Es sind bewegte Tage für Sultan Al Jaber. Vor dem Wochenende verurteilte der Chef von Abu Dhabis staatlichem Ölkonzern Adnoc die Sperre der Straße von Hormus durch den Iran noch als „ökonomischen Terrorismus“, der auch seinem Unternehmen die Lebensader abschneide. Am Dienstag verkündete er dann – mitten in den Kriegswirren – die Geburt des Petrochemie-Giganten Borouge Group International (BGI), das aus dem Stand auch Österreichs größtes Unternehmen werden wird.

Die Idee hinter dem Deal ist schon etliche Jahre alt: Die OMV-Kunststofftochter Borealis wird mit Borouge, einem Joint Venture von Borealis und Adnoc, sowie der kanadischen Nova Chemicals unter einem Dach verschmolzen. Am Ende steht der viertgrößte Polyolefin-Hersteller der Welt, der der Konkurrenz aus China und den USA Paroli bieten soll. Als CEO verantwortlich dafür ist der bisherige Nova-Chemicals-Chef Roger Kearns. Auch Borealis-Chef Stefan Doboczky kommt in den Vorstand.

Im Aufsichtsrat werden mit Alfred Stern und Rainer Seele in Zukunft gleich zwei ehemalige OMV-Chefs sitzen. Stern, der im August 2026 von der Spitze der OMV abtreten wird, erklärte am Dienstag zu dem Deal: „Wir lassen unsere Vision Wirklichkeit werden, einen globalen Polyolefin-Marktführer zu schaffen. Der Abschluss der Transaktion ist ein bedeutender Schritt für OMV.“ Mit dem Closing am Dienstag halten die Unternehmen ihren Zeitplan ein. Doch sie schicken den Hoffnungsträger BGI in einem denkbar heiklen Moment auf die Reise.

Aktuell ist die Produktion von Borouge in Abu Dhabi durch den Irankrieg noch nicht entscheidend gestört. Aber die Sperre der Straße von Hormus lastet dennoch auf den Zukunftsaussichten von BGI und der gesamten Petrochemiebranche. Denn die baut vor allem auf billige Rohstoffe. Doch vor allem die Versorgung mit Erdöl ist derzeit alles andere als sicher und kostengünstig. Die Folge: Der Markt, in dem BGI in den kommenden Jahren stark wachsen wollte, wird bis mindestens 2028 schwer belastet sein, erwartet die Ratingagentur S&P.

Aus diesem Blickwinkel erscheint es nur logisch, dass BGI vor wenigen Tagen auch den für heuer geplanten Börsengang an der Abu Dhabi Securities Exchange abgesagt und auf 2027 verschoben hat, wenn auch die Bewertungen für Chemiekonzerne vielleicht wieder besser aussehen. Nebeneffekt für die OMV-Aktionäre: Die neue Kunststoff-Tochter muss ihre Kapitalstruktur stärken und wird heuer nur die Hälfte der geplanten Dividende ausschütten.

Dass der Zusammenschluss strategisch sinnvoll ist, steht bei Branchenkennern außer Frage: Kein anderer Polyolefin-Hersteller könne günstiger produzieren als Borouge. Borealis bringe einen großen Patentschatz mit ein und die kanadische Nova Chemicals sichert zudem den Zugriff auf reiche Gasvorkommen im politisch vergleichsweise stabilen Nordamerika. Lediglich die Raffinerie in Schwechat ist auf Rohöl als Basis angewiesen. Ansonsten produziert BGI aus Erdgas, das lokal beschafft werden kann. In Summe erwarte man sich Synergien in Höhe von 500 Mio. Dollar pro Jahr, die im künftigen Ebitda (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) aufscheinen sollen. 75 Prozent dieser Synergien will das neue Unternehmen auch bereits in den ersten drei Jahren heben.

Auch die Kunden sind mit 39 Prozent in Europa, 23 Prozent in Nord- und Südamerika, 25 Prozent in Asien und zwölf Prozent im Nahen Osten und Afrika so breit verteilt wie bei keinem der Konkurrenten. Die Wachstumsstrategie des Unternehmens, das seine Zentrale in Österreich haben und hier auch steuerpflichtig sein wird, gilt als solide. Größer in der Produktion von Kunststoffgranulat sind nun nur mehr zwei chinesische Unternehmen, die aber vor allem in China tätig sind, und der US-Riese Exxon.

Für Österreich bringt die Fusion eine neue wirtschaftliche Größenordnung. Auf deutlich über 40 Milliarden Euro soll sich die Markt­kapitalisierung am Ende – nach zwei weiteren, fix geplanten, Kapitalerhöhungen – belaufen. Es wäre somit der bei Weitem größte Wert im heimischen ATX. Denn neben der Erstnotiz in Abu Dhabi soll es auch eine Zweitnotiz in Wien geben. Gehören wird die BGI schlussendlich jeweils zu knapp 44 Prozent der OMV und XRG (der internationalen Investmentgesellschaft von Adnoc unter der Führung von Ex-OMV-Chef Rainer Seele), der Rest soll Streubesitz sein. Das ist notwendig, um in den prestigeträchtigen MSCI-50-Index aufgenommen zu werden.

BGI soll auch für die OMV den Weg in die Zukunft ebnen. Denn während die Nachfrage nach Benzin und Diesel nicht ewig wachsen wird, werden Polyolefine für Folien oder Kabelbeschichtungen, wie sie BGI herstellt, in jedem Smartphone, E-Auto und Laptop gebraucht. Voraussetzung dafür sind freilich offene Lieferwege rund um den Globus. „Keinem Land darf es erlaubt sein, die Weltwirtschaft so zu destabilisieren“, sagte Al Jaber mit Blick auf den Iran. „Heute nicht – und auch sonst niemals.“