Quantencomputer aus Frankreich, Halbleiter aus den Niederlanden und Raketen für das Weltall aus Deutschland: Europas Start-up-Szene muss sich längst nicht mehr hinter dem US-amerikanischen Pendant verstecken. Zwar dominieren amerikanische Unternehmen weiterhin viele Märkte, doch in einigen Schlüsseltechnologien zählen europäische Jungunternehmen inzwischen zu den wichtigsten Akteuren weltweit. Aufstrebende Unternehmen wie das Quanten-Start-up Planqc oder das Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace wollen in Zukunftsmärkten eine führende Rolle übernehmen.

Dass diese Ambitionen nicht unrealistisch sind, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Laut dieser holt Europa bei Zukunftstechnologien deutlich auf, insbesondere im Bereich Deep Tech. Die Investitionen in diesen Sektor wachsen anteilig sogar schneller als in den USA. McKinsey schätzt, dass entsprechende Innovationen bis 2030 zusätzliche Wertschöpfung von bis zu einer Billion US-Dollar sowie Hunderttausende bis rund eine Million neue Arbeitsplätze in Europa schaffen könnten.

Zum Bereich Deep Tech gehören unter anderem die Sektoren Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Biotechnologie, Robotik, Halbleiter, Raumfahrt sowie Energie- und Klimatechnologien. McKinsey betont in der Studie außerdem, dass Europa über eine außergewöhnlich starke wissenschaftliche Basis verfügt. Viele Spitzenuniversitäten und Forschungsinstitute befinden sich in Europa, und ein großer Anteil globaler wissenschaftlicher Publikationen und Patente stammt von europäischen Einrichtungen. Einzig die Umsetzung von der Forschung in die Praxis stockt noch.

Eine Stadt in Deutschland macht vor, wie es funktionieren kann: München gilt als europäisches Erfolgsmodell für ein starkes Start-up-Ökosystem. Kaum irgendwo sonst gelingt es so gut, Unternehmen, Universitäten und junge Firmen zu vernetzen. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Fast die Hälfte des 2025 in deutsche Start-ups investierten Kapitals floss nach Bayern. Viele dieser Unternehmen sind im Deep-Tech-Bereich tätig, also genau dort, wo laut McKinsey das größte Zukunftspotenzial liegt. Um nur einige wenige zu nennen: Celonis, Weltmarktführer im Process Mining, das Raketen-Start-up Isar Aerospace oder das Defense-Tech-Unternehmen Helsing.

Eine große Rolle spielt dabei die industrielle Umgebung. Mit Konzernen wie Allianz, Infineon, Siemens und BMW sowie einem starken Mittelstand bietet München eine gute Vernetzungsplattform. Hinzu kommt eine hohe Forschungsdichte durch die Technische Universität München, die Ludwig-Maximilian-Universität und Forschungsinstitute wie Fraunhofer. Wichtig ist dabei auch das Gründungszentrum UnternehmerTUM. Gegründet wurde es von BMW-Erbin Susanne Klatten, die das Projekt von Beginn an maßgeblich finanziell unterstützt hat. UnternehmerTUM begleitet Gründer entlang des gesamten Weges – von der ersten Idee über die Entwicklung eines Geschäftsmodells bis hin zur internationalen Skalierung. Die „Financial Times“ kürt den Hub nun schon seit mehreren Jahren regelmäßig zum wichtigsten Gründungszentrum Europas. Neu auf dieser Liste ist heuer auch ein Start-up-Hub aus Österreich. Das Innovation Incubation Center der TU Wien landete auf Platz 21 und führt damit auch das österreichische Ranking mit einem deutlichen Abstand an.

Das Innovationszentrum der TU Wien wurde erst 2012 gegründet. Birgit Hofreiter leitet das Zentrum und erzählt im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“: „Damals begann sich das Start-up-Ökosystem in Wien und Österreich überhaupt erst zu entwickeln. An Hochschulen war es noch unüblich, Forschungsergebnisse über Ausgründungen zu verwerten. Eine strukturierte Unterstützung für Start-ups aus der Wissenschaft fehlte weitgehend.“ Zu Beginn ging es deshalb vor allem darum, Bewusstsein dafür zu schaffen und Forschende weiterzubilden. Dafür wurden Programme für Studenten aufgebaut: Sie können ihr Studium um ein zusätzliches Jahr verlängern und werden in dieser Zeit gezielt für Entrepreneurship ausgebildet.

Das Zentrum begleitet damit den gesamten Weg von der Forschungsidee bis zum Scale-up. „Ein solch durchgängiges Modell war damals ungewöhnlich, vor allem an einer technischen Universität. Funktioniert hat das nur gemeinsam mit einem großen Netzwerk aus Experten, Gründern und Partnern aus Wirtschaft und Finanzierung“, sagt Hofreiter. In den vergangenen Jahren beobachtete sie, dass immer mehr junge Studenten tatsächlich gründen wollen. „Heute trauen sich deutlich mehr Studierende, unternehmerische Risiken einzugehen. Viele wollen auch nicht nur einmal gründen, sondern mehrfach“, sagt Hofreiter. Ein wichtiger Punkt sei außerdem die Zeit: Man dürfe nicht davon ausgehen, dass aus Forschung innerhalb weniger Monate ein marktfähiges Produkt wird. Besonders Hardware-Projekte, in denen Europa großes Know-how hat, dauern deutlich länger. Das sagen auch die beiden Geschäftsführer des Gründungszentrums Wexelerate, Clemens Böhmer und Awi Lifshitz, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Gerade zu Beginn hätten Unternehmen manchmal nicht ganz verstanden, was es bedeute, mit Start-ups zusammenzuarbeiten, sagt Lifshitz. Wexelerate versteht sich als Plattform, um Unternehmen, Start-ups und Hochschulen zueinander zu bringen. Eigenen Angaben zufolge arbeiten aktuell rund 20 bis 30 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen dauerhaft mit Wexelerate zusammen. Eine der größten Herausforderungen: die unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen zu verbinden. „Große Unternehmen sind risikoavers, stark in internen Prozessen gefangen und oft skeptisch gegenüber kleinen, jungen Firmen, deren Bestand unsicher ist. Start-ups hingegen wollen schnell wachsen, ihre Idee vorantreiben und haben wenig Geduld für lange Entscheidungswege“, sagt Böhmer.

Österreich steht im internationalen Vergleich bei der Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen noch weit hinten. Während große US-Technologiekonzerne gleichzeitig mit Hunderten Start-ups kooperieren, sind solche Kollaborationen hierzulande selten. „Es gibt dafür mehrere Gründe, aber das ist auch stark kulturell geprägt: Österreich ist risikoavers, schützt eher das Bestehende und hat eine geringe Fehlertoleranz. Insbesondere in Konzernen“, sagt Lifshitz.

Um Start-ups hierzulande zu fördern, soll es bald die Gesellschaftsform EU-Inc geben. Die Idee wurde von vier Gründern – darunter der österreichische Investor und Unternehmer Andreas Klinger – entwickelt und von mehr als 16.000 Personen unterstützt. Damit soll eine neue Rechtsform für Unternehmen innerhalb der EU geschaffen werden, die die Gründung und Skalierung vereinfacht und die Start-ups damit in Europa hält. Bisher gibt es in den 27 EU-Staaten nach Kommissionsangaben mehr als 60 verschiedene Unternehmensformen. Die Kommission plant eine Website, über die Unternehmer innerhalb von zwei Tagen und für maximal 100 Euro ein Unternehmen gründen können. Nach der Registrierung sollen die Daten automatisch an die Unternehmensregister aller 27 EU-Mitgliedstaaten übermittelt werden. Die neue Firma erhält anschließend ohne weitere Anträge eine Steuer- und Umsatzsteuer-Identifikationsnummer.

Ist Initiator Andreas Klinger damit zufrieden? „Es ist grundsätzlich eine Verbesserung gegenüber dem Status quo“, sagt Klinger. „Aber Ziel der Initiative war es, mehr als nur Gründungen zu vereinfachen. Wer einmal irgendwo in Europa investiert, sollte problemlos auch in allen anderen Ländern investieren können.“ Dieser Ansatz fehle nun völlig. Zwar können Investoren grundsätzlich in jedem EU-Land investieren, doch in der Praxis ist das oft kompliziert und teuer. Jedes Land hat eigene Gesellschaftsformen und Steuerregeln. Investoren müssen sich also ständig mit unterschiedlichen rechtlichen Systemen auseinandersetzen. „Grundsätzlich entstehen erfolgreiche Start-ups in Europa eher trotz staatlicher Rahmenbedingungen als wegen ihnen“, sagt Klinger. Das große Problem – nämlich dass Europa zu wenige große neue Unternehmen hervorbringt – werde durch die neue Gesellschaftsform allein nicht gelöst. Die Märkte sind viel zu fragmentiert, es fehlt vor allem Geld. Dabei wolle gerade die junge Generation bewusst in Europa gründen und etwas aufbauen.

„Die junge Gründerszene ist stark proeuropäisch, aber die Politik hat diese Entwicklung noch nicht erkannt“, sagt Klinger. Start-ups würden noch immer häufig als kleine, nette Firmen gesehen statt als potenzielle künftige Großunternehmen. In Europa werde unternehmerischer Erfolg traditionell eher mit jahrzehntealten Firmen verbunden. Ein weiterer kultureller Unterschied sei der Umgang mit Scheitern und Kritik. In Europa werde schnell erklärt, warum etwas nicht funktionieren könne. „Mir wurde bei der EU-Inc-Initiative oft gesagt, dass es nicht funktionieren wird“, sagt Klinger zur „Presse am Sonntag“. Aufhalten will ihn das nicht.