Wir hatten in der Familie selten solche Streitereien wie dann, wenn wir Monopoly gespielt haben. Das begann mit hämischen Bemerkungen, ging über kostenloses Übernachten auf der teuren Schlossallee für manche Teilnehmer, für andere wiederum nicht, und endet spätestens bei der Zahlungsunfähigkeit eines der Kinder mit Wutgeheul.
Dabei war die ursprüngliche Idee von „The Landlord’s Game“, das Elizabeth Magie 1904 erfunden hat, die Gefahren des monopolistischen Landbesitzes aufzuzeigen. Aber es machte halt mehr Spaß, mit seinen Besitzrechten andere Mitspieler in die Insolvenz zu treiben.
Warum dieser Gedankenausflug? Weil wir uns in der kleinen Ortschaft Monopoli befinden, etwa 40 Kilometer südöstlich von Bari. Die „einzige Stadt“, wie die wörtliche Übersetzung lautet, wurde seit ihrer Gründung im 6. Jahrhundert von Normannen, Byzantinern und Staufern, Spaniern und auch den Habsburgern beherrscht. Heute ist es eine sympathische Hafenstadt mit einem kleinen alten Viertel, verwinkelten Straßen und hübschen, traditionell blau bemalten Booten. Die fast perfekte Komplementärfarbe zum gelben Transportmittel, das uns hierher gebracht hat: ein Lamborghini Temerario.
Monopoly in Monopoli – gespielt haben wir aber nicht, wir wollten nicht die gute Stimmung gefährden. Skarwan
Der Temerario ist der „Baby-Lambo“, das Einstiegsmodell in die Marke, sofern man bei einem Preis ab 410.000 (Nettopreis: 261.000 Euro, der Rest ist in Österreich Steuer, vor allem NoVA) von einem Einstiegsmodell reden kann.
Auch der Baby-Lambo ist, wie sein großer Bruder Revuelto, ein ausgewachsener Supersportwagen. Er kommt den 1000 PS nahe und beschleunigt aus dem Stand ebenso schnell auf 100 km/h wie ein Kampfflugzeug. Ein durchaus flottes Baby also.
Bei Lamborghini-Fans sorgt der Temerario aber gleich aus mehreren Gründen für Schnappatmung. Er ist nicht, wie es die Tradition vorsieht, nach einem berühmten Kampfstier benannt, sondern heißt einfach nur Temerario, was auf Deutsch so viel bedeutet wie waghalsig, tollkühn, verwegen, draufgängerisch.
Unter der Haube röhrt nicht mehr ein V10, sondern ein V8. Juergen Skarwan
Und er hat als Einstiegs-Lambo – jetzt geht die Schnappatmung über in einen kurzzeitigen Atemstillstand – einen V8-Motor. Ja, der V10-Saugmotor ist Geschichte. Kein aggressives Brüllen mehr, kein Kreischen bei hohen Drehzahlen, keine Zweitonmusik mehr aufgrund der Zündfolge (1-6-5-10-2-7-3-8-4-9). Der V10 hatte immer einen einzigartigen Klang, Auskenner haben den Gallardo Superleggera von 2008 zum am besten klingenden V10-Lamborghini der Geschichte gewählt.
Nicht, dass der Achtzylindermotor im Temerario schlecht klingen würde. Für Ohrensausen reicht es allemal, wenn man den Motor auf unglaubliche 10.000 Umdrehungen hochjagt. 10.000 Umdrehungen!! Mehr dazu später und auch mehr zum V8 später, übrigens nicht der erste Achtzylinder in der Geschichte der italienischen Sportwagenmarke.
Es gibt auch ein Radio im Temerario und eine gute Surroundanlage. Besser aber, man lauscht dem V8. Juergen Skarwan
Um den Temerario zu verstehen, muss man die Hierarchien von Sant’Agata Bolognese, der Heimatstadt von Lamborghini, kennen. Seit den 1960ern thronen die „Muttermodelle“ an der Spitze – die V12-Flaggschiffe, die wie Götter aus Carbon und Stahl verehrt werden. Den Anfang machte 1966 der Miura, der erste echte Supersportwagen der Welt mit einem quer eingebauten V12-Mittelmotor. Doch es war der Countach, der 1974 die Marke definierte und zur Ikone machte. Mit seinen dramatischen Scherentüren, der extremen Keilform und dem längs eingebauten V12 war er ein brachiales Statement. Der Countach war auch ein Biest: schwer zu fahren, unübersichtlich, ein Garant für Rückenprobleme.
Unaufmerksamkeit kann man sich am Lenkrad eines Lamborghini nicht leisten. Juergen Skarwan
Ferruccio Lamborghini erkannte früh, dass solche Fahrzeuge vielleicht als Poster in Jugendzimmern taugen und als aufsehenerregende Aushängeschilder der Marke. Wirklich viel Geld konnte man damit aber nicht verdienen, weil schlicht das Volumen fehlte. Die Marke brauchte eine Einstiegsdroge – ein Modell, das zwar die DNA des Countach hatte, aber zugänglicher, wirtschaftlicher und einfacher zu fahren war.
Und so entstanden der Urraco und später der Jalpa, die beiden ersten Modelle mit einem V8-Motor. Sie waren der Versuch, gegen den Ferrari Dino (mit einem V6-Motor!) und den Porsche 911 anzutreten und Lamborghini eine breitere finanzielle Basis zu verschaffen.
Was so alles über den engen Straßen mancher italienischer Dörfer schwebt … Juergen Skarwan
Ohne den Erfolg dieser kleineren Ableger hätte die Manufaktur die harten Jahre der Ölkrise wohl kaum überlebt.
Die Einstiegs-Lambos waren aber nicht weniger ikonisch. Der Gallardo etwa, entstanden schon unter der Regie von Audi (VW hat Lamborghini 1998 gekauft). Er war auch ein Wendepunkt in der gebeutelten Geschichte der Italiener. Der zuverlässige Supersportler mit dem neu entwickelten V10-Saugmotor wurde in den 2000er-Jahren zum Bestseller und machte Lamborghini zu einer Weltmarke. Dem folgte der Huracan, die Krönung des V10-Konzepts. Zehn Jahre lang definierte er den Sound und das Fahrgefühl der Klasse. Genauso wie sein großer Bruder, der Aventador, die Zwölf-Zylinder-Liga.
Mit diesem Auto darf man in Italien überall parken. Juergen Skarwan
Der Temerario ist jetzt die moderne Antwort auf diese jahrzehntelange Strategie. Er lässt dem V12-Flaggschiff Revuelto den Vortritt in Sachen Prestige, überholt es aber in der Kurve – jedenfalls technisch. Die zwei Elektromotoren an der Vorderachse des Temerario ermöglichen nämlich ein sogenanntes Torque Vectoring. Da jeder Motor ein Rad einzeln ansteuern kann, passiert in einer Kurve Folgendes: Das kurvenäußere Rad bekommt mehr Kraft zugeteilt, während das kurveninnere Rad sogar leicht abgebremst werden kann. Das drückt das Auto förmlich in die Kurve hinein und eliminiert Untersteuern. Der Wagen fühlt sich dadurch viel agiler an.
Der Drehzahlmesser zieht sich über die ganze Breite. Juergen Skarwan
Natürlich kann man über das Ende des legendären V10-Lamborghini klagen, über das Ende der Ära der reinen Sauger. Aber nur kurz, dann erfreuen wir uns schon an den technischen Daten des Temerario: ein doppelt aufgeladener 4,0-Liter-V8-Motor, der von drei Elektromotoren unterstützt wird (der dritte ist im Heck zwischen dem Motor und dem Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe integriert). Systemleistung: 920 PS. Und außerdem dreht er auf 10.000 Touren hoch. 10.000 Umdrehungen!!
Wir wiederholen uns, aber man muss das zwei Mal betonen. Solche Dimensionen kennt man sonst nur von Zweirädern oder aus der Formel 1. Beim Mitbewerber aus Maranello ist bei 9000 Umdrehungen Schluss, auch der Lamborghini Revuelto schafft nur 9500. Wie fühlt, vor allem wie hört es sich also an, wenn man einen Motor auf 10.000 Umdrehungen hochdreht?
Eine Klappe im Stil eines Jet-Fighter-Schalters, darunter verbirgt sich der Startknopf. Juergen Skarwan
Dafür verlassen wir das kleine Dörfchen, drehen den Fahrmodus auf Corsa und drücken das Gaspedal durch. Mit einem lauten, trockenen Bellen meldet sich der Achtzylinder zum Dienst. Wir kommen nicht aus dem zweiten Gang heraus, wenn wir nicht den Führerschein und einen Gehörschaden riskieren wollen. Der Temerario klingt nicht mehr wie ein Motor, er schreit und kreischt. Bei 100 km/h nähert sich die Nadel nicht annähernd dem roten Bereich. 120 bis 140 km/h sind im zweiten Gang möglich. Und weil der Temerario ein Achtganggetriebe hat, kommt man mit ihm theoretisch auf mehr als 340 km/h.
Wir kehren zurück nach Monopoli, in die einzigartige Stadt, mit der Monomacchina, dem einzigartigen Auto. Wir haben den Sportwagen wieder abgestellt, lauschen andächtig dem Knistern des abkühlenden Metalls und erkennen: Der Temerario ist ein wagemutiges Statement in einer Zeit, die oft zu vorsichtig geworden ist. 10.000 Umdrehungen pro Minute sind nicht einfach nur eine Zahl. Sie sind ein Versprechen, dass die Leidenschaft für das Automobil auch im Zeitalter der Stecker nichts von ihrer rohen Gewalt verloren hat.
Sehr viel schöner als der Temerario werden Autos in der Seitenansicht nicht mehr. Juergen Skarwan
»Der Temerario sorgt bei Fans gleich aus mehreren Gründen für Schnappatmung.«
Der Hochdreher
10.000 Umdrehungen pro Minute – das sind Dimensionen, in die sonst nur F1-Autos oder Zweiräder vordringen.
Name: Lamborghini Temerario
Motor: V8-Biturbo, drei E-Motoren
Hubraum: 3995,2 ccm
Systemleistung: 920 PS
Drehmoment: 730 Nm
0–100 km/h: 2,7 Sekunden
Preis: ab 410.000 Euro