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Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) – Deutschland bangt, hofft, betet: Schafft es Timmy, der in der Ostsee gestrandete Buckelwal, zurück in den Atlantik? Kann er gerettet werden? Und wird er überleben? Vor ein paar Hundert Jahren wäre Timmys Schicksal längst besiegelt. Damals galt so ein gestrandeter Wal als Glücksfall – und als eine Art Supermarkt.

Es wurde als ein göttliches Zeichen des Meeres betrachtet, wenn ein Wal sich verirrte und an Land getrieben wurde. „Königsfisch“ nannte man so ein Tier, denn wem es gehörte, war klar geregelt. So steht in der englischen Rechtsschrift „Prerogativa Regis“ (Königsvorrecht) aus dem 14. Jahrhundert: „Dem König stehen im gesamten Reich alle Wale und großen Störe zu, die im Meer oder an anderen Orten innerhalb des Reiches gefangen werden.“

Historische Gemälde zeugen davon, was mit den verendeten Meeressäugern passierte. In Chroniken ist zu lesen, wie ganze Dörfer tagelang bei bestialischem Gestank beim Zerteilen der Riesen halfen. „Die Einwohner eilen mit Äxten und Messern herbei, um den Speck abzutrennen, welcher in großen Pfannen zu Lampenöl verkocht wird“, schreibt ein Chronist aus Schleswig-Holstein im Jahr 1652. Und weiter: „Die Knochen werden als Zaunpfosten oder für Hausgeräte verwendet, da Holz in diesen Gegenden sehr teuer und knapp ist.“

Das Gemälde „Gestrandeter Wal“ von 1617 vom Niederländer Esaias van de Velde

Das Gemälde „Gestrandeter Wal“ (von 1617) des Niederländers Esaias van de Velde

Foto: Esaias van de Velde

Sogar Korsette wurden aus dem Wal gemacht

Professor Thomas Kaiser (64), Säugetier-Experte am Leibniz-Institut in Hamburg, erklärt: „Menschen an der Küste hatten früher kaum Rohstoffe. Das Fett des Wals war wichtig für Lampen und als Schmieröl.“ Besonders begehrt waren die Barten. Das sind Hornplatten, mit denen der Wal das Wasser nach Nahrung durchfiltert. Kaiser: „Man hat die Barten in Kleidungsstücken und Werkzeugen verarbeitet, die man heute aus Kunststoff oder Metall machen würde: Nadeln, Kämme, Korsette.“

Professor: „Kaum noch Hoffnung für Timmy“

Professor Kaiser hat allerdings keine große Hoffnung, dass es Timmy noch schafft. „Der hat sich verirrt, müsste eigentlich in den Atlantik zurückfinden. Dafür müsste er 700 Kilometer gen Norden nach Jütland, das ist schwer. Entweder kapiert er, dass die Menschen ihm helfen wollen. Und wenn er es nicht kapiert, kann man ihm leider nicht helfen.“

Der gestrandete „Timmy“ in der Wismarbucht

Der gestrandete Timmy in der Wismarbucht

Foto: Daniel Müller/Greenpeace Germany/dpa

In der Ostsee bekommt Timmy Hautprobleme

In der Ostsee habe Timmy seit langer Zeit nicht fressen können, weil er in dem Gewässer kaum Nahrung finde, er sei völlig entkräftet, so Kaiser. „Außerdem hat er Hautprobleme. Die Ostsee hat zu wenig Salz, dadurch quillt seine Haut auf.“ Kaisers Vermutung: „Er kann nicht mehr und ruht sich aus. Es ist alles leider ziemlich aussichtslos.“