Sie schenken Fans noch einmal die großen Songs, die passende Show und das Schwelgen in Erinnerungen: Tribute-Bands sorgen für volle Hallen. Manche werden sogar von den Originalen bewundert.
Wer Gott zum Lachen bringen möchte, trägt am besten eine rote Lackhose. Die glitzert, zum Beispiel von einer Bühne, bis weit in die hinteren Reihen. Der Berliner Frank Schröder liebt seine rote Lackhose. Er springt in ihr umher und singt „Start Me Up“, einen Song der Rolling Stones aus dem Jahr 1981, der nicht weniger plakativ wirkt wie die alarmierende Hose Schröders.
Das Lied besteht im Grundmuster nur aus den Dur-Akkorden C, F und B. Ein wunderbar simpler Auftakt für das gut besuchte Konzert auf einer Bühne im Berliner Ortsteil Biesdorf, und die Zuschauer können sich ganz auf Schröder und seine rote Lackhose konzentrieren. Er ist Sänger von Ed Stone, der angeblich besten Rolling-Stones-Tribute-Band Deutschlands – und das ist vor allem sein Verdienst.
Schröder singt nämlich nicht nur wie Mick Jagger, er bewegt sich auch so. „Ich gehe da sehr humorvoll ran“, sagt der 61-Jährige. „Ach was: Ich verscheißere mich selbst.“ Er muss lachen, als er das sagt. „Wenn wir auftreten, feiern wir eine große Party und haben selber viel Spaß dabei.“ Zu oft habe er Tribute-Bands gesehen, die versuchen würden, die Originale komplett zu kopieren – sogar außerhalb der Bühne. „Das finde ich albern“, sagt Schröder, der hauptberuflich Standesbeamter war und sich kürzlich vorzeitig pensionieren ließ. „Wir machen unser eigenes Ding“, und das kommt an. Seit ihrer Gründung vor 27 Jahren sind Ed Stone schon im Vorprogramm von Veteranen wie Uriah Heep, Saxon und den Puhdys aufgetreten, beim Sommerfest der IG Metall spielten sie vor 10.000 Zuschauern.
Nicht wenige Musiker glauben, erkannt zu haben, dass die Zeit nach den Originalen ihre Zeit werden könnte. Viele Idole, die ihre größten Erfolge in den 60er- oder 70er-Jahren feierten, sind inzwischen zu alt zum Touren oder längst in den Rock’n’Roll-Himmel aufgefahren. Und so füllen Tribute-Bands die Lücke, die ihre Vorbilder hinterlassen. Ein Trend, der laut Schröder nicht von ungefähr kommt. Die meisten Künstler stünden irgendwann vor der Frage: Weiter die eigene Musik spielen oder lieber die Hits anderer? „Finanziell lukrativer ist die zweite Variante“, sagt er. „Tribute ist die sicherere Sache. Davon wirst du zwar nicht reich, aber du machst definitiv mehr Geld als mit deinen eigenen Stücken.“ Der Unterschied zur Cover-Band: Es wird kein bunter Oldie-Mix nachgespielt, sondern bewusst nur eine Band imitiert, oft handelt es sich dabei um die Lieblingsband der beteiligten Musiker. Wobei eingefleischte Fans ein detailgetreues Abziehbild des Originals erwarten. Da wird alles am Vorbild gemessen – Optik wie Sound.
Derzeit auf Tour: Kopien von Abba, Pink Floyd und Genesis
Tribute-Bands, bei denen die Vorbilder nicht mehr auftreten, stehen deutlich höher im Kurs bei den Fans. Ed Stone haben es da nicht einfach, denn trotz ihres biblischen Rock’n’Roll-Alters denken Mick Jagger und Keith Richards, beide 82, nicht an den Ruhestand. Ein neues Album sei in Produktion, heißt es aus dem Umfeld der Band. Allerdings musste eine geplante Stadion-Tour durch Europa abgesagt werden, weil die Arthritis von Keith Richards das nicht mehr zulässt. Dafür touren derzeit die Beatles, Pink Floyd, Fleetwood Mac, Genesis, Abba und die Bee Gees durch Deutschland. Als Kopie, versteht sich. Sie heißen inzwischen Brit Floyd (Pink Floyd), The Musical Box (Genesis) oder The Fab Four (Beatles).
Der Markt für Tribute-Shows ist auch deshalb ein wachsendes Segment, weil sie für Veranstalter ein geringes finanzielles Risiko bei hoher Anziehungskraft fürs Publikum bieten. Als populärste deutsche Tribute-Bands gelten derzeit The Robbie Experience (Robbie Williams), Bounce (Bon Jovi), Vier Gewinnt (Fanta 4) und vor allem das Rammstein-Double Stahlzeit. Mit bis zu 80 Shows im Jahr zählen die Nürnberger zu den meistgebuchten Tribute-Bands des Landes. Mit Flammenwerfern, Funkenregen und Explosionen werden die spektakulären Bühneneffekte von Rammstein detailgenau nachempfunden. Der brachiale Sound klingt wie beim Original, und Sänger Helfried „Heli“ Reißenweber ist stimmlich sehr nah an Vorbild Till Lindemann.
Tribute ist die sicherere Sache. Damit wirst Du zwar nicht reich, aber du machst definitiv mehr Geld als mit deinen eigenen Stücken.
Anders als viele andere Tribute-Musiker ist Reißenweber nicht unbedingt aus Liebe zur Band in seine Rolle gewachsen. Als Jugendlicher stand er mehr auf typischen 80er-Jahre-Poprock wie Supertramp und Toto. Musik gemacht hat er irgendwie immer, erzählt er. Mit anderen Musikern nahm er sogar zwei Alben auf, dann ging das Geld aus. Sie hielten sich mit Auftritten in kleineren Clubs über Wasser, bauten immer mehr Cover-Songs in ihr Programm ein, weil sich Veranstalter ein abendfüllendes Programm wünschten. Eines Tages sagte jemand, er würde klingen wie Lindemann, also spielten sie testweise den Rammstein-Song „Du hast“ – „und den Leuten gefiel das sehr“, erinnert sich Reißenweber.
Eigentlich ist Reißenweber gelernter Landmaschinen-Mechaniker. Er arbeitete aber auch schon als Lkw-Fahrer und besaß eine Kneipe. Die gab er schließlich für das Projekt Stahlzeit auf. Sein Motto: „Wenn ich so etwas mache, dann mache ich es richtig.“ Also begann er, mit Freunden Feueranlagen zu bauen. „Den Lichtmann haben wir mal eben zum Pyrotechniker umfunktioniert“. Finanziell mussten sie in große Vorleistung gehen.
Heute ist das anders: Stahlzeit erreicht ein Publikum, von dem viele Bands nur träumen können, die mit ihren eigenen Songs unterwegs sind. Zuletzt spielten sie vor mehr als 4000 Zuschauern in der Porsche-Arena in Stuttgart. In Berlin ist das Tempodrom für sie gebucht, das bis zu 4200 Besucher fasst. Sie kommen dann mit vier 40-Tonnern voller Equipment und einer gigantischen Licht- und Pyroshow. Der Eintritt kostet bis zu 60 Euro. Das klingt viel, aber die Fixkosten liegen im sechsstelligen Bereich. Etwa 70 Leute sind mit einem Stahlzeit-Konzert beschäftigt: „36 gehören zu unserer Crew, 34 kommen örtlich noch dazu“, sagt Reißenweber. Das muss bezahlt werden.
Auch Tantiemen an die Originalmusiker gehören zu den festen Kosten. Rammstein bekommt das, was sonst die GEMA erhalten würde. „Für mich ist das mehr als okay, es sind schließlich ihre Songs“, sagt Reißenweber. Längst kann er von der Musik leben. „Ich verdiene mehr, als wenn ich noch Lkw-Fahrer wäre“, sagt er. „Reich werde ich davon aber nicht. Ich bin kein Millionär, das schwöre ich.“ Reißenweber bemüht sich, auf der Bühne nicht krampfhaft wie Till Lindemann zu wirken. „Ich habe ein bisschen meine eigene Personality eingebaut, das gibt mir ein besseres Gefühl“, sagt er. Seine Stimme ist ein wenig tiefer als die Lindemanns. „Ich singe so, wie ich es fühle. Wer versucht, eins zu eins das Original zu kopieren, läuft Gefahr, dass es zum Kasperletheater mutiert.“
Frauengruppen wollten Stahlzeit-Shows verbieten lassen
Wie eng der Zusammenhang zwischen Original und Kopie sein kann, bekamen Stahlzeit zu spüren, als Frauen Rammstein-Sänger Till Lindemann sexuelle Übergriffe vorwarfen und das durch die Medien ging. „Damals haben Frauengruppen auch bei uns versucht, Shows verbieten zu lassen“, sagt Reißenweber. „Draußen vor den Hallen gab es Demos.“ Für ihn sei das schwer nachvollziehbar gewesen, schließlich habe sich die Kritik nicht gegen die Musik von Rammstein gerichtet, sondern gegen die persönlichen Verfehlungen einzelner Bandmitglieder.
Reißenweber nennt das, was er und seine Mitstreiter tun, „eine Verneigung vor dem musikalischen Kunstwerk Rammstein“. So etwas hört die Original-Band gern. Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider sagt WELT: „Ich empfinde es als große Ehre, dass uns jemand detailgetreu nachempfindet. Dahinter stecken großer Aufwand und viel Arbeit. Ich gönne deshalb jeder Cover-Band ihren Erfolg.“ Schneider schaut sich selbst gern solche Bands an. „Ich habe mir schon mehrfach AC/DC- oder Led-Zeppelin-Cover-Bands angeguckt. Das hat mir richtig gut gefallen.“ Bei Rammstein-Doubles sei das ein bisschen anders. „Es ist ein komisches Gefühl, sich quasi selbst zu sehen“, sagt Schneider. Eine tolle Anekdote fällt ihm aus Südamerika ein: „Einmal spielte in Brasilien auf einer Party eine Cover-Band. Ich fand das so stark, dass sie Portugiesisch sprachen, aber unsere Lieder auf Deutsch gesungen haben, dass ich spontan bei einem Song mitgespielt habe.“
Den Jüngeren ist es egal, wer auf der Bühne steht
Von so einem gemeinsamen Moment träumen Tribute-Bands auf der ganzen Welt. „Heli“ Reißenweber hatte bislang nicht die Gelegenheit, ein Original-Bandmitglied zu treffen, geschweige denn, mit ihm gemeinsam zu spielen. Einmal, da wurde Stahlzeit vom Rammstein-Management nach Prag zum Konzert eingeladen. Zu einem Treffen kam es allerdings nicht. Dennoch, betont Reißenweber, habe er sich über die Jahre in diese Band verliebt. Auch deshalb möchte der 61-Jährige als Tribute-Sänger weitermachen, „bis mich keiner mehr will“. 20 Jahre ist das immerhin schon mehr als gut gegangen.
Tribute-Bands erfüllen die nostalgischen Bedürfnisse der älteren Fans, und jüngeren Hörern ist es ohnehin egal, wer da auf der Bühne steht. Hauptsache, es gefällt. Sie haben die Originale größtenteils nicht selbst erlebt. Zudem haben große Bands der 70er- und 80er-Jahre manchmal nur noch ein Originalmitglied, da ist der Sprung zur Tribute-Band gar nicht groß.
Beim Konzert von Ed Stone auf der Parkbühne Biesdorf hat Frank Schröder sich inzwischen umgezogen. Er trägt einen Frack mit Tigerstreifen, zieht ihn mit der Hand leicht hoch, dreht sich um und greift sich an den Hintern. Dann schwingt er den Po wie Mick Jagger im Takt von rechts nach links. Schröder spielt mit dem Publikum, auch das gehört zu einem guten Tribute-Performer. Es funktioniert, die Leute johlen.