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Győr (Westungarn) – Spürt der Ungarn-Premier, dass seine Tage an der Macht gezählt sein könnten? Dieser Eindruck drängt sich auf! Am Freitag hatte Viktor Orbán (62) bei einem Wahlkampf-Auftritt in der 130.000-Einwohner-Stadt Győr (Sitz eines Audi-Werks) mehr Gegenwind, als er gewohnt ist. Gegendemonstranten hatten sich in die Menge gemischt und ihn ausgebuht. Darauf reagierte er mit einem nie gesehenen Ausraster!
„Ihr tanzt nach der ukrainischen Pfeife und steht nicht an der Seite der Ungarn“, brüllte Orbán sie an (wörtlich: „Ihr zieht den Karren der Ukrainer“). „Ihr wollt eine pro-ukrainische Regierung, die das Geld der Ungarn in die Ukraine bringt! Das ist die Wahrheit!“
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Einen solchen Gefühlsausbruch kennt man von Orbán nicht, und er dürfte sein Image unter den unentschlossenen Wählern stark ankratzen. Denn seit Jahren wirbt seine Fidesz-Partei mit dem Slogan „die sichere Wahl“ – doch der Premier strahle plötzlich weder Sicherheit noch Ruhe aus, erklärte Politologe Gábor Török von der ELTE-Eötvös-Universität Budapest. „Wenn die verbleibenden zwei Wochen so verlaufen, verheißt das nichts Gutes für die Regierung“, schrieb er in den sozialen Medien.
Manche Experten sprechen sogar von einem Moment, der den Wahlkampf endgültig Richtung Opposition kippen könnte – zumal Orbáns Vorwurf nach hinten gehen könnte: Mehrere seiner sehr reichen Vertrauten stehen gerade selbst im Verdacht, Geld ins Ausland zu bringen. Hinzu kommen Enthüllungen über Berichte an den Kreml: Orbáns Außenminister Péter Szijjártó (47) hatte während EU-Gipfelpausen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow (76) telefoniert, um ihn auf dem Laufenden zu halten. Dies dementiert die Orbán-Regierung nicht einmal, sondern empört sich über das Abhören durch die EU-Partner.

„Lasst uns gegen den Krieg zusammenhalten“, steht auf diesem Wahlkampf-Plakat Orbáns. Daneben: ein Porträt von Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) mit der Überschrift „Gefahr“
Foto: AFP

Wahlfavorit Péter Magyar (45) auf dem Budapester Heldenplatz am Nationalfeiertag des 15. März
Foto: REUTERS
Opposition: „Orbán hat die Kontrolle verloren“
Oppositionschef Péter Magyar (45) von der Tisza-Partei ließ es sich nicht nehmen, den Vorfall auch auf Englisch in den sozialen Medien zu kommentieren. „Obwohl er mein politischer Gegner ist, ist es dennoch traurig mitanzusehen, wie der Premierminister mit seinen inneren Dämonen kämpft – ein gebrochener Mann“, schrieb er. Der Premier habe „die Kontrolle verloren“ und rede „wirres Zeug“. Niemand wolle eine pro-ukrainische Regierung, sondern bloß ein funktionierendes Land.
Umfragen sehen Magyar für die Parlamentswahl am 12. April weit vorn. Damit droht der Machtverlust für die Fidesz-Partei, die seit 2010 ununterbrochen mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament regiert. Orbán setzt im Wahlkampf voll auf eine anti-ukrainische Rhetorik und schürt die Angst davor, dass Ungarn in den Ukraine-Krieg hineingezogen werden könnte. Die Opposition um Péter Magyar wiederum warnt, der Regierungskurs könne zum Ausschluss Ungarns aus der EU führen. Außerdem spricht sie schwerpunktmäßig von der Korruption der Orbán-Regierung.