Die Kataris waren aufgetaucht und bekundeten ihr Interesse. Sie hätten ganz andere wirtschaftliche Möglichkeiten gehabt als wir, aber die Verantwortlichen im Ritz-Carlton Bacara sind zu ihrem Wort gestanden. Wir sind sehr froh, dass wir uns mit Santa Barbara doch noch unsere erste Wahl sichern konnten. Das richtige Team-Basecamp ist ein wesentlicher Faktor für ein gelungenes Turnier.
Es geht darum, einen Energie- und Kraftort zu schaffen. Keine Wohlfühloase. Spieler und Betreuer sollen bestmögliche Voraussetzungen haben, um ihre maximale Leistung abrufen und zudem ihre Freizeit sinnvoll nutzen zu können. 60 Personen haben 60 unterschiedliche Vorstellungen. Die einen wollen in die Stadt fahren, manche in ein Café gehen, andere wollen Golf spielen. Nach dem Ausscheiden bei der EM 2024 meinten die Spieler, sie hätten es in unserem Quartier in Berlin noch drei Wochen ausgehalten. Wir werden es wieder schaffen, dass niemandem langweilig wird.
Ich nehme an, dass sich auch Teamchef Ralf Rangnick wieder sehr stark einbringt, wenn es um das Erscheinungsbild des Basecamps geht. Für jenes in Berlin hatte er sich sogar mit einem ihm bekannten Innenarchitekten abgestimmt, um Veränderungen vorzunehmen. Wie arbeitet es sich mit einem Perfektionisten wie Rangnick?
Ich schätze es sehr, dass Ralf sich in jedem Teilbereich einbringt. Manche Diskussionen mit ihm sind kontrovers, aber am Ende haben wir alle immer mit Kreativität zu einem gemeinsamen Ergebnis gefunden. Es ist ja nicht so, dass Ralf in komplett anderen finanziellen Dimensionen denkt, wenn er Ideen hat. In Berlin haben wir es geschafft, mit vergleichsweise geringem monetären Aufwand eine hohe Individualisierung und Emotionalisierung zu schaffen, mit viel Liebe zum Detail. Zum Beispiel durch die Porträtbilder jedes einzelnen Spielers in seinem Zimmer. Ein Basecamp soll wie ein großes Wohnzimmer sein.
»Es ist ja nicht so, dass Ralf in komplett anderen finanziellen Dimensionen denkt, wenn er Ideen hat«
Neuhold über die Vorstellungen Rangnicks
Was musste der ÖFB für das WM-Quartier in Santa Barbara auf den Tisch legen?
Wir checken am 4. Juni ein und werden es am 25. Juni verlassen und hoffentlich im nächsten Spielort einchecken – es sei denn, wir spielen im Sechzehntelfinale in Los Angeles, dann verlängern wir unseren Aufenthalt. Wir sprechen also bis zum Abschluss der Gruppenphase von drei Wochen für 60 Personen. Da ist man bei einem hohen sechsstelligen Betrag.
Sie haben vorhin das Golfen erwähnt. Ein Golfplatz in unmittelbarer Nähe ist im Team-Basecamp schon ein Must-have, oder?
Definitiv. Es ist mittlerweile so, dass von Spielern und Betreuern jeder Zweite golft. Das ist spannend zu verfolgen. Bei der EM in Frankreich vor zehn Jahren gab es einen Golfplatz vor Ort, aber bis auf Marc Janko hat glaube ich niemand gespielt. Das Golfen hat in der aktuellen Mannschaft einen zusätzlichen Teambuildingcharakter bekommen. Auch der Teamchef greift immer wieder zum Schläger.
Es ist, und das ist vor einem Großereignis umso wichtiger, angenehm ruhig im Umfeld des ÖFB. Das war in der Vergangenheit mit den plagenden Präsidiums-Querelen nicht immer so. Ist diese Zeitenwende am ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzenden Josef Pröll festzumachen?
Josef Pröll ist jemand, der viel kommuniziert, das föderale System versteht. Er wusste in seiner Position von Anfang an, worauf es ankommt. Er hat den Löwenanteil daran, dass es aktuell ruhig ist. Josef Pröll hat auch dafür gesorgt, dass interne Diskussionen wirklich intern bleiben. Nach außen ist er ein Türöffner in Politik und Wirtschaft. Die Zusammenarbeit mit ihm ist ausgesprochen angenehm und hochprofessionell.
Hat er es auch geschafft, die Gräben zwischen Ihnen und Generalsekretär Thomas Hollerer zuzuschütten?
Ich werde mediale Darstellungen nicht bestätigen und auch nicht kommentieren. Ich mache jeden Tag mit bestem Wissen und Gewissen meine Arbeit. Und dies unverändert mit großer Freude.
»Josef Pröll ist jemand, der viel kommuniziert, das föderale System versteht. Er hat den Löwenanteil daran, dass es aktuell ruhig ist. «
Neuhold über das Wirken des ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzenden Pröll
Ralf Rangnick und viele Spieler sind Ihnen nach Ihrer vorübergehenden Freistellung im November 2024 zur Seite gesprungen und haben sich öffentlich für Ihren Verbleib eingesetzt. Was hat das damals mit Ihnen gemacht?
Ich wusste das schon zu schätzen. Es hat mich gefreut, weil es letztlich eine schöne Bestätigung meiner Arbeit war. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass diese Aussagen nicht auf eine Freunderlwirtschaft reduziert werden – ein Eindruck, der in der damaligen Debatte etwas mitgeschwungen ist. Wir reden hier von einer professionellen Zusammenarbeit, innerhalb derer sich natürlich auch Vertrauensverhältnisse entwickelt haben. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Statements des Teamchefs und der Spieler darin begründet waren, dass ich mit meiner Arbeit einen Teil zum funktionierenden Miteinander beitrage.
Der ÖFB bestreitet vor der WM noch drei Testspiele in Wien. Die Preispolitik ist vielen Fans schon länger ein Dorn im Auge. Für einen guten Sitzplatz gegen Ghana oder Südkorea auf der Längsseite hat ein Erwachsener 64 Euro zu berappen. Hand aufs Herz: Ist das nicht zu viel?
In dieser Diskussion möchte ich einige Aspekte betonen, die mir wichtig sind. Erstens: Ein Länderspiel des Nationalteams ist ein Premiumprodukt. Für gewöhnlich gibt es fünf Heimspiele im Jahr, und ich erachte einen Preis von 64 Euro für die beste Kategorie als gerechtfertigt. Ziehen wir den Vergleich zu Konzerten: Da kriegst du nichts um 64 Euro. Da bist du beim Doppelten und teilweise beim Dreifachen. Zweitens: Wir haben in der historischen Preisentwicklung in den vergangenen Jahren bewusst keine Erhöhung durchgeführt. 2018 waren für die Freundschaftsspiele gegen Deutschland und Brasilien 72 Euro zu bezahlen.
»Würden wir die 72 Euro aus dem Jahr 2018 heute indexieren, wären wir bei 90 bis 100 Euro.«
Neuhold über die Preispolitik des ÖFB
Man könnte entgegenhalten, dass die Preise damals schon zu hoch waren.
Das kann man immer sagen. Aber ich bleibe dabei, für ein Premiumprodukt und im Vergleich zu anderen Veranstaltungen ähnlicher Dimensionen sind die Länderspielpreise definitiv nicht überzogen. Sie haben ihre Berechtigung. Würden wir die 72 Euro aus dem Jahr 2018 heute indexieren, wären wir bei 90 bis 100 Euro. Wir beim ÖFB haben die Inflationsschritte, die nahezu die gesamte Wirtschaft und Lebensmittelindustrie vollumfänglich mitgemacht haben, nicht umgesetzt.
Wenn wir über Preise sprechen, müssen wir auch über die WM sprechen. Man hört von absurden Preisen. In Dallas, wo Österreich gegen Argentinien spielt, soll es kein Hotelzimmer mehr unter 500 Euro geben.
Bei dieser Diskussion bin ich sofort dabei. Ich weiß schon, dass man ein Freundschaftsspiel nicht mit einem WM-Spiel vergleichen kann. Wenn aber für die Partie gegen Argentinien das Zehnfache ausgerufen wird, dann ist für mich die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gegeben. Tickets der Kategorie 1 kosten 700 Dollar, dann geht es weiter mit 500 Dollar (Kategorie 2) und 265 Dollar (Kategorie 3). Und dann gibt es noch die Kategorie 4 für 60 Dollar, aber davon gab es nur ein sehr eingeschränktes Kontingent.
Ein WM-Besuch ist für Fans aus aller Welt mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden. Mit wie vielen Fans aus Österreich rechnen Sie?
Unsere ÖFB-Kontingente sind für alle drei Gruppenspiele bereits ausgebucht, da gibt es keine Restbestände mehr. Pro Spiel macht das zwischen 6000 und 7000 Fans aus Österreich. Ich war selbst überrascht, wie groß die Nachfrage nach Tickets war, weil Entfernung und Kostenfaktor nicht unbeträchtlich sind. Das ist erfreulich und wohl auch der langen Wartezeit seit der letzten WM geschuldet.
Die Fifa schüttet bei der WM ein Rekordpreisgeld von 727 Millionen Dollar aus und rühmt sich mit einer Steigerung von 50 Prozent im Vergleich zu 2022. Wie viel vom Kuchen bekommt der ÖFB?
Die Fifa schüttet ordentlich aus, wenn man das Gesamtvolumen betrachtet, aber die Anzahl der Empfänger ist mit 48 Mannschaften im Vergleich zu den 24 EM-Teilnehmern deutlich höher. Bedingt durch den Wechselkurs bekommen wir als Verband eine geringere Antrittsprämie als bei der letzten EM, nämlich 10,5 Millionen Dollar. Anders als bei der Uefa gibt es bei der Fifa aber keine Bonifikationen in der Gruppenphase für Siege und Unentschieden. Bei der EM 2024 haben wir ein Preisgeld samt den Bonifikationen von 12,75 Millionen Euro erhalten. Bei der WM müssten wir dafür schon das Achtelfinale erreichen, also eine K.o.-Runde gewinnen, um ein vergleichbares Ergebnis mit 14 Millionen Dollar einzuspielen. Dies bei definitiv höheren Kosten aufgrund der Preise in den USA. Erst ab dem Viertelfinale wird es finanziell wirklich attraktiv.
»Unsere ÖFB-Kontingente sind für alle drei Gruppenspiele bereits ausgebucht, da gibt es keine Restbestände mehr. «
Neuhold über die Ticket-Nachfrage aus Österreich
Um Bewegung in die Stadion-Frage zu bekommen, müsste Österreich wohl Weltmeister werden. Für den Titel gäbe es 50 Millionen Dollar.
Selbst das würde zu wenig sein. Bei der Stadionfrage bedarf es dreier Säulen: Bund, Land – und die dritte Säule ist eben nicht der ÖFB, sondern müsste ein Investor sein. Es ist unser Part als Verband, für einen entsprechenden Investor zu sorgen. Wir als Verband allein haben keine Chance, im dreistelligen Millionenbereich zu denken.
Ist denn ein Investor in Sicht?
Ich bin überzeugt, dass der Standort Wien für Investoren attraktiv ist. Die Stadionfrage wird aber auch oftmals falsch beleuchtet. Wir sind ja nicht so naiv zu glauben, dass es ein neues Fußballstadion für das Nationalteam geben wird. Es müsste eine moderne Event-Arena sein, die ganzjährig bespielt wird und in der auch drei, vier, fünf Fußballspiele im Jahr stattfinden können. Der Fußball soll nicht der Träger sein, der Fußball soll einer von vielen Nutzern sein. Ein paar Adaptierungen und Sanierungen machen aus dem Happel-Stadion keine Event-Arena. Ich bin überzeugt davon, dass Wien der größte Profiteur einer solchen Arena wäre. Man würde sich damit noch mehr in Richtung Weltstadt entwickeln.
Mich interessiert noch Ihre Meinung zu Rapid. Sind die Vorkommnisse vom jüngsten Wiener Derby nicht auch ein Thema, das den ÖFB betrifft? Immerhin nimmt der gesamte österreichische Fußball Schaden.
Der ÖFB, die Bundesliga, die Politik – sie alle können mit guten Ratschlägen zur Verfügung stehen und unterstützen. Aber der Schlüssel zur Lösung des Problems kann nur beim jeweiligen Verein liegen. Die historische Chance, maßgeblich etwas zu verändern, gab es nach dem Platzsturm im Derby 2011. Heute, 15 Jahre später, stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen. Auch wenn es kein einfacher Weg ist: Es geht nur über den internen Dialog mit den Fangruppen. Diese werden irgendwann einmal erkennen müssen, dass hier viele Unschuldige in Sippenhaft genommen werden. Nicht nur, wenn es um Strafen, sondern auch um die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geht.
»Die historische Chance, maßgeblich etwas zu verändern, gab es nach dem Platzsturm im Derby 2011. Heute, 15 Jahre später, stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen. «
Neuhold über Hütteldorfer Versäumnisse
Welche Schritte wären nun nötig?
Man sollte überdenken, ob der Strafenkatalog in seiner jetzigen Form wirklich ausreichend ist. Je empfindlicher die Strafen, desto wahrscheinlicher wird die Bereitschaft sein, diese Themen ernsthaft zu verfolgen. Selbstverständlich muss auch unverändert in der Prävention ein Schwerpunkt gesetzt werden.
Zur Person
Bernhard Neuhold, 53, wurde in Mistelbach in Niederösterreich geboren.
Nach dem Wirtschaftsstudium in Wien arbeitete der Absolvent der Sport Management Akademie der Bundesliga seit 2004 in verschiedenen Funktionen im ÖFB.
Ab 2009 war Neuhold im Verband Direktor für Organisation und Finanzen.
Seit 2016 leitet er die Geschicke als Geschäftsführer der Wirtschaftsbetriebe GmbH des ÖFB.