schwedischen Schauspielerfamilie. Wie war das so bei Ihnen zuhause als Kind?
Alexander Skarsgård: Mein Vater ist natürlich Schauspieler und auch so ziemlich jeder andere in meiner Familie hat einen künstlerischen Beruf. Es war ein großer Haushalt voller künstlerischer, seltsamer und exzentrischer Menschen. Als Teenager habe ich mir manchmal gewünscht, dass mein Vater einen Saab fährt und im grauen Anzug und mit einem Aktenkoffer von neun bis fünf in die Arbeit fährt. Ich wollte eine normale Familie haben und mich einfach einfügen. Als ich älter wurde, begann ich, all das Exzentrische an ihnen zu lieben und zu schätzen.
In den skandinavischen Gesellschaften gilt noch dazu das Jante-Gesetz, nachdem man bloß nicht auffallen soll. Sie sind Hollywood-Star und 1,94 groß. Ecken Sie in Ihrer Heimat an?
Die Schweden sind generell recht groß und auch blond und blauäugig zu sein ist dort nicht gerade exotisch. Janteloven spielt aber definitiv eine Rolle: Du versuchst, nicht herauszustechen und das zu tun, wofür du ausgebildet bist. Träume ja nicht zu viel! Für mich ist es ein zweischneidiges Schwert. Nach Jahren in Los Angeles, wo die Leute in verrückten Villen wohnen und gelbe Hummer-Geländewagen fahren, weiß ich es zuhause wieder zu schätzen. In Schweden achtet man mehr aufeinander. Es gibt ein soziales Sicherheitsnetz, Solidarität und sozialdemokratische Werte. Zugleich ist diese Konformität halt etwas einschränkend, oder gar erdrückend.
In Ihren ernsten Rollen schwingt oft ein unterschwelliger Humor mit. Wo kommt der her?
Humor spielt in meiner Familie eine große Rolle. Meine Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel waren sehr seltsame und lustige Menschen, die einen selbstironischen Blick auf ihr Leben pflegten. Als Kind habe ich amerikanische Sitcoms und vor allem britische Comedy verschlungen – von Monty Python über Blackadder bis hin zu Steve Coogans Alan Partridge. Am Anfang meiner Karriere habe ich fast nur dramatische Rollen gespielt. Ich liebe es, wenn ich die Gelegenheit habe, etwas Leichteres und Komödiantischeres zu machen.
In Ihrem neuen Film „Pillion“ spielen Sie Ray, der mit dem unerfahrenen Colin eine Sub-Dom-Beziehung eingeht und ihn in seine schwule Biker-Gang einführt. Sind Sie davor schon einmal auf einem Motorrad gesessen?
Ich habe zwar kein Motorrad, aber einen Motorradführerschein. Was mich an dem Skript zum Film fasziniert hat war, wie diese Subkultur dargestellt wurde. Es hat sich echt und authentisch angefühlt. Zugleich war es auch so zart und witzig geschrieben. Es war auch nicht zu grafisch und schockierend nur um des Schockierens Willen. Ja, es gibt Orgien und Sex-Szenen, aber die Beziehung ist zugleich süß und unbeholfen. „Pillion“ zeigt eine Subkultur, die ich noch nie in einem Film gesehen habe.
In „Pillion“ blitzt auch an den düsteren Stellen gelegentlich eine absurde Komik durch. Braucht es die für so einen Film?
Regisseur Harry Lighton hat der Beziehung zwischen Ray und Colin auch eine komödiantische Leichtigkeit und eine Unbeholfenheit eingeflößt. Ein Großteil der Komik entsteht aus der Unbeholfenheit und dem Machtgefälle zwischen den beiden. Auch in der Dynamik mit den Eltern von Colin gibt es lustige Momente. Sie entstehen, wenn Menschen herauszufinden versuchen, wie sie miteinander umgehen sollen. Der Film braucht solche Momente, um das Ganze ein bisschen auszubalancieren.
In Ihren Rollen suchen Sie oft das Extreme – körperlich und mental. Was muss ein Skript haben, damit es Sie anspricht?
Ich liebe Figuren, die ein bisschen geheimnisvoll sind, bei denen ich selbst erst herausfinden muss, wer sie eigentlich ist. Ich muss mich in die Figur hineinversetzen und sie nicht unbedingt verteidigen, aber zumindest verstehen können – woher sie kommt und warum sie sich so verhält. Nur sehr wenige Menschen sind in der eigenen Version ihrer Geschichte Bösewichte.
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