Nebenan im Haus roch es lecker, manchmal nach Spätzle mit Soß’. Manchmal gab es auch Linsen mit Spätzle. Jedenfalls meistens schwäbische Kost. Benedikt Karow war als Kind regelmäßig zu Besuch bei den Nachbarn, als deren Kinder bereits ausgezogen waren. So war er als Kind bestens versorgt, wenn er nicht mit den Eltern in Urlaub fahren wollt. Als Jahrzehnte später die Frage der Familie aufkam: „Willst Du das Haus kaufen?“ antwortete er mit Ja.
Aber nicht nur aus nostalgischen Gründen hat er sich, inzwischen ein gut verdienender Erwachsener, 2024 zum Kauf der Haushälfte entschlossen. „Es ist auch eine Investition“, sagt der 37-Jährige. Die Liebe zur heimischen Scholle spielt aber schon eine bedeutende Rolle, seine Eltern wohnen immer noch in der anderen Haushälfte. Und er selbst hat schräg gegenüber ein kleines Haus gemietet, ähnlich diesem, das er gekauft hat, aber im modernisierten Zustand.
Ein junger Stuttgarter und sein Umbau-Projekt
Die Idee selbst in das 1935 gebaute Haus einzuziehen hat er verworfen für einen anderen Plan – Wohnraum schaffen, steuerliche Vorteile nutzen, um die hohen Baukosten zu finanzieren, und an spätere Zeiten denken. Falls die Eltern einmal Pflege benötigten, sagt Benedikt Karow bei einem Besuch auf der fast fertigen Baustelle, könnten sie zum Beispiel ins Erdgeschoss ziehen, wo es auch eine bodengleiche Dusche gibt. Und oben könnte eine pflegende Person wohnen.
Die Mutter Cornelia Karow steht neben ihrem Sohn mit verschränkten Armen und lächelt, macht aber auch klar: Wir bleiben drüben. Die Idee ihres Sohnes haben die Eltern gleichwohl finanziell und durch Mitarbeit unterstützt, wie auch an diesem Vormittag zu sehen ist, als der Papa Alfred Karow am Treppenaufgang werkelt.
Das Haus in Stuttgart ist Jahrgang 1935
„Es war eine anstrengende Zeit, aber wir freuen uns über den gelungenen Umbau“, sagt die Mutter. Benedikt Karow und seine Eltern haben sich bei einem höchst verdienstvollen, aber auch fordernden Umbauprojekt die Bauleitung mit der Architektin Nicole Schuchmann geteilt. „Das war natürlich sehr praktisch, dass wir vieles auf kurzen Wegen entscheiden konnten“, sagt Benedikt Karow. „Wenn ich bei der Arbeit war, hat mein Vater via SMS Bilder vom Bad geschickt mit der Frage, wo der Duschkopf hinkommen soll.“
Architektin Nicole Schuchmann und Bauherr Benedikt Karow in dem Haus in Stuttgart. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Aus einer 80 Quadratmeter großen Doppelhaushälfte haben sie drei etwas kleinere Wohnungen gemacht – 80 Quadratmeter im Erdgeschoss mit Gartengeschoss, 50 Quadratmeter im ersten Stock, 20 Quadratmeter im ausgebauten Dachgeschoss. Der Giebel wurde erweitert und aufgestockt, damit das 20 Quadratmeter kleine Einraum-Studio mit Dachfenster großzügiger wirkt.
Förderung für die Verwendung ökologischer Baustoffe
Für die Umwandlung in ein KfW 55-Effizienzhaus haben sie das Gebäude gedämmt, mit Photovoltaik und Luft-Wärmepumpe auf den energetisch aktuellen Stand gebracht. Kommunale Förderungen gab es beispielsweise für den Fenstertausch und die Holzfaser-Dämmung, auf 100.000 Euro Kosten bis zu 25 Prozent pro Wohnung je nach KfW-Effizienzhaus-Standard. Zusätzlich gab es Förderung bei Verwendung ökologischer Baustoffe.
Gemeinsam mit Nicole Schuchmann hat die Bauherrenfamilie geplant, Vorgaben der Förderung für die energetische Sanierung erfüllt, Materialien ausgewählt, Handwerkertermine koordiniert, selbst auf dem Bau geschafft. Und erlebt, wie viel in einem kleinen Haus bei einem Umbau an Abfall anfällt, vom nicht mehr benötigten Schornstein, der alten Innentreppe bis zu alten Fenstern.
Tonnen, um genau zu sein. Das sind 30 Fahrten, bei denen jeweils rund 800 Kilogramm im Anhänger abtransportiert wurden. Die Entkernung allein dauerte drei Monate. Ein gutes Jahr dann noch der Umbau.
Wiederverwendung von Abfällen spart Geld
Manche Funde – beispielsweise in den Gips-Torf-Stroh-Decken – wurden nach Material getrennt und der Torf wieder im Garten verwendet. Aus ökologischen und finanziellen Gründen lohnte die Mülltrennung, wie Benedikt Karow gelernt hat: „Gemischte Abfälle sind in der Entsorgung teurer.“
„Das ist natürlich ein großartiges Beispiel, das wir auch künftigen Umbauwilligen als gutes Beispiel vorstellen können“, sagt Christian Schmidt, Projektmanager der gemeinnützigen GmbH co2online. Für ihn ist der Umbau ein Vorzeigeprojekt. „Aufgrund unserer Förderung vom Klima-Innovationsfond der Stadt Stuttgart können wir die Beratung aktuell kostenfrei anbieten.“ Dazu gehört auch, auf städtische Fördermöglichkeiten hinzuweisen.
Aus einem Haus drei Wohnungen machen? Liegt nicht im Trend
Günstig ist das alles trotzdem nicht: 900.000 Euro kostete die Sanierung samt Umbau, plus 40.000 Euro für die drei Küchen. Dennoch, dass diese Art des Umbaus, bei dem aus einem nicht einmal allzugroßen Haus mehrere Wohnungen geschaffen werden, Schule machen könnte, finden nicht nur alle Beteiligen wünschenswert. Sondern kommt auch Mietern zugute. Kleine Wohnungen sind in Stuttgart besonders gefragt.
Im Trend liegt die Familie Karow mit ihrem Umbau nicht. „Ich habe öfter den Fall, dass so ein Haus weiterhin nur von einer Familie bewohnt und maximal eine Einliegerwohnung eingebaut wird“, sagt die Architektin, die häufig in die Jahre gekommene Häuser für die Zukunft fit macht, auch im Wolfbusch, einer in den 1930ern entstandenen Wohnsiedlung mit kleinen Häusern, dafür großzügigeren Gärten samt Schuppen für die Hühner- oder Kaninchenhaltung. Bis heute ist die Siedlung intakt, viel Grün, wenig Verkehr.
Gute Erfahrungen mit dem Stuttgarter Baurechtsamt
Über persönliche Verbindungen kam der Kontakt zwischen Bauherrschaft und Architektin zustande. „Überraschungen bei so einem Umbau gibt es immer wieder“, sagt Nicole Schuchmann. Mal müssen Decken verstärkt werden, dann ist es leider wegen der Abstandsflächen nicht möglich, seitlich noch einen kleinen Balkon anzubauen.
Und dann gab es noch eine kleine, aber auch sehr lustige Überraschung im Sanitärbereich, erinnert sich Benedikt Karow: „Warm- und Kaltwasser waren vertauscht worden – die Toilette wurde im Dachgeschoss mit Warmwasser betrieben. Das wurde bemerkt, als heißer Dampf aus der Toilettenschüssel aufstieg. Aber der zuständige Handwerker hat es wirklich schnell und sauber gelöst. Solche Dinge passieren und man sollte darauf vorbereitet sein. Auch hier zahlt sich Qualität der Handwerker aus, da Probleme in der Regel dann auch schnell gelöst werden können.“
Gute Erfahrungen mit dem Stuttgarter Baurechtsamt
Charmante Überraschungen gab es auch, Teenager-Liebesstorys, die hinter freigelegten Balken zum Vorschein kamen. „Wir haben sie ausgesägt und den früheren Bewohnerinnen überreicht“, sagt Benedikt Karow. Gute Erfahrungen gemacht hätten sie sowohl mit dem Baurechtsamt, das recht schnell die Baugenehmigung erteilt habe und mit den Handwerkern. Mit einigen arbeitet Nicole Schuchmann regelmäßig zusammen.
Um den Platz bestmöglich zu nutzen, entschied man, von der Erdgeschosswohnung eine Treppe ins untere Geschoss einzubauen, dort ist nun ein mit Fenstern versehener erstaunlich heller Raum entstanden. Im offenen Wohnbereich mit U-förmiger Einbauküche mit dunklen Armaturen findet sich in einem Erker Platz für einen Esstisch.
Alle drei Wohnungen sind vermietet
Alle drei Wohnungen haben Vinyl-Eichenböden, sorgfältig geplante Einbauküchen erhalten sowie bodengleiche Duschen in den Bädern. „Mir war wichtig, dass alles wertig ist und mir auch gefallen würde, wenn ich selbst dort wohnen würde“, sagt Benedikt Karow. Der Duschkopf seiner Wahl war dann eben 200 Euro teurer.
Blick ins ausgebaute Studio unterm Dach in dem Haus in Stuttgart. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
„Auch war mir wichtig die Technik auf den neuesten Stand zu bringen“, sagt der Bauherr, „deshalb wurden pro Wohnung mehrere Netzwerkkabel pro Wohnung in den Keller verlegt, Glasfaserkabel innerhalb des Hauses verlegt und auch in den Wohnungen Netzwerksteckdosen verbaut, sowie moderne sparsame Spots für die Decken.“
Kaum sind die letzten Leitungen verlegt und im Keller die Waschmaschinen aufgestellt, sind die ersten Mieter, Bekannte des Hausherrn, eingezogen. Der Schuppen und der Garten warten noch auf Verschönerung. Gemeinsam draußen sitzen können die neuen Bewohner aber schon jetzt – und wenn einer mal etwas besonders Gutes kocht und seinen Vermieter einlädt, muss Benedikt Karow kaum weiter laufen als vor 30 Jahren.
Info
Umbauberatung
Christian Schmidt von der gemeinnützigen GmbH co2online berät Menschen, deren Immobilien zu groß (Auszug der Kinder), aufgrund der Lebenssituation einfach nicht mehr passend oder nicht auf das Leben im Alter vorbereitet sind. Zunächst wird ein maximal 30-minütiges Vorgespräch per Telefon geführt. Bei Bedarf gibt es ein persönliches Beratungsgespräch auch vor Ort. Dort werden der Istzustand, der zukünftige Bedarf sowie Wünsche der Eigentümerinnen und Eigentümer besprochen. Dann entwickelt man gemeinsam einen Plan, welche Schritte zu gehen sind: z.B. Machbarkeitsstudie durch Architekturbüros, Energieberatung und Sanierungsfahrplan, Untervermietung (z.B. an Studierende), Barrierefreiheit, Finanzierung. Ziel ist es, die Wohnsituation so anzupassen, dass sie einem nicht zur Last fällt (zu großes Haus, zu teuer), Einsamkeit (auch in jungen Jahren) vorgebeugt wird und man im Alter so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben kann.