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In dieser Woche schaut die Welt Richtung Mond. Denn am Mittwoch öffnet sich das mögliche Startfenster für die Mission „Artemis 2“, die unseren Trabanten umrunden soll. Es wäre der erste bemannte Mondflug seit Apollo 17 im Jahr 1972.
Gleichzeitig stellt die Nasa ihre Mondstrategie um – und die geplante Raumstation „Gateway“ vorerst ein. An ihr wäre – wie auch bei Artemis 2 – Europa beteiligt. BILD sprach in München mit ESA-Chef Josef Aschbacher (63) darüber, wie es weitergeht.
BILD: Mit Artemis 2 steht Anfang April der erste astronautische Mondflug seit 1972 bevor. Welche Rolle spielt Europa bei dieser Mission?
Dr. Josef Aschbacher: „Das Programm ist enorm wichtig für Europa. Wir liefern das European Service Module (ESM), das wir mit vielen Industriepartnern in Europa bauen. Ohne dies könnten die Astronautinnen und Astronauten nicht zum Mond fliegen und wieder zurückkehren. Wir stellen den Antrieb, die Sauerstoffversorgung und die Temperaturregelung bereit.“
Auch ein deutscher Astronaut soll im Rahmen dieser Mission zum Mond fliegen. Wer entscheidet darüber?
Aschbacher: „Das machen wir gemeinsam mit den USA. Die Flüge werden Europa von der Nasa zugeteilt. Die Auswahl der Astronautinnen und Astronauten liegt anschließend bei mir. Das ist eine große Verantwortung. Ich hatte angekündigt, dass der erste der drei zugesagten Flüge an eine deutsche Staatsbürgerin oder einen deutschen Staatsbürger gehen wird. Wer das ist, kann ich noch nicht sagen.“

Die ESA-Astronauten Matthias Maurer (l.) und Alexander Gerst sind zwei Kandidaten für einen Flug zum Mond
Foto: Lars Berg
BILD: Die Nasa hat ihre Pläne für die Raumstation Gateway ausgesetzt – ein Projekt, an dem auch Europa beteiligt ist. Hat Sie diese Nachricht überrascht?
Aschbacher: „Ja und nein. Natürlich haben wir darüber bereits vorher diskutiert. Jetzt ist eine neue Situation entstanden, die wir neu bewerten müssen. Ich habe meine Teams bereits beauftragt zu analysieren, welche Investitionen gemacht wurden und wie sie künftig genutzt werden können. Ich beabsichtige, bis zur ESA-Ratssitzung im Juni einen Plan vorzubereiten, den wir anschließend auch öffentlich vorstellen und umsetzen können.“
Was steckt hinter der Entscheidung der Nasa?
Aschbacher: „Die Nasa hat von Präsident Trump den Auftrag bekommen, noch vor Ende 2028 wieder mit Astronautinnen und Astronauten auf dem Mond zu landen und dort ein Ökosystem aufzubauen. Dazu gehören Rover, Energiegewinnung, Ressourcen-Nutzung, Kommunikation, Navigation und weitere zentrale Infrastrukturen auf der Mondoberfläche. Der Wettbewerb zwischen den USA und China spielt eine zentrale Rolle für die strategische Neuausrichtung der amerikanischen Mondarchitektur.“

Chefreporterin Christin Wahl nach dem BILD-Interview mit ESA-Chef Josef Aschbacher
Foto: BILD
Heißt das auch, dass für Europa der Traum vom Mond erst einmal ausgeträumt ist?
Aschbacher: „Ganz im Gegenteil. Der Fokus verlagert sich stärker auf die Mondoberfläche – und genau dort ist Europa bereits aktiv. ESA-Projekte wie Moonlight (Kommunikations- und Navigationssystem, d. Red.) oder Argonaut (Mondtransporter-Programm, d. Red.) befinden sich seit Jahren in der Entwicklung. Das passt genau zur Philosophie, die jetzt vorgestellt wurde.“
Ist es angesichts der „Gateway“-Entscheidung nicht an der Zeit, über eine Raumfahrt-Allianz, ohne die USA nachzudenken?
Aschbacher: „Diese Erweiterung unserer Partnerschaften betreibe ich bereits seit mehreren Jahren. Wir arbeiten sehr eng mit Japan zusammen, ebenso mit Kanada. Darüber hinaus bestehen Kooperationen mit Australien, Südkorea, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren Ländern. Viele dieser Partner suchen aktiv die Zusammenarbeit mit uns, weil wir technologisch sehr gut sind und zuverlässig liefern. Die ESA ist sehr beliebt und attraktiv als internationaler Partner.“
Raumfahrt spielt heutzutage auch in anderen Bereichen eine große Rolle. Sie ist Teil unserer kritischen Infrastruktur geworden. Wie abhängig sind wir dabei noch von amerikanischen Systemen und privaten Anbietern wie SpaceX?
Aschbacher: „Europa verfügt in mehreren Bereichen über sehr starke eigene Systeme und Unabhängigkeiten. In anderen Bereichen haben wir noch Abhängigkeiten.“

Die Trägerrakete „Spectrum“ von Isar Aerospace am Weltraumbahnhof Andøya. Am 25. März 2026 musste der Start in letzter Sekunde abgebrochen werden
Foto: Isar Aerospace
Was würde passieren, wenn zentrale Satellitensysteme plötzlich ausfallen würden?
Aschbacher: „Das hätte gravierende Folgen. Navigation würde ausfallen, Kommunikation wäre stark eingeschränkt. Selbst Bargeldabhebungen, Kartenzahlungen oder Börsengeschäfte wären betroffen. Auch Wettervorhersagen wären massiv beeinträchtigt. Unser Alltag hängt heute stark von Satellitentechnologie ab. Deshalb ist es so wichtig, hier weiter zu investieren und Innovationen voranzutreiben.“
Welche Rolle spielt Raumfahrt für die Sicherheit Deutschlands?
Aschbacher: „Ohne Raumfahrt gibt es heute keine Sicherheit und Verteidigung mehr. Als ESA entwickeln und nutzen wir Raumfahrttechnologien, um Sicherheits- und Verteidigungsakteure unserer 23 ESA-Mitgliedsländer und der EU zu unterstützen – und die Widerstandsfähigkeit Europas insgesamt zu stärken.“
Der gebürtige Österreicher Josef Aschbacher steht seit März 2021 an der Spitze der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit Sitz in Paris. Er studierte Naturwissenschaften an der Universität Innsbruck und schloss mit Master und Doktortitel ab. Seit mehr als 35 Jahren arbeitet er in der Raumfahrt. Als Generaldirektor verantwortet Aschbacher Europas zentrale Raumfahrtprogramme. Er führt rund 5500 Beschäftigte an mehreren europäischen Standorten und verwaltet einen Jahreshaushalt von rund sieben Milliarden Euro.