Es war am 5. April 1999, als ich Martha Argerich zum ersten Mal live spielen hörte. Dass der Abend unvergesslich wurde, entschied sich aber schon eine Minute vor dem ersten Ton.

Das Festival „OsterKlang Wien“ hatte die Pianistin im Brahms-Saal des Musikvereins angekündigt – natürlich nicht allein. Denn die Zeit ihrer reinen Soloauftritte war damals schon vorbei. Ohne den geringsten menschlich-musikalischen Beistand einen Abend auf dem Podium zubringen? Ein Gräuel! Aber zusammen mit Freunden, das ging und geht jederzeit.

Alexandre Rabinovitch gehörte jahrelang zu ihren bevorzugten Partnern auf dem Podium wie im Aufnahmestudio. Für den ersten Teil waren Olivier Messiaens grandiose „Visions de L’Amen“ für zwei Klaviere angekündigt – er mit dem Primo-, sie mit dem Secondo-Part.

Nun gehören Auftrittszeremonien gewiss nicht zu Argerichs bevorzugten Momenten des Künstlerinnendaseins. So rasch es ihr möglich ist, eilt sie zum Flügel, um endlich anzufangen. Und so war sie auch diesmal im Nu sprungbereit, wollte endlich den ersten Akkord spielen.

Doch er? Alexandre Rabinovitch musste erst umständlich seinen Hocker zurechtrücken und ihn einsitzen. Als es endlich schien, er sei zufrieden, signalisierte sie sofort wieder ihre Bereitschaft. Doch nun schien er erst recht unzufrieden, begann herumzuschrauben und die Sitzhöhe zu verstellen. Argerich nahm nochmals die Hände von den Tasten. Und ihr ironisches Augenrollen, durch ein sanftes Lächeln abgemildert, amüsiert mich noch heute.

Zeitsprung, Szenenwechsel. Ein Reel auf Instagram zeigt einen Burschen in Leiberl, kurzen Hosen und Badeschlapfen. So weit, so gewöhnlich – aber: Er sitzt am Klavier, Orchester und Dirigent hinter sich. Zusammen probt man den irrlichternden Prestissimo-Teil aus dem zweiten Satz von Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert. Und wie! Diese stupende Lockerheit der Hände und Finger, dieser ballettgleiche Tanz über die Tasten – das kennt man doch? „davidchen.official“ heißt der Account, doch was wie eine Koseform wirkt, ist doch der volle Name des jungen Mannes, Jahrgang 2008: David Chen heißt der mittlerweile international gefragte junge Pianist. Er ist der Sohn des Komponisten Vladimir Sverdlov-Ashkenazy und der Bratscherin und Juristin Lyda Chen-Argerich. Also Martha Argerichs Enkel.

Argerich als Kind, Argerich und die Kinder: ein enorm weites Betätigungsfeld für biographische und küchenpsychologische Untersuchungen. „Argerich – Bloody Daughter“ (2012), die Doku, die ihre jüngste Tochter gedreht hat, die Regisseurin und Produzentin Stéphanie Argerich, holt einiges aus der Vergangenheit der großen Pianistin und ihrem Familienleben ans Licht. Einem Familienleben, das sich überwiegend in einer chaotisch-bohèmienhaften Musiker-WG in einem großen, ehemaligen Waisenhaus in Genf abspielte, mit wechselnden Partnern, vielen hier absteigenden Freunden und Kolleginnen, zwei der drei Töchtern, vier Klavieren, 18 Katzen – und ohne die Kindsväter.

Schon ihre eigene Kindheit verlief ungewöhnlich. 1941 in Buenos Aires geboren, gewann das Wunderkind bald namhafte internationale Wettbewerbe und studierte auch in Wien bei Friedrich Gulda, einem Mentor und lebenslangen Freund, nachdem ihre Familie 1955 nach Europa gegangen war.

Doch dann kam der gefürchtete Knick. Von Selbstzweifeln gequält, wollte sie mit Anfang zwanzig das Klavier durch die Schreibmaschine einer Sekretärin ersetzen. Außerdem wurde sie schwanger. Die Ehe mit dem werdenden Vater, dem chinesischen Dirigenten Robert Chen, war aber schon nach wenigen Wochen wieder vorbei – ihrer Erinnerung nach, weil sie barfuß Brotkrümel mit ins Ehebett gebracht habe. Die Tochter Lyda kam in Genf zur Welt und wuchs bei ihrem Vater auf.

Martha aber gelang ein glänzender pianistischer Neuanfang, besiegelt durch den 1. Preis beim Chopin-Wettbewerb 1965. Aus ihrer fünfjährigen Ehe mit dem Dirigenten Charles Dutoit stammt die zweite Tochter, die Schauspielerin Annie. Mit dem Pianisten Stephen Kovacevich, dem Vater ihrer dritten Tochter, war sie nicht verheiratet. Per Los entschieden die Eltern, von wem ihr Kind den Vornamen und von wem den Nachnamen bekommen sollte: Stéphanie Argerich.

Einer, der Martha Argerich als Mensch und Künstlerin schon sehr lang kennt und liebt, ist der Pianist und Kulturmanager Rico Gulda, Friedrich Guldas Sohn aus zweiter Ehe. „Einerseits ist sie eine extrem treue Seele: Mit ihren langjährigen musikalischen Partnern würde sie bis zum jüngsten Tag auftreten. Andererseits war und ist sie immer von jungen Leuten umgeben und aufrichtig begeistert vom Talent vieler junger Pianistinnen und Pianisten. Sie unterrichtet ja nicht, aber fördert sie durch Einladungen zu ihren Festivals und gemeinsame Auftritte. Aus diesen Begegnungen zieht sie auch immer neue Energie, sie interessiert sich für Klatsch und Tratsch, für wer mit wem, für alles.“ Mit Rico und seinem älteren Halbbruder Paul Gulda hat sie etwa Mozarts Konzert für drei Klaviere KV 242 aufgeführt. Aber nicht mit ihr in der führenden Rolle: „Nein, Paul musste das 2. Klavier spielen, weil das technisch am anspruchsvollsten ist, ich das 1., und sie selbst begnügte sich mit dem einfachsten, dem 3.“

„Als junger Pianist denkst du: Gott, wie werden die Proben sein, bin ich gut genug?“, erzählt Rico Gulda. „Und dann kommt sie – und ist herzallerliebst und anpassungsfreudig, völlig egobefreit und fern von Karrieredenken. Wenn sie sich mit zu vielen Auftritten mit jungen Leuten übernommen hat und eine Pause braucht, dann kann es sein, dass sie auch der Carnegie Hall absagt. Da gibt es keinerlei Dünkel.“

Eine Geschichte ist ihm in besonderer Erinnerung. Es war 1990, Martha Argerich spielte im Musikverein mit Claudio Abbado Ravels G-Dur-Konzert. Für danach war ein großer Tisch bestellt. „Aber man muss wissen, dass Martha extrem langsam zu Fuß ist. Immer bleibt sie im Gespräch stehen, legt den Kopf schief, denkt nach. Deshalb sind wir, also sie, ihre Tochter Annie und ich, erst mit erheblicher Verspätung ins Lokal gekommen. Mischa Maisky und Gidon Kremer waren da, natürlich Dr. Angyan vom Musikverein und der Produzent der DG. Sie hatten ihr einen Platz freigehalten, gegenüber von Claudio. Aber anstatt sich hinzusetzen, hat sie sich etwas hilflos und verlegen umgesehen, und meinte schließlich: ‚No, I want to sit with the children.‘ Und dann“, schmunzelt Rico Gulda, „haben wir uns an einen eigenen Tisch gesetzt. Und alle fünf Minuten kam jemand von den Granden zum Plaudern zu ihr.“