Die globale Energiekrise erreicht eine neue Eskalationsstufe: Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor akuten Versorgungsengpässen bei Öl und Treibstoffen in Europa noch im April 2026. Grund sind die anhaltende Blockade der Straße von Hormus und neue Störungen an russischen Exportterminals.
Straße von Hormus blockiert – 20 Prozent der globalen Ölversorgung fehlen
Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Nach IEA-Angaben könnte die ausgefallene Ölmenge auf dem Weltmarkt im April doppelt so hoch sein wie im Vormonat März. Der Hauptgrund ist die anhaltende Schließung der Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Öls fließt. Bereits jetzt fehlen täglich über zwölf Millionen Barrel.
Die Krise übertrifft in ihrem Ausmaß die Ölschocks der 1970er Jahre und die Energiekrise 2022 zusammengenommen. Hinzu kommt: Fast 40 zentrale Energieanlagen im Nahen Osten sind beschädigt. Ihre Reparatur würde Monate dauern – selbst wenn die Kampfhandlungen sofort endeten.
Diesel und Kerosin werden knapp – Logistik und Luftfahrt in Gefahr
Die eigentliche Bedrohung für Europa sind nun die Raffinerieprodukte. Die zunächst in Asien spürbare „Treibstoff-Krise“ erreicht jetzt den europäischen Markt. Besonders kritisch ist die Versorgung mit Diesel und Kerosin.
Für die deutsche Wirtschaft könnte die Knappheit bereits Ende April oder im Mai spürbar werden. Die Luftfahrt ist extrem verwundbar: Die Kerosinpreise haben sich seit Beginn des Konflikts bereits verdoppelt. Fluggesellschaften drohen massive Zuschläge oder Streichungen von Verbindungen.
Diesel ist das Rückgrat des europäischen Güterverkehrs und der Landwirtschaft. Ein Engpass würde die Frachtkosten in die Höhe treiben und Lieferketten gefährden. Der „Crack Spread“ – die Differenz zwischen Rohöl- und Endproduktpreis – hat historische Höchststände erreicht. Das zeigt den akuten Mangel an Raffineriekapazitäten.
EU erwägt Notmaßnahmen – Strategiereserven reichen nicht lange
Die Europäische Kommission hat bereits Ende März in einer Dringlichkeitssitzung mit den Energieministern beraten. EU-Energiekommissar Dan Jørgensen warnte vor einem „lang anhaltenden“ Energieschock. Die verpflichtenden Ölreserven der Mitgliedstaaten bieten nur einen begrenzten Puffer.
Die Brüsseler Behörde prüft nun die Wiedereinführung von Krisenmaßnahmen aus dem Jahr 2022. Dazu könnten Netzentgelte und Anpassungen der Stromsteuer gehören, um Verbraucher und Industrie zu entlasten. Die IEA denkt über eine weitere Freigabe strategischer Ölreserven nach, nachdem bereits 400 Millionen Barrel abgegeben wurden.
Doch diese Reserven sind nur ein kurzfristiges Instrument. Sie können den Ausfall von 20 Prozent des globalen Angebots nicht dauerhaft kompensieren. Einige EU-Staaten wie Polen und Spanien senken bereits eigenständig die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe. Die Kommission warnt jedoch vor einem Flickenteppich nationaler Maßnahmen, der zu Marktverzerrungen und „Tank-Tourismus“ führen könnte.
Russische Exporte brechen ein – Baltische Häfen getroffen
Die Krise wird durch eine weitere Störung verschärft: Die russischen Ölexporte über die Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga sind massiv beeinträchtigt. Beide Terminals, über die mehr als 40 Prozent des russischen Exports abgewickelt werden, wurden offenbar durch Drohnenangriffe auf Infrastruktur getroffen.
Satellitendaten zeigen Brände an Lagertanks, die etwa ein Viertel der Speicherkapazität ausmachen. Der staatliche Pipeline-Betreiber hat Exporteure informiert, dass die Beladung in der ersten Aprilhälfte nicht planmäßig erfolgen kann. Dieser Ausfall beseitigt eine weitere wichtige Ölquelle genau dann, wenn die Lieferungen aus dem Nahen Osten bereits stark reduziert sind.
Wirtschaft steht vor Belastungsprobe – Rezessionsgefahr steigt
Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor höherer globaler Inflation und schwächerem Wachstum. Finanzinstitute wie BlackRock halten eine globale Rezession für wahrscheinlich, sollte der Ölpreis die Marke von 150 US-Dollar pro Barrel erreichen.
Allein in der EU haben die ersten 30 Tage des Konflikts die Rechnung für fossile Energieimporte um schätzungsweise 14 Milliarden Euro erhöht. Langfristig könnte die Krise den Umstieg auf erneuerbare Energien beschleunigen, die nun deutlich wettbewerbsfähiger sind. Rekordwerte bei Wind- und Solarstrom in Großbritannien im ersten Quartal 2026 zeigen diesen Trend.
Doch der grüne Umbau kommt für die akute „April-Krise“ zu spät. Europa muss einen schwierigen Balanceakt zwischen kurzfristiger Versorgungssicherheit und langfristiger Transformation meistern. Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Sollte sich die Versorgungslücke weiter vergrößern, könnten sogar Maßnahmen wie Tempolimits, Homeoffice-Pflicht oder Treibstoffrationierung auf die Agenda rücken.