Virenfahndung in Darmkeim-Proben

Bekannt ist bereits, dass unsere Darmflora auch Milliarden Viren umfasst. Diese Viren befallen jedoch nicht uns, sondern sind auf Bakterien als Wirte spezialisiert. Ein solcher Bakteriophagen-Befall kann Verhalten und Physiologie eines Darmkeims verändern – und könnte ihn so zu einem potenziellen Darmkrebs-Auslöser machen. 

Ob das auch bei Bacteroides fragilis der Fall ist, haben Damgaard und sein Team zunächst bei 583 Patienten untersucht, die eine schwere Infektion mit diesem Bakterium durchlebt hatten. Ein Teil dieser Patienten entwickelte wenige Wochen später Darmkrebs. Die Forschenden analysierten Bakterienproben, die den Testpersonen während ihrer Infektion entnommen worden waren. Dabei suchten sie in der DNA der Isolate auch nach Spuren von Viren.

Befall mit zuvor unbekannten Bakteriophagen

Das Team wurde fündig: Bei den Patienten, die nach ihrer Infektion Darmkrebs entwickelten, zeigten sich genetische Spuren von zwei unbekannten Bakteriophagen, FU und ODE getauft. „Diese gehören zu zwei verschiedenen, bisher unbekannten Familien der Virenklasse der Caudoviriceten“, berichten Damgaard und seine Kollegen. Beide Bakteriophagen kamen in den Bacteroides-fragilis-Proben signifikant häufiger vor als bei den nicht an Krebs erkrankten Testpersonen.

„Dies lieferte uns einen konkreten Ansatzpunkt, den wir anschließend in größeren Datensätzen prüfen konnten“, erklärt Damgaard. „Es war uns wichtig zu prüfen, ob sich der Zusammenhang auch in völlig unabhängigen Daten reproduzieren lässt.“ Dafür analysierten er und sein Team Genomdaten aus Stuhlproben von 877 Personen mit und ohne Darmkrebs aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Japan, China und den USA.

Tatsächlich fanden sich auch in diesen Proben die beiden unbekannten Viren – wieder vornehmlich bei den Darmkrebspatienten. „Patienten mit Darmkrebs hatten doppelt so häufig detektierbare Mengen des Bakteriophagen FU oder beider Bakteriophagen. Sie hatten zudem 1,7-mal häufiger den Bakteriophagen ODE als die Kontrollgruppe“, berichten die Forschenden. „Unsere Studie ist damit die erste, die eine Darmkrebs-spezifische Wechselwirkung eines Bakteriums mit Viren identifiziert.“

Bacteroides fragilisDurch Virenbefall könnte Bacteroides fragilis zum Darmkrebs-Auslöser werden, hier die angefärbten Bakterien unter dem Mikroskop. © CDC/ V.R. Dowell
Korrelation oder Kausalität?

Allerdings: Noch handelt es sich hier um eine Korrelation – ein auffälliges Zusammentreffen von Darmkrebs und virenbefallenen Darmbakterien. „Wir wissen noch nicht, ob das Virus eine ursächliche Rolle spielt oder lediglich ein Anzeichen dafür ist, dass sich etwas anderes im Darm verändert hat“, sagt Damgaard.

Es gibt aber einige Indizien für einen kausalen Zusammenhang. Denn Laborversuche haben bereits gezeigt, dass ein solcher Virenbefall die Aktivität von mehr als 100 Genen bei Bacteriodes verändert. „Diese sogenannte lysogenische Konversion verändert die Physiologie des infizierten Bakteriums. Im Kontext von Darmkrebs könnten diese phänotypischen Veränderungen auch das krankmachende Potenzial der Bakterien verändern“, mutmaßen Damgaard und sein Team.

Weitere Versuche laufen

Ob das der Fall ist, erforschen die Wissenschaftler in weiteren Laborversuchen. „Wir kultivieren mit den Viren infizierte Bacteroides fragilis in einem künstlichen Darmmodell, um zu untersuchen, wie Darmgewebe, Virus und Bakterium miteinander interagieren“, berichten die Forschenden. Außerdem sind Versuche mit Mäusen geplant, deren Darmflora gezielt mit den Bakteriophagen versetzt wird.

Sollte sich der Zusammenhang bestätigen, könnten die neu identifizierten Viren auch helfen, Menschen mit erhöhtem Darmkrebsrisiko zu identifizieren. In ersten Tests gelang es Damgaard und seinen Kollegen bereits, mithilfe dieser Virus-Sequenzen rund 40 Prozent der Darmkrebsfälle anhand von Stuhlproben zu identifizieren. (Communications Medicine, 2026; doi: 10.1038/s43856-026-01403-1)

Quelle: University of Southern Denmark, Communications Medicine







23. Februar 2026

– Nadja Podbregar