Weniger Zuckerkonsum, sinkende Preise und gestiegene Kosten: Rübenbauern und Zuckerkonzerne stehen unter Druck.
Der europäische Zuckermarkt ist in den vergangenen Jahren unter Druck geraten. Ein Verfall der Zuckerpreise, steigende Produktionskosten sowie veränderte Konsumgewohnheiten haben Landwirten sowie Zuckerkonzernen kräftig zugesetzt. In Österreich ist neben den Rübenbauern vor allem der Lebensmittelkonzern Agrana betroffen, der mit Einsparungen in seiner Zuckersparte und einer neuen strategischen Ausrichtung reagierte.
Die schwierigen Marktbedingungen spiegeln sich zunächst in der Entwicklung des Zuckerpreises wider. Nach rezenten Angaben von europäischen Branchenvertretern sind die Preise von Ende 2023 bis Ende 2025 um 38 Prozent gefallen, nachdem es im Zuge der Ukraine-Krise zu einem Hoch gekommen war. Der Preisdruck schlägt auf die Erzeugerpreise für die Rübenbauern durch, da diese unmittelbar vom erwarteten Zuckerpreis abhängen, wie Wifo-Agrarökonom Franz Sinabell im Gespräch mit der APA erklärte.
Laut dem österreichischen Rübenbauernbund sind es allerdings nicht nur sinkende Preise, die den Bauern zu schaffen machen: Seit dem Jahr 2005 seien die Produktionskosten um 64 Prozent gestiegen und stünden damit in keinem Verhältnis mehr zu den bäuerlichen Erträgen, sagte Präsident Ernst Karpfinger zur APA.
Einen wesentlichen Einschnitt hatte zuvor die EU-Zuckermarktreform im Jahr 2017 gebracht. Damit fielen die Mindestpreise für Zuckerrüben sowie die Quotenregelung für die Zuckerproduktion weg. In der Folge fuhren viele europäische Konzerne ihre Erzeugung hoch, was eine strukturelle Überversorgung des Marktes zur Folge hatte und ein Grund für die fallenden Preise war.
Hinzu kamen laut Karpfinger diverse Handelsabkommen und der Abbau von Zollschranken, etwa mit der Ukraine. Waren die zollfreien Einfuhren in die EU aus dem Land vor dem Krieg auf 20.000 Tonnen pro Jahr begrenzt, wurden die Kontingente zwischenzeitlich deutlich erhöht und zuletzt auf 100.000 Tonnen pro Jahr festgelegt. Derartige Importvereinfachungen hätten zur aktuell schwierigen Situation am Markt beitragen, sowohl preislich als auch mit Blick auf die Mengen. In vielen Ländern könne schlicht günstiger produziert werden als hierzulande oder in anderen Teilen Europas, so Karpfinger.
Die Liberalisierung des Marktes und ihre Folgen sowie die geringeren Zuckerpreise in den vergangenen Jahren machten freilich auch vor den Zuckererzeugern nicht Halt. In der industriellen Verarbeitung sind seit 2022 für diese zusätzlich die gestiegenen Energiekosten hinzugekommen. „Das sind mit die Gründe, warum in Europa in den vergangenen Jahren ein Zuckerwerk nach dem anderen geschlossen wurde“, ordnete Sinabell ein. Auch bei der Agrana kam es mit der Schließung der Standorte in Leopoldsdorf im Marchfeld sowie Hrušovany in Tschechien im vergangenen Jahr zu einer Restrukturierung. In Österreich kostete das rund 120 Mitarbeitern ihren Job.
Die Zukunft des Agrana-Zuckerwerks in Tulln und damit des letzten verbliebenen Zuckerwerks hierzulande stehe aber weiter und trotz der Einsparungen in der Zuckersparte nicht zur Disposition, betonte Agrana-CEO Stephan Büttner am Rande eines Medientermins in Paris. Zuletzt hatte sich die Agrana mit dem Rübenbauernbund auch auf ein neues Preismodell für den Zuckerrübenanbau bis 2029 geeinigt.
Die Schließung des Standorts in Leopoldsdorf verteidigte Büttner. Zucker sei angesichts des rückläufigen Markts und der Überversorgungslage schlicht „kein Wachstumsbusiness“ mehr. In der Agrana liegt der Fokus mit einer neuen Strategie mittlerweile auf der profitablen Sparte Food & Beverage Solutions (FBS), die unter anderem Fruchtzubereitungen umfasst.
Ein weiterer wesentlicher Grund für die Entwicklungen am Zuckermarkt ist der Trend hin zu weniger Zuckerkonsum bzw. einer gesundheitsbewussteren Lebensweise – laut Büttner ein Phänomen, das in ganz Europa zu beobachten ist. Das bestätigt Josef Domschitz vom WKÖ-Fachverband der Lebensmittelindustrie: Neben der Marktlage dürfe man die Konsumentenseite nicht außer Acht lassen, wo sich auch in Österreich viel getan habe. Hierzulande ging laut Daten der Statistik Austria der jährliche Zuckerverbrauch pro Kopf von 1994 bis 2024 von 41 kg auf rund 28,7 kg zurück.
Begleitet wird der Wandel von gesundheitspolitischen Organisationen wie SIPCAN, die sich für eine gesundheitsfördernde Ernährung einsetzen. Deren Sprecher, Manuel Schätzer, verwies gegenüber der APA etwa auf Limonaden, wo der Zuckergehalt in den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten mit einigen Ausnahmen deutlich reduziert worden sei. Dabei ziehe in Österreich auch der Lebensmittelhandel sowie die öffentliche Verwaltung im Schulbereich mit. „Wir bemühen uns, die gesündere Wahl zur leichteren zu machen. All das kann geschehen, ohne dass die Süße künstlich kompensiert wird“, betonte Schätzer. Ziel der Organisation, die etwa die „Zucker-Raus-Initiative“ von Spar wissenschaftlich begleitet, sei, den Menschen die Vorteile eines gesundheitsbewussten Lebensstils näherzubringen. „Und das ohne Zeigefinger, ohne Verbote, ohne Bevormundung.“ (APA)
Lesen Sie mehr zu diesen Themen: