Manchmal entscheidet nicht ein Plan über ein neues Zuhause, sondern ein Moment. In diesem Fall war es ein Licht. Ein Licht, das abends im Dachgeschoss des Altbaus aufleuchtete, in dem Gabriela Galarza de Konrath im 4. Stock wohnte – dort, wo sonst Dunkelheit herrschte. Neugier führte sie zwei Stockwerke höher, ein Gespräch zur Besichtigung und ein kurzer Rundgang reichten aus, um zu wissen: diese Wohnung war zu haben, und diese Wohnung wollte sie haben.
Heute lebt die Künstlerin mit ihrer Familie also hier unter dem Dach, in einer Wohnung, die sich über zwei Ebenen spannt und rund 110 Quadratmeter misst. Ein Raumgefüge, das weniger auf Abgrenzung als auf Offenheit setzt: nur drei Türen gibt es insgesamt, alles andere darf fließen. Licht, Luft und Blickachsen bestimmen die Architektur.
„Die Wohnung wirkt auf den ersten Blick fast größer, als sie tatsächlich ist, nicht zuletzt durch ihre Helligkeit“, erklärt die Besitzerin. Auch im Winter fällt die Sonne tief in die Räume, wärmt Böden und Wände und schafft eine Atmosphäre, die dem Außenklima trotzt. „Man vergisst hier oft, dass es draußen kalt ist“, sagt sie. Genau diese Qualität war es, die sie von Beginn an überzeugt hat.
Links die obere Etage, rechts führt die Treppe in die untere Ebene. Carina Brunthaler
Die Struktur der Wohnung ist streng definiert. Umbauten sind kaum möglich, die Treppe ist das zentrale Element, nicht verhandelbar. Eine wesentliche Veränderung wurde dennoch vorgenommen: Bad und Toilette wurden zusammengelegt, um die ursprüngliche, wenig alltagstaugliche Erschließung zu korrigieren. Mehr war nicht nötig – und auch nicht gewollt.
Der Wunsch nach mehr Raum ist dennoch präsent. Ein Arbeitszimmer für das Homeoffice, ein zweites Bad, vielleicht eines Tages sogar die Verbindung mit der darunterliegenden Wohnung. Eine erneute Begegnung von Alt und Neu. Bis dahin aber funktioniert das Bestehende, vor allem durch Klarheit und Reduktion. Stauraum ist rar, es gibt keinen Abstellraum, vieles wird extern gelagert. Doch der Mangel ist Teil des Konzepts geworden. Minimalismus nicht als Stil, sondern als Konsequenz. Mit jedem Umzug wurde aussortiert. Was geblieben ist, hat Geschichte.
Das Klavier posiert vor einer zartgrünen Wand. Carina Brunthaler
Kleines Stillleben. Carina Brunthaler
Viele Möbel stammen aus den Häusern der Großeltern in Bayern, die einst eine Wirtschaft führten. Der lange, schmale Esstisch erzählt davon ebenso wie das Bücherregal, das früher Marmeladegläser beherbergte. Die Chaiselongue, einst in der Küche platziert, ist heute eines der meistgenutzten Möbelstücke.
Kommode, Kleiderschrank, Schreibtisch – alles Dinge mit Vergangenheit, die sich selbstverständlich in die Gegenwart fügen. Dazu kommen Fundstücke: zwei Metallkästen aus einem ausrangierten AUA-Flugzeug, auf einem Flohmarkt entdeckt, dienen heute als Nachttische. Alte und neue Möbel stehen gleichberechtigt nebeneinander, verbunden durch Haltung, nicht durch Epoche.
Carina Brunthaler
Die Küche ist schwarz – das musste nach zwei weißen Vorgängerküchen einfach sein. „Der dunkle Ton setzt einen ruhigen Kontrast zur Helligkeit der Räume, erdet die Architektur.” Die Wände blieben lange weiß, als Hintergrund für die eigenen Arbeiten, die sich meist in Schwarz, Weiß und Grau bewegen. Erst mit der Zeit kam Farbe hinzu, vorsichtig, dosiert, fast beiläufig.
Auch die Türen wurden ausgetauscht. „Glastüren waren uns zu transparent, zu kühl.” Heute schaffen geschlossene Flächen mehr Ruhe, mehr Rückzug, ein wichtiger Gegenpol zur Offenheit des Grundrisses. Die Wohnung ist nicht nur Lebensraum, sondern auch Denkraum. Für die Malerin ist die Umgebung essenziell: Licht, Stille, Weite.
Schreibtisch mit Ausblick. Carina Brunthaler
Die Künstlerin bei der Arbeit. Carina Brunthaler
All das wirkt direkt auf die Arbeit. Ihre Kunst findet oft im öffentlichen Raum statt, in Form von bemalten Schaufenstern, temporären Interventionen, Ausstellungen auf Zeit. Umso wichtiger ist ein Zuhause, das nicht aufputscht, sondern trägt. Der eigentliche Mittelpunkt der Wohnung ist das Esszimmer. „Hier kommen wir alle gerne zusammen, hier findet Alltag statt. „Das Wohnzimmer ist der gemütlichste Raum, aber fast schon ein Rückzugsort, reserviert für gemeinsames Lesen, für Filme, für ruhige Abende.
Blick ins Schlafzimmer mit den ruhigen Farben. Carina Brunthaler
Drinnen steht eine einzige Pflanze: der Gummibaum, der die Familie seit der ersten gemeinsamen Wohnung begleitet.“ Sie ist die einzige Grünpflanze, die alle Umzüge überlebt hat.“ Draußen dagegen entfaltet sich ein kleines Paradies. „Hier tobt sich mein Mann aus.” Zwei Balkone, üppig bepflanzt, liebevoll gepflegt. Kräuter, Blumen, Tomaten, Erdbeeren. Im Sommer wird hier gekocht, gegessen, gelebt und manchmal sogar geschlafen. Unter freiem Himmel, mit Blick in die Sterne.
Carina Brunthaler
Carina Brunthaler
Zum Ort, zur Person
Neubau wurde 1861 zum siebten Wiener Bezirk, dicht verbaut, nur 2,9 Prozent Grünland. Beliebter Wohnbezirk für Kreative und junge Leute mit Budget.
Eigentumswohnungen (gebraucht) kosten in Neubau in guter Lage rund 4500 Euro/m2. Im Erstbezug Neubau kosten sie in gleicher Lage rund 6500 Euro/m2.
Gabriela Galarza de Konrath ist in Ecuador geboren und hat Malerei an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert. Sie arbeitet in Wien als Malerin und Illustratorin.